Landeskunde Baden-Württemberg

 

Flucht und Vertreibung

Stefan Jehle

Dieses Dossier stellt die Flucht und Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung in den deutschen Ostgebieten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Mittelpunkt. Es ist gleichsam der Versuch, mit dem Fokus auf das heutige Baden-Württemberg das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ zu beschreiben.

 

Das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Flüchtlinge“

Wenn von Flucht und Vertreibung die Rede ist, denken viele zunächst an die aktuellen Kriegsherden der Welt, an Syrien und den Irak, an Afghanistan, Jemen oder den Sudan. In der Tat: Im Jahr 2020 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei rund 80 Millionen. Seit 2010 hat sich diese Zahl verdoppelt.

Flucht und Vertreibung waren jedoch auch im 20. Jahrhundert Massenphänomene. Das letzte Jahrhundert wird auch als „Jahrhundert der Flüchtlinge“ bezeichnet. Nie zuvor hatte es derart weitreichende und zumeist erzwungene Völkervertreibungen gegeben. Im Mittelpunkt standen damals nicht Afrika oder Asien, sondern Europa.

Der Höhepunkt der Fluchtbewegungen

Während des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs wurden schätzungsweise 50 bis 60 Millionen Menschen deportiert, zwangsweise umgesiedelt und vertrieben – oder sie flohen vor heranrückenden Armeen. Bereits zwischen 1939 und 1944 wurden allein rund neun Millionen Menschen Opfer der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik. Während des Zweiten Weltkriegs mussten über 20 Millionen Menschen aus allen von Deutschland besetzten Ländern Zwangsarbeit leisten: ausländische Zivilarbeitskräfte, Konzentrationslagerhäflinge und Kriegsgefangene. Diejenigen, die das unmenschliche NS-Zwangsarbeitersystem überlebten, wurden nach dem Krieg als „Displaced Persons“ (oder „heimatlose Ausländer“) bezeichnet. Rund weitere zehn Millionen Menschen im Deutschen Reich waren wegen der Bombenangriffe zeitweilig „evakuiert“ worden und hatten ihre angestammte Heimat verlassen müssen.

Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten

Das bereits 1944 absehbare Kriegsende löste nach den von den Nationalsozialisten erzwungenen „Umsiedlungen“ weitere Wellen von Flucht und Vertreibung aus. Zwischen 1944 und 1951 verloren durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung mehr als 12 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den südosteuropäischen Siedlungsgebieten ihre Heimat. Davon kamen rund acht Millionen Menschen in die amerikanische und die englische Besatzungszone, erst später auch in die südlich gelegenen französisch besetzten Bereiche. Etwa vier Millionen Menschen kamen in die sowjetisch besetzte Zone, aus der 1949 die DDR entstand. Hier wurden die Vertriebenen euphemistisch „Umsiedler“ genannt.

Die Vertreibung der Deutschen hatten die Alliierten auf den großen Kriegskonferenzen in Teheran (1943), Jalta (Februar 1945) und Potsdam (Juli/August 1945) vorbereitet und beschlossen. Die Exilregierungen der Polen und Tschechen hatte dies nicht gehindert, bereits unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Mai und Juni 1945 mit sogenannten „wilden Vertreibungen“ in vielen Gebieten vollendete Tatsachen zu schaffen. Nach der Gründung der DDR im Jahr 1949 und nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni 1953 flüchteten bis zum Mauerbau 1961 zudem viele Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland.

Anfänge der Flucht und Vertreibung

Flucht und Vertreibung hatte es bereits während und nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Eine besondere Art des Vorgehens hielt damals schon Eingang in das politische Handeln, das heute als „ethnische Säuberung“ bezeichnet wird.
Ob bei der Vertreibung der Deutschen aus Elsass-Lothringen, nachdem dieses Gebiet ab 1918 wieder zu Frankreich gehörte, ob bei dem „Bevölkerungstausch“ zwischen der Türkei und Griechenland nahe der Meerenge des Bosporus in den Jahren nach 1923 oder ob bei alldem, was von den Nationalsozialisten in den osteuropäischen besetzten Gebieten nach 1939 initiiert wurde und sich dann – gewissermaßen als „Kettenreaktion“ – ab 1944/45 gegen die Deutschen selbst richtete: Die Vertreibung von großen Bevölkerungsgruppen hatte meist einen „ethnisch einheitlichen Nationalstaat“ als Ziel.

Grundmuster

Menschen anderer Sprache, Religion oder anderer Ethnie siedelte man um, vertrieb, misshandelte oder tötete sie. Das löste nicht erst auf dem Balkan in den Bosnienkriegen der 1990er-Jahre Verwerfungen aus: Es war ein Grundmuster im „Jahrhundert der Flüchtlinge“. Schon der Völkermord an den Armeniern als christlöiche Minderheit im Osmanischen Reich mit dem Höhepunkt 1915/16 war einer der ersten Genozide des 20. Jahrhunderts. Die Zahl der Opfer wird heute auf mindestens 800.000 geschätzt. Vertrieben wurden 1922/23 aber auch Hunderttausende Griechen aus Kleinasien und Thrakien, ausgelöst durch Mustafa Kemal Atatürk – und in der Folge weitere zwei Millionen Menschen in Griechenland und im Westen der Türkei zur „Umsiedlung nach geordnetem Statut“, völkerrechtlich „legitimiert“ durch den im Januar 1923 geschlossenen Vertrag von Lausanne. Der ursprünglich im Nationalstaat wurzelnde Gedanke, durch Trennung und Umsiedlung von nationalen Ethnien „Frieden“ zu schaffen, mündete in Gewalt und unmenschlicher Perversion.

Umsiedlungen und Deportationen gab es auch in Russland bzw. in der Sowjetunion: Noch im zaristischen Russland war den lange im Land lebenden deutschen und polnischen Siedlern Binnenwanderung und Landerwerb eingeschränkt worden. Deutsche Kolonisten wurden im Verlauf des Ersten Weltkriegs aufgefordert, zahlreiche Gebiete zu verlassen. In Galizien und in „Russisch-Polen“ wurden etwa 800.000 Deutsche und 600.000 Juden zwangsumgesiedelt.

Mit dem stalinistischen Terror seit den 1930er-Jahren wurden Hunderttausende Deutsche, Polen, Letten, Finnen, Iraner und Kurden deportiert. Vergleichbares passierte in den Jahren 1939 und 1940 in den im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes annektierten Gebieten Polens, Rumäniens und des Baltikums. Auch hier deportierten die sowjetischen Machthaber etwa 1,2 Millionen Menschen ins Landesinnere. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurden zwischen 1941 und 1942 weitere rund 1,2 Millionen Deutsche aus der Autonomen Wolgarepublik, aber auch aus anderen Regionen der Sowjetunion nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Parallel dazu erfolgten die Massendeportationen europäischer Juden durch die NS-Machthaber und die ersten Massenerschießungen von Juden ab dem Juni 1941 in Litauen. Nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 erfolgte der systematische Aufbau der Konzentrations- und Vernichtungslagern der Shoah. Knapp die Hälfte der insgesamt rund sechs Millionen jüdischen Opfer wurde in den Vernichtungslagern ermordet, die andere Hälfte starb an Misshandlung, Folter, Hunger oder bei Massenerschießungen.

Rechtfertigung nicht möglich

Für dieses „Jahrhundert der Flüchtlinge“, für Deportation und zwangsweise Vertreibung, kann es keine Rechtfertigung und auch keine Aufrechnung des Leids geben – weder im Fall der Armenier (1915/16), der Griechen und Türken im Grenzland „Thrakien“ (1923) noch bei den Vertreibungen unter Hitler und Stalin, und auch nicht bei der Vertreibung der Deutschen aus ihren angestammten Gebieten in Ostpreußen, Schlesien oder dem Sudetenland ab dem Herbst 1944 und dem folgenden Frühjahr 1945. Vertreibung ist und bleibt ein Unrecht, egal wer der der Verursacher der Vertreibungen sein mag.

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