Landeskunde Baden-Württemberg

 

"... in Lörrach die Fabrik"

Industrialisierung am Oberrhein

Hermann Schäfer

Die Industrialisierung am Oberrhein begann Anfang des 19. Jahrhunderts und ist ohne den Einfluss der Nachbarn Schweiz und Elsass nicht denkbar. Basel und Zürich sowie Mülhausen und deren Unternehmer waren besonders einflussreich. Diese Entwicklung setzte im Südwesten ein und erreichte erst später die nördlicheren Teile Badens. Lörrach und St. Blasien zählen zu den ersten Orten industrieller Initiativen überhaupt in Deutschland, auch wenn die Industrialisierung insgesamt in Baden später einsetzte als in Sachsen und am Niederrhein. Einen Schub brachte in den 1830er-Jahren der Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein. Der Eisenbahnbau und die Schiffbarmachung des Rheins waren danach wichtige infrastrukturelle Maßnahmen, die vor allem Mannheim ab der Jahrhundertmitte zur besungenen Wirtschaftsmetropole Badens wachsen ließen.

Lieder und Liedtexte sind nicht selten Spiegel ihrer Entstehungsgeschichte. Auch das Badnerlied hat viele, meist vergessene historische Bezüge und könnte genauso gut als ein eigener Erinnerungsort betrachtet werden. Wäre es Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, hätte gewiss niemand eine Fabrik in Mannheim besungen. Denn die Stadt der Quadrate war damals mehr Residenz- und Festungsstadt als Gewerbe-, geschweige denn Industriestadt – auch wenn Karl Drais hier 1817 seine Laufmaschine entwickelte. Die Industrialisierung, also die Einführung von Arbeitsmaschinen in die Produktion, begann in Baden tatsächlich am südlichen Oberrhein Anfang des 19. Jahrhunderts: im rechtsrheinischen Lörrach und gleichzeitig, etwa 50 km von dort, tief im Schwarzwald, im ehemaligen Kloster St. Blasien. Die entsprechende Strophe des Badnerliedes hätte Anfang des 19. Jahrhunderts also eher gelautet:

In Karlsruh' ist die Residenz,
in Lörrach die Fabrik,
in Rastatt ist die Festung,
und das ist Badens Glück!