Landeskunde Baden-Württemberg

 

Zeittafel der Ereignisse und Fakten

1996

Im April und Mai gingen erstmals telefonisch und später schriftlich anonyme Anzeigen ein, in denen das Betrugssystem mit nicht-existenten Bohrsystemen beschrieben wurde. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren nach Vorerermittlungen durch die Steuerfahndung 1997 ein. Im Rahmen einer Betriebsprüfung wurden jedoch 100 Millionen D-Mark an fälliger Steuernachzahlung festgesetzt – und auch bezahlt. Schon zuvor war Manfred Schmider ins Visier der Justiz geraten: ein schwerer Raubüberfall in sein Privatanwesen aus dem Jahr 1986, der zu der Zeit auch schon Thema in der ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" war - und bei dem Schmuck im Wert von rund einer Million D-Mark von der Versicherung erstattet wurde - ist 1995 erneut Gegenstand von Ermittlungen. Zwei mutmaßliche Mittäter sagten aus, der Überfall 1986 sei von Manfred Schmider selbst initiiert worden. Die Ermittlungen werden aber schon bald wieder eingestellt. Bis heute hält sich der dringende Verdacht, die erstattete Summe der Versicherungsgelder sei "Schmiders Grundstock für den Kauf der Flowtex-Bohrsysteme" in den USA gewesen. Flowtex war 1986 gegründet worden.

1996

In Rheinmünster-Söllingen, unweit von Baden-Baden, geht der neue Regionalflughafen Karlsruhe/Baden-Baden in Betrieb. Hauptanteilseigner ist Manfred Schmider. Regionalpolitikern war sein Engagement auf dem einstigen französischen Militärflughafen überaus willkommen...

1999

Auf dem Durlacher Turmberg - der höchsten Erhebung der Stadt Karlsruhe über der Rheintalebene, auf der Manfred Schmider ein luxuriöses Anwesen sein Eigen nannte -, wurde am 3.Juli 1999 ein pompöses Geburtstagsfest gefeiert, das 50. Wiegenfest von Manfred Schmider. Einige hundert Banker, Bürgermeister, Landräte  - darunter auch Repräsentanten der Stuttgarter Landesregierung - ließen sich bei einer rauschenden Party (mit geschätzten Kosten von einer Million D-Mark) verwöhnen. Mit dabei: auch Ex-Ministerpräsident Lothar Späth.

Die ehemalige Villa am Turmberg, Foto: Stefan Jehle

1999

Im Beisein von Erwin Teufel, dem amtierenden Ministerpräsidenten, wird in Rheinmünster-Söllingen der erste Spatenstich zur neuen Firmenzentrale von Flowtex getätig. Im Herbst desselben Jahres schließen sich Geldwäsche-Ermittler der portugiesischen und spanischen Behörden mit dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden kurz. Die Falle schnürt sich allmählich zu, kurz vor dem Tag als eine neue 300 Millionen D-Mark schwere Anleihe von Großbanken am Kapitalmarkt platziert werden sollte: ein dringend benötigte "neue Geldspritze" für Flowtex. Juli und September 1999 war es zuvor zu zwei konspirativen Treffen der Spanier mit Karlsruher Finanzbeamten gekommen. Auch die Portugiesen waren mit im Boot.

2000

Am 4.Februar klickten die Handschellen. Mehr als 100 Beamte schlugen gleichzeitig in ganz Deutschland verteilt zu, sie beschlagnahmten 7.000 Aktenordner. In Windeseile wurden hunderte von Konten eingefroren - Schmider verfügte allein über 383 Konten. Fahnder und Privatdetektive spürten weltweit versteckte Beute in einer Größenordnung von knapp einer halben Milliarde D-Mark auf. Sage und schreibe 112 Banken und Leasinggesellschaften standen - wie es der Flowtex-Spezialist Meinrad Heck es benannte - da "wie begossene Pudel". Manfred Schmider besaß zu diesem Zeitpunkt - neben der Villa am Durlacher Turmberg, deren Wert zuletzt auf rund 6 Millionen Euro geschätzt wurde - mondäne Anwesen in Cannes, Miami und Ibiza; ein Chalet mit begehbarem Tresor in St.Moritz sowie Appartements in diversen Metropolen der Welt. Dazu kam ein privat genutzter Hubschrauber, ein Firmenjet und Privatflugzeuge, Ferraris, diverse Yachten im Mittelmeer - der Flughafen in Söllingen ging in öffentliche Hände über.

2000

In kurzer Folge wird Anklage erhoben gegen Manfred Schmider, als Haupttäter; gegen Klaus Kleiser, den Flowtex-Mitbegründer und Co-Geschäftsführer, gegen enge Mitarbeiter wie Angelika Neumann (Geschäftsführerin der Leasingtochter KSK), den ehemaligen Finanzchef und Ex-Banker Karl Schmitz. Bis Ende August 2001 wird die Zahl der Beschuldigten in drei Dutzend Ermittlungsverfahren auf über 40 ansteigen. Drei Steuerfahnder in werden von dem Fall Flowtex abgezogen. Sie sollen seit Jahren von Betrug gewusst haben.

2001

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die Flowtex u.a. 1997 ordnungsgemäße Bücher attestiert hatte, erklärt sich zur Zahlung von 100 Millionen D-Mark an den Pool der Flowtex-Gläubiger bereit.

2001

Beginn des Flowtex-Prozesses vor dem Landgericht Mannheim. Auf der Anklagebank sitzen die vier Hauptverdächtigen Schmider, Kleiser, Neumann, Schmitz. Alle vier legen Geständnisse ab, bestätigen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Am 18.Dezember 2001 ergehen die Urteile: Manfred Schmider muss 12 Jahre ins Gefängnis, Klaus Kleiser neuneinhalb Jahre. Neumann wird zu siebeneinhalb Jahren verurteilt, Karl Schmitz zu sechseinhalb Jahren. Die Haftdauer bei Schmider wird später wegen Rechtsfehler geringfügig korrigiert. Noch während des laufenden Prozesses wird Schmiders Bruder Matthias verhaftet.

2002

Matthias Schmider, der jüngere Bruder des Ex-Flowtex-Chefs wird zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Der baden-württembergische Landtag stimmt für die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses, der drei Jahre lang arbeiten wird. Banken und Leasinggesellschaften streben wenig später so genannte "Staatshaftungsklagen" an, die jedoch verworfen werden. Auch gegen Manfred Schmider laufen neue Ermittlungsverfahren: u.a. wegen des Überfalls aus 1986.

2004

Im Kontext des Untersuchungsausschusses beim Landtag werden Vorgänge bekannt, die am 18.Juni 2004 zum Rücktritt des Landeswirtschaftsministers Walter Döring (FDP) führen. Er wird insgesamt aus der Politik ausscheiden. Wenig später tritt auch die FDP-Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck zurück. Die Aufsicht über Baden-Württembergs Staatsanwaltschaften lag ab dem Jahr 1996 bei FDP-Justizminister Ulrich Goll. Die Sonderkommission Flowtex der Landespolizeidirektion Karlsruhe wurde im November 2004 aufgelöst. Im Laufe des Verfahrens rückten die Beamten europaweit zu 55 Hausdurchsuchungen aus. Im größten Fall von Wirtschaftskriminalität der deutschen Nachkriegsgeschichte wurden gegen 110 Beschuldigte insgesamt 123 Ermittlungsverfahren geführt. Gegen die Haupttäter verhängten mehrere Gerichte Freiheitsstrafen von zusammen rund 58 Jahren. Der Flowtex-Untersuchungsausschuss des Landtags hat nach dreieinhalb Jahren seine Arbeit im Dezember 2005 beendet. Das Schlusspapier umfasste 1154 Seiten.

2007

Haupttäter Manfred Schmider wird am 2.Oktober 2007 auf Bewährung vorzeitig entlassen. Er hatte schon ab 2005 Hafterleichterungen erhalten, war zeitweilig Freigänger geworden. 2009 beschrieb er in "einem Exklusiv-Interview" der Mallorca-Zeitung sein heutiges "gebrochenes" Leben auf der Mittelmeerinsel (Interview mit der Mallorca-Zeitung). 

2012

2012 hatte Schmider einen neuerlichen kurzen Auftritt vor dem Landgericht in Mannheim, bei dem es um die Übertragung von Vermögenswerten auf seine (heute geschiedene) Ex-Frau während seiner Untersuchungshaft ging. Es wurde ein Vergleich geschlossen: Medien schrieben davon, Schmider "habe der Justiz einmal mehr eine lange Nase gezeigt". Bis heute wird gemutmaßt, dass Vermögenswerte im Wert von mehreren hundert Millionen Euro als verschollen gelten. Schmider jedoch widerspricht regelmäßig, zuletzt im Interview mit der Mallorca-Zeitung.

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