Landeskunde Baden-Württemberg

 

Regionale Unterschiede im Südwesten

Südwestdeutschland wurde bei Kriegsende von amerikanischen und französischen Truppen besetzt. Die vorwiegend von logistischen Überlegungen bestimmte Grenze zwischen den beiden Besatzungszonen verlief südlich der Autobahn von Karlsruhe nach Ulm. Nord-Württemberg und Nord-Baden gehörten zur amerikanischen Zone und wurden im September 1945 zum Land Württemberg-Baden zusammengefasst. Südbaden, Südwürttemberg und Hohenzollern wurden der französischen Zone zugeschlagen, auf deren Gebiet im Herbst 1946 zwei Länder entstanden: (Süd-)Baden und Württemberg-Hohenzollern.

 

Die einzelnen Regionen waren von Krieg und Luftangriffen unterschiedlich betroffen. Große Schäden wiesen die Verkehrswege und viele Städte auf. Auf Straßen und Schienenwegen spielten sich in den Nachkriegsmonaten lange Zeit „Massenwanderungen“ ab. Zu den „Displaced Persons“, zu Ausgebombten und Evakuierten sowie zu Kriegsheimkehrern kamen die Flüchtlinge und Vertriebenen hinzu. Württemberg-Baden hatte entsprechend den amerikanischen Vorgaben innerhalb von nur zwei Jahren 800.000 von ihnen aufzunehmen. Die französische Besatzungsmacht weigerte sich zunächst, Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen. Weil die Franzosen an der Potsdamer Konferenz nicht teilgenommen hatten, fühlten sie sich auch nicht an die dort getroffenen Abmachungen gebunden. Erst im Rahmen des Länder?üchtlingsausgleichs der jungen Bundesrepublik 1949/50 kamen nun auch Vertriebene in die südlichen Teile des heutigen Landes Baden-Württemberg.

Nach Württemberg-Baden kamen – zunächst – vor allem Sudetendeutsche und Ungarndeutsche. Dies war vor allem den vergleichsweise kurzen Transportwegen geschuldet. In den Landkreisen in Württemberg-Baden betrug der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung im Schnitt 18 Prozent. In den stärker landwirtschaftlich geprägten und weniger kriegszerstörten Landkreisen wie Buchen, Mosbach, Sinsheim oder Tauberbischofsheim waren es rund 23 Prozent. In einzelnen Gebieten reichte der Anteil der „Neubürger“ auch an die Dreißigprozentmarke heran.

In die französische Zone kamen dann ab 1949 vor allem Vertriebene aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg oder Schlesien. In Württemberg-Baden war der Anteil der Katholiken unter den Vertriebenen vergleichsweise hoch, in der französischen Zone der der Evangelischen. Rund ein Drittel der mehr als eine Million zählenden Vertriebenen in Südwestdeutschland, so das Ergebnis der Volkszählung von 1950, war aus der ehemaligen Tschechoslowakei gekommen, gut ein Viertel aus dem heutigen Polen. Sie waren überwiegend katholisch und vor allem jung: Von 1.000 Vertriebenen waren 718 jünger als vierzig Jahre. Frauen und ledige Personen stellten die Mehrheit. Zwei Drittel der Zwangsmigranten waren Katholiken, die die neue Heimat oft als Diaspora empfanden. Im überwiegend protestantischen Nordwürttemberg haben sie die konfessionellen Verhältnisse durcheinandergewirbelt wie zuletzt der Dreißigjährige Krieg. Zwischen 1949 und 1974 wurden allein in der Diözese Rottenburg rund 450 neue katholische Kirchen gebaut. Für viele der Vertriebenen waren die oft in Eigeninitiative erbauten Gotteshäuser wichtige Symbole für das „Ankommen“ in der neuen Heimat.

Bis 1961 stieg die Zahl der Flüchtlinge auf rund 1,6 Millionen Menschen an, darunter auch die vor dem Mauerbau bis 1961 aus der DDR geflohenen Menschen. Damit lag der Vertriebenenanteil in Baden-Württemberg insgesamt bei annähernd 21 Prozent. In Nordwürttemberg lag er bei rund 26 Prozent der Bevölkerung, in Nordbaden bei rund 21 Prozent, in Südbaden bei 15 Prozent und in Württemberg-Hohenzollern bei 17 Prozent.

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