Landeskunde Baden-Württemberg

 

Prominente Heimatvertriebene

Die folgenden Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Gesellschaft waren bzw. sind Heimatvertriebene oder stammen aus deren Familien:

Donauschwaben/Ungarn

Joschka Fischer, ehem. Bundesaußenminister - Donauschwaben/Ungarn

Geboren ist Joschka Fischer (eigentlich Joseph Martin Fischer) 1948 in Gerabronn (Landkreis Schwäbisch Hall) als Kind von Donauschwaben aus der Nähe von Budapest/Ungarn. Aufgewachsen ist er in Fellbach-Oeffingen, das Gymnasium in Bad Cannstatt brach er ab ohne Abschluss; ab 1968 Wohnsitz in Frankfurt/M. Um „1968“ war er Teil der (militanten) Studentenbewegung. Ausgeübte Berufe: Buchhändler und Taxifahrer. 1980 zog er für die Grünen erstmals in den Deutschen Bundestag ein. 1985 wurde er Umweltminister in Hessen, von 1998 bis 2005 war er Bundesaußenminister.

Volker Kauder, CDU-Politiker Donauschwaben/Ungarn

Er ist 1949 in Hoffenheim/Sinsheim in Nordbaden geboren, in Singen am Hohentwiel wuchs er auf. Seine Eltern stammten aus dem ungarischen Teil der Batschka, der später Jugoslawien zugeschlagen wurde. Der CDU-Politiker ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestags, von 2005 bis 2018 war er Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion. „Meine Eltern sind Vertriebene und ich bin das Kind von Vertriebenen, aber selbst kein Vertriebener“, sagt er 2010 in einem Interview. Er fühle sich aber „als Deutscher in Europa“.

Heribert Rech, ehem. Innenminister Donauschwaben/Serbien

Der CDU-Politiker wurde 1950 in Östringen (Kreis Karlsruhe) geboren. Rech stammt aus einer donauschwäbischen Vertriebenenfamilie aus Parabutsch in der Batschka (im heutigen Serbien). Von 2004 bis 2011 war er Innenminister des Landes Baden-Württemberg und dabei auch Landesbeauftragter für Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler. Das Haus der Eltern von Rech in Parabutsch lag cirka 10 km entfernt vom Haus der Eltern des späteren Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch im benachbarten Filipovo.

Robert Zollitsch, Erzbischof Donauschwaben/Serbien

Der 1938 in Philippsdorf (Filipovo) nördlich von Belgrad geborene Nachfahre von Donauschwaben erlebte ab 1942 in einem rein deutschsprachigen Dorf die Herrschaft deutscher Besatzer. 1944 kamen die Russen, bei einer Massenerschießung wurden 212 Männer ermordet, darunter sein zehn Jahre älterer Bruder. Nach der Flucht über Ungarn und Wien kam er mit der Mutter nach Boxberg (Main-Tauber-Kreis). Ab 1946 lebte die Familie (mit dem aus Kriegsgefangenschaft entlassenen Vater) in Mannheim. Von 2003 bis 2013 war Zollitsch Erzbischof in Freiburg, von 2008 bis 2014 auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Sudetendeutsch/Tschechien

Fritz Baier, CDU-Politiker Sudetendeutsch/Tschechien

Er ist eines der Beispiele eines Vertriebenen, der sich rasend schnell integrierte: der 1923 in Groß-Chmelischen, dem heutigen Velka Chmelistna (Bezirk Karlsbad, Tschechien) geborene Fritz Baier. Nach Kriegseinsatz und Gefangenschaft – aus der er geflohen war – kam er 1946 nach Hettingen im Odenwald. Im Mai 1947 heiratete er eine Hettingerin, der Schwiegervater war einst Bürgermeister des Dorfes gewesen. Baier wirkte mit am Bau einer Flüchtlingssiedlung und initiierte als Sudetendeutscher die Vertriebenenwallfahrt nach Walldürn. Ab 1956 war er zwanzig Jahre lang CDU-Bundestagsabgeordneter und von 1974 bis 1985 Oberbürgermeister von Mosbach.

Alfred Biolek, TV-Moderator und Entertainer Sudetendeutsch/Tschechien

Alfred Franz Maria Biolek, geboren 1934 in Freistadt (Tschechoslowakei), kam 1946 nach Waiblingen (Rems-Murr-Kreis), wo er 1954 das Abitur ablegte und im Anschluss Jura studierte. Sein Vater war Mitglied der Sudetendeutschen Partei (SdP) und zweiter Bürgermeister von Freistadt gewesen. In Waiblingen hat sein Vater als Rechtsanwalt weitergearbeitet – wie auch Sohn Alfred Biolek zunächst nach dem Ersten Staatsexamen als Jurist. Nach seiner Promotion legte Alfred Biolek 1963 das Zweite Juristische Staatsexamen ab, wechselte dann als Assessor ins Justitiariat des ZDF – und schon bald zu redaktionellen Tätigkeiten, die ihn mehr reizten.

Otto Herbert Hajek, Bildender Künstler Sudetendeutsch/Tschechien

Er ist für Baden-Württemberg eine prägende Künstlergestalt. Geboren 1927 in Kaltenbach im Böhmerwald, machte Otto Herbert Hajek – nach der Vertreibung – 1947 sein Abitur in Erlangen. Schon während des Studiums an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart trat er mit Einzelausstellungen und bedeutenden Arbeiten an die Öffentlichkeit. Seit 1948 gehörte er der Künstlergilde Esslingen an, seit 1957 dem deutschen Künstlerbund. Hajek war Mitglied im deutsch-französischen Kulturrat, in der Sudetendeutschen Akademie und im Kuratorium der Kulturstiftung der Länder. Der abstrakte Maler, Grafiker und Bildhauer verstarb 2005 in Stuttgart.

Markus Lüpertz, Maler/Künstler Sudetendeutsch/Tschechien

Er gilt als Deutschlands „Malerfürst“ und inszeniert sich gerne selbst so: der 1941 im tschechischen Liberec (früher Reichenberg) geborene Markus Lüpertz. 1948 kam er nach Rheydt im Rheinland. Nach einem Kunststudium in Krefeld, seiner Zeit bei der Fremdenlegion und in West-Berlin hatte er ab 1973/74 seine erste Professur an der Kunstakademie in Karlsruhe und lehrte dort bis 1986. Auch nach Übernahme des Rektorenamts an der Kunstakademie Düsseldorf blieb er in engem Kontakt mit Karlsruhe.

Birgit Keil, Balletttänzerin Sudetendeutsch/Tschechien

In Kowarschen im einstigen Sudetenland (heute Tschechien) wurde Birgit Keil 1944 geboren. Mit ihren Eltern kam sie nach der Vertreibung in ein Lager in Bad Kissingen. Als sie acht Jahre alt war, zog die Familie nach Bad Cannstatt. Dort begann sie auch ihre Ballettausbildung. 1961 wurde sie Mitglied des Balletts am Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Nach Ende der aktiven Laufbahn 1995 erhielt sie den Titel einer Professorin. Von 2003 bis 2019 war sie Ballettdirektorin des Badischen Staatstheaters.

Harald Schmidt, Entertainer Sudetendeutsch/Tschechien

Er ist einer der bekanntesten Entertainer des deutschen Fernsehens. Harald Schmidts Eltern sind Heimatvertriebene. Sein Vater Anton (1916–2010) stammte aus Karlsbad in Westböhmen, seine Mutter aus Brünn in Südmähren. Schmidt, 1957 geboren, ist in Nürtingen (Kreis Esslingen) aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach der Schauspielschule in Stuttgart begann seine Fernsehlaufbahn. Heute lebt er in Köln.

Peter Härtling, Schriftsteller Mähren/Tschechien

Der 1933 in Chemnitz geborene Peter Härtling verbrachte ab 1941 Teile seiner Kindheit im mährischen Ölmütz (Sudetenland). Der Vater, von Beruf Rechtsanwalt, hatte sich dort dem direkten Zugriff der Nazis entziehen wollen. 1945 folgte die Flucht nach Zwettl (Niederösterreich). Im Juni 1945 starb sein Vater in russischer Gefangenschaft. im Oktober 1946 beging seine Mutter Selbstmord. Anfang 1946 kam Härtling nach Nürtingen, wo er lange lebte und arbeitete. Von 1973 bis zu seinem Tod im Jahr 2017 lebte in Mörfelden-Walldorf. Das Thema Flucht und Vertreibung beschäftigte ihn zeitlebens.

Schlesien/Polen

Friedrich Bischoff, Rundfunkintendant Schlesien/Polen

Der erste Intendant des in Baden-Baden neu aufgebauten Südwestfunks (SWF) war von Herkunft Schlesier. Der 1896 im etwa 30 km westlich von Breslau gelegenen niederschlesischen Neumarkt (Sroda Slaska) geborene Friedrich Bischoff war schon in Schlesien ein Rundfunkpionier, wurde aber von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt. Der Schriftsteller und Theaterdramaturg kam 1946 auf Umwegen nach Baden-Baden. Dort trat er sein Amt als SWF-Intendant an und hatte es bis zum 1965 inne. Zwischen 1921 und 1953 hatte er einige Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Bischoff verstarb 1976 in der Ortenau.

Bernhard Kempa, Handballlegende Oberschlesien/Polen

Der 1920 in Oppeln in Ostschlesien geborene Bernhard Kempa wurde nach dem Krieg zu einer deutschen Handballlegende. Kempa, der bereits in seiner alten Heimat ein erfolgreicher Handballspieler war, kam bei Kriegsende nach München und spielte zunächst bei 1860 München. Bei einem Gastspiel in Geislingen wurde er vom Jugendleiter des Handballvereins „Frisch Auf Göppingen“ entdeckt. Mit dem Versprechen, auch seine beiden Brüder und seine Schwester könnten dort eine neue Heimat finden, wurde er ins Filstal gelockt. 1948 wurde Göppingen mit Bernhard Kempa Württembergischer Handballmeister. Zeitweilig war er auch Nationalspieler, nach seinem Karriereende blieb er als Trainer in Göppingen. Er verstarb 2017 in Bad Boll.

Herbert Czaja, Vertriebenenfunktionär Ostschlesien/Polen

Der spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert Czaja wurde 1914 in Ostschlesien geboren und verbrachte seine Kindheit in Skotschau (Skoczów), etwa 70 km südlich von Katowice. Das Gebiet wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein Teil Polens. Czaja studierte ab 1933 in Krakau, promovierte dort 1939 und arbeitete als Gymnasiallehrer. Nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde er 1946 vertrieben und kam über Niedersachsen nach Stuttgart. Bis 1953 war er hier im Schuldienst. Von 1953 bis 1990 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Als Präsident des Bundes der Vertriebenen amtierte er von 1974 bis 1990. Er galt als „Stimme der Oberschlesier“.

Preußen

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Ermland/Ostpreußen

Er ist Sohn katholischer Eltern, die aus dem heute zu Polen gehörenden Ermland, einer katholischen Diaspora im mehrheitlich protestantischen Ostpreußen, vertrieben wurden. Winfried Kretschmann wurde im Mai 1948 in Spaichingen geboren. Seit 2011 ist er Ministerpräsident von Baden-Württemberg; der erste von den Grünen gestellte Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes. Nach dem Studium der Biologie und Chemie an der Universität Hohenheim für das Lehramt an Gymnasien zog er 1980 in den Landtag von Baden-Württemberg ein. „Meine Eltern sind aus Ostpreußen geflüchtet. Ein älterer Bruder ist als Säugling auf der Flucht gestorben“, berichtet Kretschmann. Und: Er sei das erste Kind der Familie, das schwäbisch gesprochen habe.

Horst Ehmke, SPD-Politiker Danzig/Ostpreußen

Der 1927 in Danzig geborene SPD-Politiker Horst Ehmke war ein deutscher Staatsrechtslehrer und nach 1969 mehrfach Bundesminister und zeitweilig Chef des Bundeskanzleramtes. Ehmke wurde 1969 und 1972 als Mitglied des Deutschen Bundestages im Wahlkreis Stuttgart gewählt – ehe er nach Bonn umzog.

Bessarabien/Schwarzmeer

Horst Köhler, Bundespräsident Bessarabien/Schwarzmeer

Geboren wurde Horst Köhler 1943 in Heidenstein, heute Skierbieszów, südlich von Lublin (Polen). Die Eltern waren als „Volksdeutsche“ von Rumänisch-Bessarabien (heute Moldawien) umgesiedelt worden. 1944 kamen die Köhlers in ein Auffanglager bei Lodz, im Januar 1945 flüchteten sie in Richtung Westen. Bis 1953 war die Familie bei Leipzig, verließ dann die DDR. 1957 fanden sie eine feste Bleibe in Ludwigsburg. Von 2004 bis 2010 war Horst Köhler Bundespräsident.