Landeskunde Baden-Württemberg

 

Lager und Siedlungen

Was die Schlotwiese in Stuttgart-Zuffenhausen und der nach dem Krieg neu entstandene Stadtteil Rot, das sind im Odenwald das Dorf Hettingen oder nördlich von Karlsruhe der Bad Schönborner Ortsteil Langenbrücken. Auch in Baden-Württemberg ballten sich Flüchtlinge und Vertriebene in gemeinsamen, oftmals neu und in Eigenregie erbauten Siedlungen. Komplett neue Städte, die nach 1945 von Vertriebenen gegründet wurden, gibt es jedoch im Südwesten nicht. Anders etwa in Bayern: Dort erinnern Namen neu entstandener Gemeinden wie Neugablonz (ein Stadtteil von Kaufbeuren), Neutraubling (östlich von Regensburg), Traunreut (am Chiemsee) oder das oberbayerische Waldkraiburg bis heute an die Folgen von Flucht und Vertreibung. Diese Städte würde es ohne die ZUwanderung der deutschen Vertriebenen nach 1945 ebenso wenig geben wie Espelkamp in Nordrhein-Westfalen oder Trutzhain in Hessen.

 

Schlotwiese

Das über Jahre hin vermutlich größte dauerhaft angelegte Lager für Flüchtlinge und Vertriebene entstand im Südwesten auf der Schlotwiese am südlichen Ortsrand des Stuttgarter Stadtteils Zuffenhausen. Heute ist davon nichts mehr zu sehen: Geprägt ist das Naherholungsgebiet von dem weitläufigen Stadtpark, einem Ferienwaldheim und im Sommer vom Freibad Zuffenhausen.

In dem Flüchtlingslager Schlotwiese waren nach 1945 bis zu 1.500 Donauschwaben untergebracht. Zeitzeugen, wie ein früherer Bezirksvorsteher von Zuffenhausen, sprechen von „entsetzlichen Zuständen“ (Stuttgarter Zeitung, 13.11.2015). Zuvor hatten in den Baracken aus ihrer Heimat verschleppte russische Zwangsarbeiter hausen müssen. In den Kriegsjahren diente es zudem zeitweise als Barackenlager für Kriegsgefangene. Insgesamt 20.000 sowjetische Staatsbürger waren während des Krieges in Stuttgart untergebracht, 13.000 davon allein in Zuffenhausen. Als diese ihre Unterkünfte verließen, galten diese Baracken als „abgewohnt“. Dann kamen die deutschen Vertriebenen dorthin. Vor dem Krieg lebten in Zuffenhausen 17.000 Menschen, direkt nach dem Krieg waren es 26.000, rund zwanzig Prozent davon waren Flüchtlinge und Evakuierte.

Nur wenige hundert Meter nordöstlich des alten Ortskerns von Zuffenhausen gab es bald schon erste Siedlungsaktivitäten in dem später neu entstandenen Stadtteil Rot. Noch im Flüchtlingslager Schlotwiese – in der „Tanz- und Versammlunghalle“ des Lagers – bereitete ein Gründungausschuss die Bildung einer Baugenossenschaft vor. Erster Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Bischof Franz Hein, 1901 geboren in Kleinidjos (ungarisch Kishegyes) in der serbischen Batschka. Sein Stellvertreter war der später bundesweit bekannte Herbert Czaja. Das war im November 1948. Mit den vom Finanzministerium des Landes Württemberg-Baden im Wege des Erbbaurechts überlassenen Grundstücken und Hilfen der Stadt Stuttgart war es möglich, am 1. Dezember 1949 die ersten 18 Wohnungen am Rotweg 58-62 zu beziehen. 1950 zählte man bereits 158 Mietwohnungen. Die intensivste Bautätigkeit der Genossenschaft war zwischen 1951 und 1956.

„Baugenossenschaft Neues Heim“

Die als „Baugenossenschaft Neues Heim“ firmierende Unternehmung zählte 1956 insgesamt 1.000 Wohnungen. Im Geschäftsbericht zum Ende des Jahres 2016 bilanzierte sie Grundstücke und Sachanlagen mit Wohnbauten im Wert von 69,5 Millionen Euro, 23 vollbeschäftigte Mitarbeiter und 2.043 Genossenschaftsmitglieder.

Noch in den Baracken der Schlotwiese, im Spätjahr 1945, war der Sportverein „FC Batschka“ gegründet worden. Der Vereinsname war die Anehnung an die Herkunftsregion der meisten dort untergebrachten Vertriebenen, die ungarisch-serbische Batschka. 1947 errang die Flüchtlingsmannschaft den Meistertitel in der B-Klasse, Heimspiele fanden auf dem Platz des FV Zuffenhausen statt. 1954/55 erfolgte der Aufstieg in die A-Klasse. Mit dem schrittweisen Umzug der meisten Bewohner des Lagers Schlotwiese – 1967 erst verließen die letzten Bewohner das einstige Massenlager – verlagerte sich der Schwerpunkt des Vereins in den neuen Stadtteil Rot. Als Zeichen des „Angekommenseins“ entschieden sich die Vereinsmitglieder 1956, den Fußballclub in „S.V. Rot 1945 e. V.“ umzubenennen. 1970 feierte der Verein sein 25-jähriges Bestehen mit dem Motto „Vom Flüchtlingsclub zum Großverein“. Der bekannteste Zögling des Vereins hieß Hansi Müller, der später beim VfB und in der Nationalmannschaft brillierte. Der 1957 geborene und in Rot aufgewachsene Fußballer begann seine Karriere beim SV Rot im Stuttgarter Norden.

Hettingen

Das Dorf Hettingen ist eine ehemals selbständige Gemeinde im Odenwald und heute ein Stadtteil von Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis. Bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm im Mai 1949 kam Hettingen zu einer gewissen überregionalen Bekanntheit. Der entstandene Film, gedreht von einer Münchner Filmproduktion, sollte die oftmals feindseligen Reaktionen der einhemischen Bevölkerung auf Vertriebene der hier vorbildlichen Aufnahme der Zugewiesenen gegenüberstellen. Der Film dokumentierte dabei die Hilfsbereitschaft der Hettinger (heute ein Ortsteil mit rund 2.500 Einwohnern) bei der Aufnahme der Vertriebenen als auch den Bau einer neuen Siedlung. Initiator der Hilfsaktionen und des Siedlungsbaus war der im badischen Ettlingen geborene Pfarrer Heinrich Magnani, der selbst italienische Wurzeln hatte.
Für die Lösung von Alltagskonflikten bei der Einquartierung von Flüchtlingen sah Magnani den Wohnungsbau. Er hatte bereits 1945 die Notgemeinschaft Hettingen gegründet. Mit Unterstützung des in Berlin und Karlsruhe tätigen Architekten Egon Eiermann kam es zu Entwürfen für eine neue Siedlung. Insgesamt entstanden zwischen Frühjahr 1946 und 1947 erste zwanzig ein- und zweigeschossige Doppelhäuser. Eiermann nahm dabei Anleihen bei der schlichten Bauweise des Bauhaus-Stils.

DasAnrecht auf ein Haus erwarben Vertriebene, indem sie sich mit 1.500 Tagewerksstunden beim Bau der Siedlung engagierten. Einheimische musste 3.000 Stunden arbeiten. Es gab Zuschüsse und verbilligte Kredite der Landeskreditanstalt in Karlsruhe. Der Film „Antwort des Herzens“ schildert vor allem die Aufbruchstimmung und die Solidarität vor Ort, er verschwieg aber auch manche Probleme. Aus der Notgemeinschaft entstand Ende 1946 die Gemeinnützige Baugenossenschaft „Neue Heimat“. In ihr engagierte sich auch der spätere langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und Mosbacher Oberbürgermeister Fritz Baier.


mehr zu „prominente Vertriebene“


Dabei galt und gilt die Hettinger Initiative bis heute als Musterbeispiel für den Siedlungsbau in der Nachkriegszeit. Aus ganz Deutschland reisten Journalisten, Politiker und Kirchenvertreter zu Besichtigungen in den Odenwald. Die „Neue Heimat“ wurde zum Vorbild für rund 25 weitere Baugenossenschaft vergleichbarer Art in der Erzdiözese Freiburg, die heute alle unter dem einheitlichen Namen „Familienheim e. G.“ firmieren – ob in Buchen, Bruchsal, Baden-Baden, Karlsruhe oder Freiburg, Hausach oder Donaueschingen, vereint im Katholischen Siedlungswerk Baden e. V. Auch die „Familienheim e. G.“ steht exemplarisch für diese Zeit des Aufbaus.

Die „Flüwo Bauen Wohnen eG“

Als vergleichbares Pendant in Württemberg – das zugleich auch „Ableger“ in Baden hat – kann die im August 1948 gegründete „Flüwo Bauen Wohnen eG“ gelten, eine Wohnungsbaugenossenschaft mit Hauptsitz in Stuttgart-Degerloch, die unter dem Namen „Gemeinnützige Flüchtlings-Wohnungsbaugenossenschaft Stuttgart eGmbH“ von einem Heimatvertriebenem begründet wurde. Auch die „Flüwo“ sollte eine Antwort auf die insbesondere unter den Vertriebenen bestehende Wohnungsknappheit nach dem Zweiten Weltkrieg sein.

Mit rund 9.400 Mietwohnungen und über 10.000 Mitgliedern in dreißig Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg sowie im Raum Dresden zählt die „Flüwo“ heute zu den größten Baugenossenschaften im süddeutschen Raum. Gründungsgedanke war es, möglichst vielen Menschen nach dem Krieg ein neues Zuhause zu geben. Bereits 1958 verfügte die „Flüwo“ über Wohnraum für gut 6.000 Familien. Vergleichbar der „Flüwo“ ist auch das „Siedlungswerk GmbH Wohnungs- und Städtebau“ mit den Gesellschaftern Bistum Rottenburg-Stuttgart und andere (Anteile 75 %) sowie der Landesbank Baden-Württemberg (Anteile 25 %).

Remstal

Auch der Stuttgarter Stadtteil Büsnau im Stadtteil Vaihingen, in dem seit den 1930er-Jahren erste Familien am „Büsnauer Wald“ siedelten, ist von Flüchtlingen und Vertriebenen geprägt. In den Nachkriegsjahren folgten zahlreiche Vertriebene aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Rumänien. In Büsnau mussten sie erst einmal zusammenfinden. 1957 wurde die „Versöhnungskirche“ gebaut – der Name trifft die Zeitumstände recht gut.

In Winnenden (Rems-Murr-Kreis) steht auf der Anhöhe am oberen Stöckach, oberhalb des Ortes ein sogenanntes „Ostlandmahnmal“: Zehn Wappen ehemaliger Heimatgebiete sollen eine „Brücke zur Heimat“ bilden. Errichtet wurde es zum „Tag der Heimat“ 1965.

Nicht weit entfernt, im Remshaldener Ortsteil Geradstetten, sind es sechs solcher Wappen, die an einer neu entstandenen Kirchenwand prangen. Im benachbarten Winterbach steht auf einer Anhöhe ein sogenanntes „Ostlandkreuz“ – so wie in Schwäbisch Gmünd auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof. Hier wird auch den Verbindungen in das einstige mährische Zentrum Brünn (tschechisch: Brno) gedacht, mit dem Brünner Gedenkbrunnen, einer Parkanlage in der Stadtmitte (mit dem Bildstock „Weiße Marterl von Brünn“) sowie mit den Gedenktafeln im Heilig-Kreuz-Münster und am Kulturhaus „Prediger“.

Oberzell

In dem Dorf Oberzell, einem Stadtteil der eingemeindeten Ortschaft Taldorf im Süden der oberschwäbischen Stadt Ravensburg, stammen nach Aussagen von Bewohnern und schriftlichen Belegen etwa 600 bis 700 Personen der heute rund 2.000 Einwohner direkt von den nach dem Krieg dort angesiedelten Flüchtlingen ab. Die hatten sich dort auch deshalb niedergelassen, weil am Ortsrand ein Haltepunkt der Südbahn bestand, was ihnen die Fahrt zu den benachbarten Arbeitsorten in Ravensburg, Weingarten oder Friedrichshafen erleichterte.

Den ersten – jenseits der bereits bestehenden bäuerlichen Anwesen – Siedlungshäusern mit 26 Gebäuden der „NS-Heimstätten“ der Jahre 1937 bis 1939 folgte nach dem Zweiten Weltkrieg ein rasanter Bevölkerungszuwachs. Das Baugebiet „Schmalzgrube“ entstand mit überwiegend eingeschossigem Wohnbau. Der Teilort Oberzell wurde vollständig „zur Siedlung“. Später kamen die Baugebiete „Leim“ und der Bereich „Reute/Stockwiesen“ hinzu.

Mit einer 1999 gestarteten „Erzählwerkstatt“ wurde von Ehrenamtlichen in Oberzell in mehr als 25 langen Interviews mit noch lebenden Betroffenen und Nachkommen die Erinnerung an Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg wachgehalten und gleichzeitig dokumentiert. Zwei Beispiele zeigen auf, wie sich die Menschen am Ort integriert haben: Der langjährige Vorsitzende des Sportvereins Oberzell kam 1950 – als damals 15-Jähriger – aus dem heute polnischen Warthegau. Ein ehemaliger Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor, aufgewachsen in Arnsdorf (Sudetenland) kam 1946 über den Umweg Wernigerorde/Harz nach Oberzell. Er gründete mit 14 anderen Berufsmusikern und Solisten bald ein Orchester im nahe gelegenen Lindau. Der Musiker wurde 1949 Dirigent des Musikvereins Oberzell und blieb es fast zwanzig Jahre lang.

Waldstadt

Die Karlsruher Waldstadt ist noch heute ein besonderer Stadtteil. Die Zeit der Notsiedlungen war in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre in vielen Städten und Gemeinden vorbei. Die Wohnungsnot endete damit jedoch nicht. Die Stadt Karlsruhe nahm in den ersten Nachkriegsjahren jedes Jahr 3.000 und mehr Menschen neu auf, die Wohnung und Arbeit suchten. Im Januar 1955 präsentierte der damalige Oberbürgermeister Günther Klotz (SPD) seinen Plan, das Waldgebiet im Nordosten der Stadt für eine neue Trabantenstadt zu erschließen. Es war gedacht für Menschen unterschiedlicher Herkunft, darunter auch Flüchtlinge und Vertriebene – aber nicht nur.


Die Siedlung, die ursprünglich für über 20.000 Menschen gedacht war, sollte auch Mitarbeiter des Forschungszentrums und des Bundesverfassungsgerichts beherbergen. Im Oktober 1958 zogen die ersten Bewohner in die neuen Wohnblöcke und Reihenhäuser. Um an den Verlust der Städte zu erinnern, die Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, entschied der Gemeinderat im November 1957, die Straßen in der Waldstadt nach ostdeutschen Städten zu benennen. Heute, so sagen Einheimische, sei fast vergessen, in welchen Häusern „Ur-Karlsruher“ und in welchen Vertriebene und ihre Nachkommen wohnten. Nur noch die Straßennamen erinnern an die Geschichte. Die Einwohnerzahl pendelt sich inzwischen bei rund 12.500 Menschen ein.

Langenbrücken

Eine Besonderheit in Baden-Württemberg bildet bis heute auch der Bad Schönborner Ortsteil Langenbrücken im nördlichen Landkreis Karlsruhe. Dort siedelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg rund 900 Einwohner des Heimatdorfes Parabutsch (aus der Batschka im ehemaligen Serbien) als Heimatvertriebene an. Wie im Stuttgarter Stadtteil Rot waren es fast nur Donauschwaben. Es sei ein Geschenk, dass nach dem Schrecken dieses Krieges „Heimatvertriebene hier gute Aufnahme fanden und gut in das wirtschaftliche und soziale Leben integriert wurden“, schrieb der Bürgermeister des Kurorts 2014 in einem Grußwort. Aber der Schrecken der Vertreibung und der Verlust der Heimat „bleibe über Generationen in den Köpfen und Herzen der Menschen lebendig“.

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