Landeskunde Baden-Württemberg

 

Konflikt und Konfliktvermeidung

Dass man in Baden sehr viel kritischer auf Württemberg blickt als umgekehrt, lässt sich aus Benachteiligungen herleiten, die ein badisches Trauma erzeugten. Man kann dafür historische Gründe anführen: Großherzogtum und nicht Königreich; das Scheitern der Revolution von 1848/49, die nicht zuletzt eine badische Revolution war; die Verlagerung der Wirtschaftskraft von dem früheren Musterland Baden auf Württemberg durch die Folgen der Kriege. Vor allem aber gab es Kränkungen im Zuge der Bildung des neuen Landes: Bei der entscheidenden Abstimmung wurde die Mehrheit negativer Stimmen in Südbaden ignoriert und Baden verlor eine ganze Reihe zentraler Funktionen, angefangen mit Regierung und Parlament, die es in Karlsruhe gegeben hatte.

Die Exponenten des neu gegründeten Landes waren sich dieser Situation allerdings bewusst und versuchten gegenzusteuern. Nicht alle Landesbehörden wurden in Stuttgart eingerichtet, Zentren der Wissenschaft und Kultur entstanden in den badischen Großstädten, und vor allem wurde bei der Besetzung von Führungspositionen auf ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Landesteilen geachtet. Wenn man die Zusammensetzung von Regierung und Parlament während der vergangenen Jahrzehnte überprüft, wird man sagen dürfen, dass „die Waage im Kopf “ der Entscheidungsträger gut funktionierte.

Die Konflikte sind seltener geworden, aber die notwendige Konfliktvermeidung hält die Erinnerung an die Trennung wach. Die Frage gerechter Verteilung blieb ein Thema. Die Tendenz zur Fusionierung – in der Verwaltung ebenso wie in der Wirtschaft – führte in vielen Bereichen zur Vergrößerung und Stärkung eines Standorts und zur Schwächung oder Beseitigung eines andern. Wo Entscheidungen dieser Art anstanden, wurde fast regelmäßig die „Badenfrage“ aufgeworfen. Konkret hieß das: Wo ist der künftige Standort und wer wird der Chef?

Landtagsgebäude Baden Württemberg, Stuttgart 2006. Foto: Veit Mueller CC-BY-SA-2.0-DE.