Landeskunde Baden-Württemberg

 

Nach der Auflösung der UdSSR

Der politische und wirtschaftliche Transformationsprozess der einzelnen Staaten nach dem Zerfall der UdSSR verlief durchaus schmerzhaft und war durch spürbare Einbrüche in allen Lebensbereichen gekennzeichnet. In ihnen traten verschiedene Formen des Titularnationalismus zutage, u.a. Verdrängung andersethnischer Landeseinwohner aus dem Staatsapparat und starke Aufwertung der Nationalsprache, wachsende Islamisierung. In einigen neuentstandenen Staaten brach Bürgerkrieg aus (Tadschikistan) oder traten starke zwischenethnische Spannungen zutage (Usbekistan, Kirgisien, Südkasachstan).

Das führte zu einer gigantischen Migrationsbewegung, die nicht nur die deutsche Minderheit, sondern auch die Russen, Ukrainer und andere Nationalitäten erfasste und sie in „ihre“ Staaten zurückkehren ließ. Das kurz vor der Auflösung der Sowjetunion verabschiedete Gesetz der Russländischen Föderation vom 26. April 1991 „Über die Rehabilitierung der repressierten Völker“ hat die Russlanddeutschen unmissverständlich als Opfer des Stalinismus anerkannt und eine umfassende Wiedergutmachung versprochen, einschließlich die Wiederherstellung der autonomen Republik an der Wolga. Der erneut unternommene Versuch, die Russlanddeutschen zu einem gleichberechtigten sowjetischen bzw. russländischen Volk mit einem autonomen Territorium werden zu lassen, scheiterte jedoch am Unwillen der Staatsführung sowie an dem nahezu geschlossenen Widerstand der ortsansässigen russischen Bevölkerung im Gebiet Saratow. Der über Jahrzehnte aufgestaute Unmut entlud sich daher in einer riesigen Ausreisewelle nach Deutschland.

Unter allen Ländern der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) verblieb allein in Russland und in Kasachstan noch eine nennenswerte Zahl von aktuell ca. 400 000 bzw. 160 000 Deutschen. Trotz verweigerter national-territorialer Entfaltungsmöglichkeiten und eines unzureichenden Minderheitenschutzes versuchen vor allem gesellschaftliche Organisationen der deutschen Minderheit durch eine Vielzahl von Projekten, einem Netz von Begegnungszentren und deutsch-russischen Häusern wenigstens einige Elemente der nationalen Gemeinschaft und des sprachlich-kulturellen Lebens zu pflegen und zu erhalten.

von Dr. Viktor Krieger

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