Landeskunde Baden-Württemberg

 

Der reichste Fürst

Anders aufgebaut ist "Der reichste Fürst" bzw. "Preisend mit viel schönen Reden" von Justinus Kerner (1786–1862). Hier wird eine Geschichte erzählt. Es handelt sich um eine Ballade, die historisch verankert und damit traditionsschaffend benutzt wird. Drei Besonderheiten fallen auf: Zunächst einmal, dass auch das neue, napoleonisch vergrößerte Württemberg von seinen Traditionen und seiner politischen Kultur sowie seinen moralischen Ansprüchen her als Verlängerung von Altwürttemberg, also des Herzogtums Wirtemberg gesehen wird. Die ganz anders strukturierten Neuerwerbungen mit ihrer spezifischen Agrar- und Sozialstruktur und größtenteils anderer, katholischer Konfession sind im Lied faktisch ausgeblendet.

Das entspricht durchaus der historischen Realität: Die Neuerwerbungen wurden als Einverleibungen in ein bestehendes, vitales Staatswesen aufgefasst; deren Geschichte fand im württembergischen Geschichtsbild keinen Platz. Lehrer und Beamte hatten den Auftrag, den altwürttembergischen „Way of Life“ quasi missionarisch zu verbreiten, mit strenger Disziplinierung, Sparsamkeit, Bescheidenheit. Diese Werte wurden als universell aufgefasst. Demgegenüber war Baden faktisch, nicht staatsrechtlich, eine Neugründung. Die Hymnen zeigen damit auch unterschiedliche Integrationskonzepte und -wege zwischen Baden und Württemberg.

Das Lied spiegelt zweitens und im Vergleich zu Sachsen, der Kurpfalz und Bayern die wirtschaftliche Realität. Altwürttemberg galt eher als ein armes Land: kaum Rohstoffe und Energievorräte, teilweise schlechte Böden, ganz abgesehen von einer verhältnismäßig schlechten Verkehrslage. Der Hinweis im Lied, „in Wäldern, noch so groß“, kann die schwere Zugänglichkeit des Landes meinen, aber auch ein Spiel mit der Zuschreibung der Schwaben als „Hinterwäldler“ sein.

Der eigentliche Reichtum waren – und sind auch heute noch – seine Menschen, fromm, fleißig, die die Not auch erfinderisch gemacht hatte: Humankapital als der eigentliche Standortfaktor. Als Drittes kommt hinzu die besondere Beziehung von Obrigkeit und Untertanen, von Herrschaft und „Landschaft“ (wie man die korporativ organisierte Gesamtheit der Untertanen nannte). Ein Adel als Zwischenschicht existierte im Herzogtum nicht, Herrschaft und Untertanen begegneten sich unmittelbar, wie im Lied. Institutionell war damit ein Ausgleich zwischen Herrscherhaus und Untertanenschaft erforderlich und in der Realität gegeben, der konfliktmoderierend wirken konnte und sollte.

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Abbild der Realität

Das Lied spiegelt zweitens und im Vergleich zu Sachsen, der Kurpfalz und Bayern die wirtschaftliche Realität. Altwürttemberg galt eher als ein armes Land: kaum Rohstoffe und Energievorräte, teilweise schlechte Böden, ganz abgesehen von einer verhältnismäßig schlechten Verkehrslage. Der Hinweis im Lied, „in Wäldern, noch so groß“, kann die schwere Zugänglichkeit des Landes meinen, aber auch ein Spiel mit der Zuschreibung der Schwaben als „Hinterwäldler“ sein.

Der eigentliche Reichtum waren – und sind auch heute noch – seine Menschen, fromm, fleißig, die die Not auch erfinderisch gemacht hatte: Humankapital als der eigentliche Standortfaktor. Als Drittes kommt hinzu die besondere Beziehung von Obrigkeit und Untertanen, von Herrschaft und „Landschaft“ (wie man die korporativ organisierte Gesamtheit der Untertanen nannte). Ein Adel als Zwischenschicht existierte im Herzogtum nicht, Herrschaft und Untertanen begegneten sich unmittelbar, wie im Lied. Institutionell war damit ein Ausgleich zwischen Herrscherhaus und Untertanenschaft erforderlich und in der Realität gegeben, der konfliktmoderierend wirken konnte und sollte.

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Interpretationen

"Ich mein Haupt kann kühnlich legen jedem Untertan in Schoß." So stellte sich auch König Karl das Verhältnis zwischen Regierung und Volk vor, als er dieses Denkmal 1881 im Stuttgarter Schlossgarten aufstellen ließ, geschaffen von dem Bildhauer Paul Müller aus einem 2000 Zentner schweren Marmorblock. Im Bild: Eberhardsgruppe im mittleren Schlossgarten nach dem Motiv des Gedichts "Der reichste Fürst" von Justinus Kerner, Original unter: //commons.wikimedia.org/wiki/File:Stuttgart_Unterer_Schlossgarten_11.jpg Foto: RaBoe/Wikipedia, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 (de)

Von daher kann der Fürst sein Haupt – zumindest im übertragenen Sinne – „jedem Untertan in Schoß“ legen, weil er „Württembergs geliebter Herr“ ist. Dieser symbolische Akt hat jedoch Implikationen in verschiedene Richtungen. Die eine betrifft den Untertanen und ist quietistisch: Denke daran, dein Fürst ist ein Mensch wie du, nicht ein Feind, den es mit einer Revolution zu bekämpfen gilt! Die andere richtet sich an den Herrscher: Übe dein Amt so aus, dass du jederzeit dein Haupt „jedem Untertan in Schoß“ legen kannst! Wohl dem Land, in dem sich Herrscher und Untertan so gut vertragen.

Württemberg erscheint so als ein Land der Harmonie, was in der Tat ein deutliches Merkmal der württembergischen politischen Kultur ist, ein Zug, um den die anderen Potentaten Württemberg nur beneiden konnten: „Graf im Bart, Ihr seid der reichste.“ Das schwäbische Understatement kann hier in Worms im Kreise der Reichen und Mächtigen am Ende auftrumpfen. Man kann vielleicht die Geste noch weiter deuten – in Richtung Volkssouveränität, wenn der Herrscher sich so wörtlich in die Hand der Untertanen begibt. Ein Stück weit kündigt sich hier schon die Weiterentwicklung Württembergs zur konstitutionellen Monarchie an.

Am Schluss bleibt festzuhalten, dass sich baden-württembergische Identität nach wie vor regional präsentiert, entlang der alten Grenzen der nachnapoleonischen Zeit. Denn eine Baden-Württemberg-Hymne gibt es nicht, trotz immer wieder unternommener Versuche, etwas Vergleichbares zu fördern. Vielleicht ist die Zeit für die Schaffung neuer Hymnen einfach auch vorbei.

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Jubiläum: 65 Jahre BW

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