Landeskunde Baden-Württemberg

 

Erinnerungsort für Willkürjustiz

Etwa 15 000 Gefangene waren zwischen 1800 und 1945 auf dem Hohenasperg inhaftiert. Die meisten davon waren von Gerichten verurteilte gewöhnliche Verbrecher, Diebe, Straßenräuber, Betrüger, Gewalttäter und Mörder. Für die Bedeutung des Gefängnisses im kollektiven Gedächtnis der Deutschen sorgten jedoch diejenigen, die Opfer staatlicher Willkür waren. Joseph Süß Oppenheimer (gest. 1738), diffamierend "Jud Süß" genannt, war einer der frühesten prominenten Betroffenen. Der Finanzexperte des Herzogs Karl Alexander von Württemberg wurde nach dem Tod seines Herrschers zum Sündenbock für dessen Wirtschafts- und Finanzpolitik gemacht. Oppenheimer wurde Opfer eines Justizmordes, der die alten Eliten des Landes triumphieren ließ. Sein Schicksal diente unter anderem als historische Vorlage für Wilhelm Hauffs Novelle "Jud Süß" (1827), Lion Feuchtwangers Roman "Jud Süß" (1925) und schließlich für die propagandistische Ausbeutung im gleichnamigen antisemitischen Film des NS-Filmemachers Veit Harlan (1940).

Herzog Carl Eugen (1728–1793) war der württembergische Herrscher, der auf dem Hohenasperg am häufigsten persönlich Missliebige verschwinden ließ – und zwar ohne Verfahren und Urteil. Marianne Pirker (1717–1782) ist eines dieser Beispiele. Die erste Sängerin am Stuttgarter Hof und enge Vertraute der Herzogin, der sie wohl von den erotischen Eskapaden Carl Eugens berichtet hatte, saß acht lange Jahre in einer Einzelzelle auf dem Hohenasperg ein, bis ein Gnadengesuch Maria Theresias von Österreich erhört wurde. Aber da hatte die Sängerin bereits schwere Schäden an Körper und Geist erlitten und ihr größtes Kapital, ihre Stimme, verloren.

Der Hohenasperg war aus der Sicht der Herrschenden das adäquate Mittel, um politisch Opponierende, aber auch religiöse Separatisten wie beispielsweise radikale Pietisten auszuschalten und ihren Willen zu brechen. Das Staatsgefängnis war also Disziplinierungsanstalt, um gegen den Herrscherwillen Opponierende wegzusperren, zu züchtigen, zur Anpassung zu zwingen und gesellschaftskonform zu machen.