Landeskunde Baden-Württemberg

 

Der Monarch als erster Staatsdiener

Auch konnte der König vieles, was heute gesetzlich zu regeln ist, durch Verordnung ins Werk setzen. So hat Wilhelm schon vor der Verfassung die lokale Verwaltung seines Königreichs von den Oberämtern (den Vorgängern der heutigen Landkreise) bis hinab auf die unterste Ebene der Gemeinden für lange Zeit organisiert. Gerade hier behielten praktisch fast überall die bisher Mächtigen die Macht. Detailliert schrieb die Verfassung auch die Rechte und Pflichten der Beamten fest. Sie garantierte ihnen ein rechtsstaatlich kontrolliertes bürokratisches Regieren. Die Bürokratie, an deren Spitze der König stand, war mit klarer Über- und Unterordnung hierarchisch organisiert. Sie wurde jetzt auch formell zur gemeinsamen Sache von König und Beamtentum; der Monarch war zum ersten „Staatsdiener“ geworden, und das nicht nur auf dem Papier.

So wurden überkommene Machtverhältnisse modernisiert und neu befestigt. Auch kam Wilhelm den „Altrechtlern“ dort entgegen, wo es ihnen wichtig war und ihm nicht schadete, gar nützte. Wenn sich die Verfassungsurkunde als „Vertrag“ gab, so stellte sie nur scheinbar die starke Stellung wieder her, die bis 1806 „die Stände“ gegenüber dem Landesherren gehabt hatten. Auch der „Ständische Ausschuss“ und die „Ständische Schuldenverwaltung“, die jetzt wieder eingerichtet wurden, bedeuteten im Rahmen der monarchisch-konstitutionellen Verfassung viel weniger als im „dualistischen Ständestaat“. Der neue „Geheime Rat“ war praktisch eher ein Verwaltungsgericht als das zentrale Regierungsorgan, was das gleichnamige Gremium gewesen war. Letztlich stärkten alle diese scheinbaren Kontinuitäten vor allem des Königs monarchischen Staat.

Die Krone erwies sich überall als der stärkere Partner. Hat die Opposition das nicht durchschaut? Sie dürfte dankbar die Goldene Brücke betreten haben, die ihr geboten wurde. König Friedrich und sie hatten sich ineinander verhakt; Wilhelm – ohne Zweifel ein besserer „Politiker“ als sein Vater (auch im unschmeichelhaften Sinn dieses Wortes) – hatte das Privileg, neu anfangen zu dürfen. Auch werden viele der „Altrechtler“ nicht vergessen haben, dass und wie sehr der Kronprinz sich früher von der Politik des Königs sogar öffentlich distanziert hatte. Ihm kam also ein gewisser Vertrauensvorschuss zugute.