Landeskunde Baden-Württemberg

 

Fortsetzung eingefahrener Gewohnheiten

In der „Doppelstadt“ Villingen-Schwenningen, die eine badische Amtsstadt und ein zur Stadt aufgestiegenes württembergisches Industriedorf vereinigte, dominierte zunächst die Rückbesinnung und die Betonung der Unterschiede, und manche Versuche, Gemeinsamkeit zu installieren, scheiterten. Aber wenn man sich heute ein Bild macht, so entdeckt man zwar immer noch einzelne grelle Farbtöne, aber im Ganzen ist die Harmonie nicht gestört – sie ist allerdings mehr nüchtern kalkuliert als emotional unterbaut. Beide Städte haben nach wie vor ihr Eigenleben, und was am Beispiel Tübingen-Hirschau zu zeigen war, gilt ganz allgemein auch für die auf Kreis- oder Kommunalebene vereinigten badischen und württembergischen Ortschaften: Im Verhalten der Bevölkerung wirken die alten Grenzen nach. Das kann sich auf den Kirchen- und Marktbesuch, aber auch auf Freizeitgewohnheiten oder den Bezug einer bestimmten Tageszeitung beziehen.

Als kurioses, aber aufschlussreiches Beispiel mag die Konstellation auf der Passhöhe Fohrenbühl im Mittleren Schwarzwald angeführt werden. Dort verlief zwischen dem württembergischen Lauterbach (das früher zu Vorderösterreich gehörte) und dem badischen Hornberg (das württembergisch war und 1810 im Tausch an Baden ging) die Landesgrenze. Sie führte mitten durch den verstreuten Weiler und trennte dabei auch zwei Gasthäuser, die nur etwa 30 Meter voneinander entfernt sind. Die Werbung empfiehlt für den ganzen Ort die „badisch-schwäbische Küche“, und für die Touristen spielt der historische Unterschied keine Rolle.

Aber es wird berichtet, dass die Einheimischen aus dem badischen Teil nach wie vor fast nur den „Schwanen“ besuchen, während im „Adler“ die aus dem württembergischen Teil verkehren. Es wäre sicher falsch, dahinter grundsätzlich das Bekenntnis zu den alten Ländern zu suchen – in erster Linie handelt es sich um die Fortsetzung eingefahrener Gewohnheiten. Doch daraus entsteht eine Verdichtung des Kommunikationsgeflechts auf beiden Seiten der alten Grenze, die eben doch die Erinnerung an diese Grenze stützt.