Landeskunde Baden-Württemberg

 

Erinnerung an Flucht und Vertreibung

Zahlreiche Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg haben die Themen „Flucht und Vertreibung“ mit dem Schwerpunkt auf den Fluchtbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegslokalhistorisch ausgearbeitet. Vielerorts wird nach wie vor eine tief verankerte Erinnerungskultur gepflegt. „Verlorene Heimat – gewonnene Heimat“, so heißt etwa eine 2016 herausgegebene bilanzierende Schrift der Stadt Schwäbisch Gmünd (Ulrich Müller, 2016). „Auf zu neuen Ufern“, titelte ein 2002 vom Kreisverband Waiblingen des Bundes der Vertriebenen herausgegebener Band, der von „Aufnahme und Eingliederung“ berichtet (Helmut Rössler, 2002). Die Stadt Karlsruhe veröffentlichte 2010 einen Sammelband mit dem Titel „Migration und Integration in Karlsruhe“, der sich als Gesamtschau über das 20. Jahrhundert versteht (Manfred Koch/Sabine Liebig, 2010).

Auch auf Landesebene ist das Thema gut erforscht und dargestellt. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg präsentierte 2010 unter dem Titel „Ihr und Wir“ eine Große Landesausstellung zur Integration der deutschstämmigen Flüchtlinge und Vertriebenen. Das 1987 gegründete Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Themenkreis (u. a. Mathias Beer, 2011). Mehrfach hat auch das „Haus der Heimat Baden-Württemberg“ die Zeitumstände und Hintergründe für den Südwesten aufgearbeitet (Mathias Beer, 2009 und Rainer Bendel, 2010). Und nicht zuletzt hat die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg unter anderem in ihren „Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs“ den Beitrag der Flüchtlinge und Vertriebenen zur positiven Entwicklung des Landes gewürdigt (u. a. Mathias Beer, 2012 und 2014 sowie Reinhold Weber, 2014). Im Literaturverzeichnis zu diesem Dossier ist eine Auswahl an Publikation hierzu aufgelistet.

 

Das Beispiel Karlsruhe

Hier soll exemplarisch am Beispiel Karlsruhe dargelegt werden, welche Auswirkungen das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ seit dem Ersten Weltkrieg hatten. Die nordbadische Großstadt, die 2015 ihr 300-jähriges Bestehen feierte, war schon von Gründung an stark von Zuwanderung geprägt. Der fürstliche Stadtgründer hatte 1715 in einem „Privilegienbrief“ um Zuzug von Menschen aus ganz Europa geworben. 2008 verabschiedete die Stadt die „Karlsruher Leitlinien zur Integration von Zuwanderern“. Karlsruhe verfügt also über eine jahrhundertelange Erfahrung in der Aufnahme von Menschen, auch von Flüchtlingen.

1912 zählte Karlsruhe 138.458 Einwohner, am Ende des Ersten Weltkriegs lag die Bevölkerungszahl um etwa 1.000 Personen niedriger. Doch schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkriegs kamen zahlreiche Flüchtlinge aus dem benachbarten Elsass-Lothringen. Die französischen Behörden hatten – nachdem die Départements wieder zu Frankreich gehörten – mit derAusweisung zahlreicher Deutscher begonnen. Karlsruhe musste in nur einem Jahr nach Kriegsende rund ein Fünftel der etwa 32.000 Elsass-Lothringer aufnehmen, die nach Baden flüchteten oder ausgewiesen wurden. Bis zu 150.000 Elsässer und Lothringer insgesamt mussten nach dem Ersten Weltkrieg die linksrheinische Region verlassen.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren in den Wochen nach September 1939 bis zu 90.000 Menschen zeitweilig aus Karlsruhe evakuiert worden – nach Eppingen, Mosbach oder Backnang, teilweise bis Bayern und Salzburg. Aufgrund der Grenznähe der Stadt zu Frankreich war Artilleriebeschuss der Wohnsiedlungen befürchtet worden. Weil es vorerst jedoch nicht zu Angriffen auf Karlsruhe kam, kehrten die meisten Menschen bis Weihnachten 1939 wieder zurück.

Während des Zweiten Weltkriegs gab es in Karlsruhe zeitweilig erneut Evakuierungen, vor allem in Folge der Bombenangriffe ab 1943/44, zu denen aber keine konkreten Zahlen vorliegen. Zudem gab es eine große Zahl von kriegsgefangenen Zwangsarbeitern. Eine beim Statistischen Amt der Stadt geführte Liste der Jahre 1943/44 nannte im Januar 1943 insgesamt 9.160 ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter in Karlsruhe. Davon seien „mehr als die Hälfte Ostarbeiter und Russen“. Im August 1944, als die Liste abbricht, waren es 12.470 (M. Koch/S. Liebig 2010, 33). Insgesamt wird die Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während den Kriegsjahren auf bis zu 170.00 insgesamt geschätzt.

Als Karlsruhe am 4. April 1945 von französischen Truppen befreit wurde, waren die meisten Zwangsarbeiter noch in der Stadt. Die Befreiung erlebten damals (dagegen) nur rund 60.000 Einheimische. Erst nach und nach kehrten die ausquartierten Menschen in die Stadt zurück. 1946 verzeichnete die Statistik eine Wohnbevölkerung von 175.588 Menschen.

Mit einem unerwarteten Zustrom an Menschen begann nun eine neue Zeitrechnung – und damit auch neue Herausforderungen. Der Minister des – später geschaffenen – Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte hatte dazu ein Dreiphasenmodell benannt, mit dem die Integration der „Neubürger“, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen von Amts wegen genannt wurden, gelingen sollte: 1) Beschaffung von Wohnraum, 2) Sicherung der sozialen Lage, 3) innere Eingliederung.

Auf das schwer kriegsgeschädigte Karlsruhe kamen nun Tausende Flüchtlinge und Vertriebene zu, die in der Stadt aufgenommen und integriert werden mussten. Historiker beziffern die Zahl der um 1960 in Karlsruhe lebenden „Zuwanderer“ auf insgesamt etwa 65.000 Menschen oder rund 27 Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon waren Tausende ehemalige Bewohner der Sowjetischen Besatzungszone, die 1949 zur DDR geworden war. Die Herkunftsgebiete der in Karlsruhe in den ersten sieben Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommenen Flüchtlinge und Vertriebenen (mit Statistik Ende 1952, aus: M. Koch/S. Liebig 2010, 60):

CSR/Tschechoslowakei12.060
ehem. Ostgebiete, östlich Oder/Neiße7.230
damaliges Jugoslawien2.376
Polen1.859
Ungarn942
Österreich944
Rumänien327
Russland155
sonstige Länder2.271
gesamt28.164

Schon bevor die ersten Flüchtlingstransporte vor allem aus Polen und dem Sudetenland (CSR) ankamen, hatte die Stadt für zahlreiche Menschen zu sorgen, die aus ihrer Heimat geflohen waren. Bis Mitte Oktober 1945 kamen 12.700 Menschen, darunter nach damaligen Schätzungen rund 50 Prozent Flüchtlinge aus den vormaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs. Wöchentlich erreichten etwa 3.500 Menschen die Stadt, von denen 2.500 wieder weiterwanderten. Zunächst war ein Lager in der Helmholtz-Schule in der Karlsruher Weststadt eingerichtet, später in der Artillerie-Kaserne in der Moltkestraße. Der erste große Flüchtlingstransport mit zunächst 360 Donauschwaben aus Jugoslawien kam bereits am 22. Juli 1945 in den westlich gelegenen Stadtteil Knielingen. Weitere 1.429 Flüchtlinge aus Slawonien und Kroatien kamen im August 1945.

Das Knielinger Lager, das eigentlich für „Displaced Persons“ eingerichtet worden war, beherbergte Anfang September 1945 2.229 deutsche Flüchtlinge. Weil ab Oktober 1945 neue Massentransporte angekündigt waren, stimmte die Militärverwaltung der Nutzung der nahe der Stadtmitte gelegenen Artillerie-Kaserne als Durchgangslager zu. Die ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter wurden von dort in die nördlich gelegene Mackensen-Kaserne umquartiert. Die umgebaute Artillerie-Kaserne diente ab November als zentrales Flüchtlingsauffang- und durchgangslager für ganz Mittelbaden mit 2.500 Plätzen. Allein bis Ende 1947 wurden nach Aussagen des damals zuständigen Referenten für Flüchtlingswesen der Stadt 42.000 Menschen durch das Lager geschleust (M. Koch/S. Liebig 2010, 62). Der massivste Zugang fand zwischen Februar und November 1946 statt, als 24 Transporte mit 20.580 Menschen in die Stadt kamen.

Zum 1.November 1945 hatte die Stadt Karlsruhe selbst bereits 11.058 Flüchtlinge aufgenommen. Im noch stärker zerstörten Mannheim waren es 3.353. Mit den nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1960 etwa 65.000 aufgenommenen Flüchtlingen und Vertriebenen – einschließlich der „Zonenflüchtlinge“ aus der damaligen DDR – gehörte bald jede und jeder Vierte in Karlsruhe zu dieser Personengruppe. Die Integration dieser Menschen ist in Karlsruhe, und das gilt für viele andere Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg und in ganz Deutschland in ganz ähnlicher Art und Weise, eine wohl beispiellose Leistung, auch wenn sie nicht so rasch und so reibungslos vonstatten ging, wie es die offizielle Politik oftmals darstellte.

Waiblingen und der heutige Rems-Murr-Kreis

Ein kurzer Blick auf Waiblingen und den heutigen Rems-Murr-Kreis verdeutlicht die Situation in den anderen Landesteilen. Die Stadt Waiblingen, östlich von Stuttgart gelegen, zählte 1939 noch 10.825 Einwohner. Die Zahl war bis 1960 – lange vor der Gemeindereform der 1970er-Jahre – auf 22.440 Menschen angestiegen. Ähnliches gilt, mit jeweils etwa einer Verdoppelung der Einwohnerzahlen, auch für die Städte Fellbach, Schorndorf, Welzheim, Winnenden und Backnang – alle im heutigen Rems-Murr-Kreis gelegen.


Die Zahl der Flüchtlinge – nach Herkunft – im Altkreis Waiblingen, an den Beispielen der Städte Fellbach, Waiblingen, Schorndorf und Winnenden betrug mit Stand 1. Juni 1948:

Verteilung der Vertriebenen nach Ländern: 1950/61, (Beer, 2011)

 FellbachWaiblingenSchorndorfWinnenden
Sudetendeutsche111717951217835
Ungarndeutsche76387592363
Jugoslawiendeutsche7521042274
Rumäniendeutsche48608528
deutsche Ostgebiete757525583244
sonstige6150495
gesamt2134302725682749