Landeskunde Baden-Württemberg

 

Erfolgreiche Integration

In vielerlei Hinsicht lässt sich die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in der Bundesrepublik und in Baden-Württemberg als Erfolgsgeschichte lesen.

Erstens hatten sie in aller Regel die deutsche Staatsbürgerschaft und sprachen deutsch, was die Abwehrreaktion der Alteingesessenen zumindest gedämpft haben dürfte. Zudem hatten sie trotz oft anderslautender politischer Beteuerung angesichts der Verhärtung der Blockkonfrontation keine realistische Rückkehrperspektive. Ihren Integrationswillen hat dieser Sachverhalt sicherlich gestärkt.

Zweitens waren die Vertriebenen eine sozial recht inhomogene Gruppe, die vor allem in der Anfangsphase dem für viele Zuwanderergruppen typischen Unterschichtungsphänomen ausgesetzt war und oft statusniedrigere beru?iche Positionen einnehmen musste. Mit dem einsetzenden „Wirtschaftswunder“ fanden sie aber rasch Anschluss an die einheimische Mittelschicht der deutschen Nachkriegsgesellschaft, vor allem wenn sie im öffentlichen Dienst beschäftigt waren. Echte Aufstiegsmöglichkeiten gab es für die „Neubürger“ vor allem, als die „Gastarbeiter“ mit ihrer „doppelten Unterprivilegierung“ – fremde und billige Arbeitskräfte zugleich – kamen und oftmals die sozial niedrigen Arbeitsmarktpositionen einnahmen. Nun profitierten auch viele deutsche Flüchtlinge und Vertriebenen von dem einsetzenden sozialen Fahrstuhleffekt.

Drittens schließlich hatten die Vertriebenen mit der deutschen Staatsangehörigkeit auch das Wahlrecht. Sie waren, nachdem ein anfängliches politisches Vereinigungsverbot der Besatzungsmächte 1948/49 aufgehoben worden war, eine ernstzunehmende Klientel für die Parteien. Mit ihren Verbänden waren sie zudem eine für alle politischen Kräfte zu berücksichtigende Pressuregroup. Bis Ende der 1950er-Jahre hatten die Vertriebenen schließlich mit dem 1950 gegründeten „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE) eine eigene politische Partei, die sich allerdings am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums bewegte. Aber beide großen Volksparteien, CDU/CSU und SPD, kümmerten sich intensiv um die Belange der Vertriebenen. Sie fuhren dabei zweigleisig: Auf der einen Seite half man den Vertriebenen materiell auf die Beine, auf der anderen Seite schürte man lange Jahre ihre Illusion einer „Rückkehr in die Heimat“. Noch 1963 rief Willy Brandt, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, auf einem Schlesiertreffen: „Verzicht ist Verrat!“. Zwar schien es so, als wäre die CDU geradezu naturwüchsig zur Fürsprecherin der Vertriebenen geworden, aber sie gehörten lange auch zur klassischen Klientel der SPD, bis dieses Verhältnis mit der „Neuen Ostpolitik“ Ende der 1960er-Jahre einen tiefen Riss erfuhr und Willy Brandt geradezu zur Hassfigur stilisiert wurde.

Generell passte die Aufstiegs- und Leistungsorientierung der Flüchtlinge und Vertriebenen in die Wirtschaftswundermentalität der Nachkriegszeit. Mit viel Fleiß und Ehrgeiz versuchten die „Neubürger“, ihren alten sozialen Status wieder zu erlangen. In der Landwirtschaft misslang dies weitgehend, schon weil es in der Bundesrepublik zu keiner durchgreifenden Bodenreform gekommen war. Nicht wenige der Vertriebenen, die ja oft einen landwirtschaftlichen Hintergrund hatten, wanderten in die USA oder nach Kanada weiter. Bei den Beschäftigten in den beiden anderen Wirtschaftssektoren war der Prozess der sozialen Angleichung erfolgreicher.

Die rege Bautätigkeit, die nach der Währungsreform vom Sommer 1948 einsetzte und mit dem heftig umstrittenen Lastenausgleichsgesetz von 1952 (der Slogan der Gegner lautete „Lasst den Ausgleich!“), der größten Wirtschafts- und Finanztransaktion in der deutschen Geschichte vor der deutschen Wiedervereinigung, angeregt wurde, war symptomatisch. Nachdem Millionen von Vertriebenen aus Krieg und Diktatur oft nur einen Koffer und ein Bündel Hausrat gerettet hatten, war das Eigenheim für sie soziales Leitbild und Symbol für Ankommen und Neubeginn in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Jenseits der rein ökonomischen Aspekte hatte der Lastenausgleich aber vor allem politisch-symbolische Bedeutung, weil ihm das Bekenntnis zur Solidarität mit den Geschädigten zugrunde lag. Er wirkte damit integrativ und sozial befriedend. Aber er hatte auch gezeigt, dass die Vertriebenen ihre Positionen systemkonform artikulieren konnten und in der Politik Gehör fanden. Damit wurde auch ein Beitrag geleistet, um ihre von vielen befürchtete Radikalisierung zu verhindern. Kein Zweifel: Der Lastenausgleich stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft.  Dennoch ist der lange gep?egte „Mythos der schnellen Integration“ auch zu hinterfragen. Der Begriff war politisch motiviert, um die Wunde der Vertreibung zu schließen. Die „Meistererzählung“ des „Eingliederungswunders“ passte hervorragend in die Erfolgsgeschichte der jungen Wirtschaftswunderrepublik, die damit zeigen wollte, wie schnell sie in der Lage war, eine so große Belastung zu bewältigen. Es ging aber auch um aktive Erinnerungspolitik: Die Flüchtlinge und Vertriebenen wurden im Übergang von der Zusammenbruchs- zur Wirtschaftswundergesellschaft als fremder Teil der Konkursmasse des „Dritten Reiches“ gesehen.

Die Geschichte der Zwangszuwanderungen nach 1945 belegt aber auch, dass Integrationsprozesse – selbst wenn die Zugewanderten der deutschen Sprache mächtig sind – Zeit brauchen. Vor allem durch die konfessionellen Unterschiede zwischen „Neubürgern“ und eingesessener Bevölkerung entstanden zahlreiche kulturelle Kon?ikte und Stigmatisierungen, die nur langsam abgeschliffen werden konnten. Gerade die Verbindung mit Einheimischen durch Heirat blieb die Ausnahme. Besonders im ländlichen Raum galt es noch lange Zeit als geradezu skandalös, wenn ein „Flüchtlingskind“ ins Dorf „einheiratete“. Erste wirklich wahrnehmbare Integrationsansätze beim Heiratsverhalten sind erst in den späten 1960er-Jahren auszumachen.

Weitere Integrationsbarrieren kamen hinzu: Zwar gelang den Flüchtlingen und Vertriebenen recht rasch die Teilhabe am expandierenden Konsumgütermarkt, noch lange aber bestanden deutliche Unterschiede bei der Vermögenssubstanz. So dauerte es trotz Lastenausgleich und anderer umfangreicher sozialpolitischer Maßnahmen lange, bis die Vertriebenen beispielsweise die Wohneigentümerquote der „Altbürger“ erreichten. Kurzum: Auch der deutsche Südwesten war keinesfalls das „Musterländle“ der Integration. Aber trotz aller Schwierigkeiten, Vorbehalte und zeitweiliger Integrationsde?zite ist die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen gemessen an den Faktoren, anhand derer wir heute auch die Integration von nichtdeutschen Migranten bewerten, gut und erfolgreich gelungen – wenn auch nicht so rasch und reibungslos, wie vielfach konstatiert wurde.