Landeskunde Baden-Württemberg

 

Das Ziel der Schaufahrt: das Konzentrationslager Kislau

Ankunft im KZ Kislau: Die sieben Sozialdemokraten mussten sich in Reih und Glied aufstellen und wurden fotografiert. Die NS-Presse schrieb am nächsten Tag: „Im Vorhof des umfangreichen Komplexes [des KZ Kislau] stehen wiederum Hunderte und aber Hunderte von Volksgenossen, die die roten Verderber noch einmal sehen wollen, bevor die eisernen Tore der Anstalt sich hinter ihnen auf lange Zeit schließen.“ Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Ziel der Schaufahrt war das im April 1933 neu eingerichtete KZ Kislau, dessen Mittelpunkt ein ehemaliges Schloss bildete. Die Nebengebäude wurden seit Jahren als Arbeitshaus für Männer genutzt. Organisatorisch von diesem getrennt, wurde dort ein zentrales Internierungslager für politische Gefangene in Baden aufgebaut. Entgegen seinen idyllisch anmutenden Baulichkeiten in der Nähe eines international besuchten Kurbades handelte es sich hier um einen Ort brutaler Unterdrückung, der um die 70 politische Gefangene in seinen Mauern festhielt. Die überwiegende Zahl der „Schutzhäftlinge“ rekrutierte sich aus den Reihen der Kommunisten und Sozialdemokraten, die in ihrer gemeinsamen Leidenszeit alle Differenzen, die vormals zwischen den beiden Arbeiterparteien bestanden hatten, zurückstellten und sich nun als Gefangene solidarisch begegneten.

Bei ihrer Ankunft mussten die sieben Sozialdemokraten sich einem Zwangsfototermin stellen, dessen Bilder am nächsten Tag in der NS-Presse veröffentlicht wurden. Die zynische Schlagzeile lautete: „Abschied von der Residenz – Sieben Novemberverbrecher ziehen nach Kislau“. Sowohl über die Existenz des Lagers als auch über die Häftlinge wurde die Öffentlichkeit genauestens unterrichtet, allerdings versuchten die Nationalsozialisten, den Charakter des Lagers als Instrument politischer Repression und Einschüchterung herunterzuspielen, indem sie internationalen Journalisten immer wieder zur Besichtigung Zugang gewährten und den Eindruck angemessener, humaner Haftbedingungen vermitteln wollten.

Kislau galt als badisches „Renommierlager“, auf dessen positiven Ruf die Nationalsozialisten sorgsam bedacht waren und das nicht verglichen werden sollte mit dem berüchtigten Lager Dachau, in das einige Häftlinge später überführt wurden und wo sich ihr Leidensweg fortsetzen sollte. Trotz des als „anständig“ geltenden Lagerleiters Mohr, der sich als ehemaliger Kolonialoffizier an den Normen des kaiserlichen Militärs orientierte, mussten die Häftlinge viele Schikanen erdulden. Zu ihnen zählten die schwere Zwangsarbeit bei den Entwässerungsarbeiten im Bruch von Bad Mingolsheim, das schlechte Essen, die ständigen Demütigungen und willkürlichen Verbote durch das Wachpersonal. Kislau muss – wie alle anderen KZs auch – als „Vorhof zur Hölle“ gelten, wie dies ein ehemaliger Häftling des württembergischen Konzentrationslagers Heuberg ausdrückte.