Landeskunde Baden-Württemberg

 

Königin-Olga-Bau, Stuttgart

Anknüpfen an den Traditionalismus: der von Paul Schmitthenner entworfene Königin-Olga-Bau in Stuttgart auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1956. Foto: LMZ Baden-Württemberg
In enger Verwandtschaft zum Stuttgarter Königin-Olga-Bau, doch hoheitlicher: die von Hermann Billing entworfene Karlsruher Oberpostdirektion in den 1950er-Jahren. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Paul Schmitthenner (1884–1972) verlor mit dem Untergang des „Dritten Reichs“ seinen Stuttgarter Lehrstuhl. Seine nie ganz sicher auszulotende Nähe zum Nationalsozialismus und seine nie verhohlene, offene Gegnerschaft zur Ideologie des „Neuen Bauens“ hatten ihn nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ zunächst isoliert. Als privater Architekt blieb er aber durchaus gefragt. Als er den Auftrag bekam, für die damalige Rhein-Main-Bank anstelle des im Krieg zerstörten historistischen Königin-Olga-Baus ein neues Bankgebäude zu errichten, lag Stuttgarts Innenstadt noch in Trümmern. Die Wiederaufbauplanung der Stadt war bei Weitem noch nicht abgeschlossen. So kam Schmitthenners Auftrag also eine besondere Bedeutung zu.

Der Bauplatz lag an einem der städtebaulich wichtigsten Bereiche der Stadt; das Bauwerk sollte den Abschluss der Königstraße und einen Teil der Platzwand des Schlossplatzes abgeben. Ein baureifer Entwurf an dieser Stelle determinierte also zwangsläufig alle Überlegungen zum Neuaufbau an dieser Stelle der Stadt. Für den Wiederaufbau des Neuen Schlosses, des Kunstgebäudes und des Königsbaus in ihren historischen Formen, der 1950 noch überhaupt nicht feststand, wirkte sich der neue Olga-Bau bestimmend aus.

Schmitthenner orientierte sich bei der Auswahl der Baumaterialien an den historischen Nachbargebäuden. Er wählte für die Fassaden des hohen Erdgeschosses Muschelkalk und für die der Obergeschosse Sandstein. Fenster- und Türgewände sind durchweg aus Muschelkalk gearbeitet. Lamellenklappläden sorgen für ein Fassadenrelief am Obergeschoss. Solche Fensterläden sind bei einem repräsentativen öffentlichen Gebäude auch damals eher unüblich gewesen. Sie wurden und werden fast ausschließlich im Wohnungsbau verwandt. Vielleicht hat Schmitthenner versucht, damit die Strenge des Entwurfs etwas zu mildern und ihm eine heitere und privatere Note zu verleihen. Das ist ihm wohl auch gelungen.

Vergleicht man den Olga-Bau mit Hermann Billings Karlsruher Oberpostdirektionsgebäude aus dem Jahr 1938, so fällt zum einen die enge Verwandtschaft der Entwürfe auf, zum anderen aber, um wie viel hoheitlicher Billings Bau im Vergleich zu dem Schmitthenners wirkt. Damit ist aber auch klar zu erkennen, wie unzeitgemäß der Stuttgarter Entwurf war. Geradezu aufreizend wirkte er auf die Anhänger der Modernisten. Der Olga-Bau dürfte einer der letzten Repräsentationsbauten nach 1945 in Württemberg und Baden sein, der die Züge des Traditionalismus aus der Zwischenkriegszeit so rein und offen zeigte. Er steht heute mit den Bauten des Weißenhofs und allen anderen hier besprochenen unter Denkmalschutz. Das ist sicher gut so.