Landeskunde Baden-Württemberg

 

Politische Aktivitäten

Das Zwei-Wege-Bild beruht auf Matthäus 7, 13/14: „Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die darauf wandeln.“ Es wurde bis heute millionenfach gedruckt und spiegelt die weltfeindlich-asketische Haltung wider, die für viele pietistische Gruppierungen kennzeichnend ist. Charlotte Reihlen (1805–1868), die das Bild entworfen hat, belegt mit ihrer Biografie die Ambivalenz des Neupietismus: Nach ihrer Bekehrung distanzierte sie sich entschieden von der modernen Welt, sie schuf aber auch als Gründerin von Mädchenschulen für einfache und höhere Bildung und als Mitgründerin der Stuttgarter Diakonissenanstalt wesentliche Voraussetzungen für die Berufstätigkeit von Frauen und damit für die Frauenemanzipation. Foto: ICM Medienhaus/ Stiftung Christliche Medien (SCM)

Pietisten waren in Württemberg nur selten direkt politisch aktiv. Die wenigen Ausnahmen standen allerdings in engem Bezug zu Korntal. Christoph Hoffmann, der Sohn des Gründervaters, errang 1848 einen Sitz in der Frankfurter Paulskirche. Dort forderte er die Trennung von Kirche und Staat, weil nur in der Unabhängigkeit die wahren Christen sich auf den eschatologischen Endkampf vorbereiten könnten. Enttäuscht von Politik und Kirche, propagierte er die Auswanderung nach Jerusalem, weil er glaubte, mit der Wiederkunft des Herrn werde von dort die Erneuerung der verderbten Welt durch von Gott auserwählte Deutsche ausgehen. Unter seiner Führung entstand der „Deutsche Tempel“ und zwischen 1868 und 1873 Templerkolonien in Haifa, Jaffa und Jerusalem.

Einen weiteren Versuch, aus dem Pietismus heraus die Welt zu verändern, unternahm Christoph Blumhardt (1842– 1919), der über seine Eltern engen Kontakt zu Korntal hatte. Er wollte das Proletariat für das Christentum gewinnen, der Die Uhr am Betsaal von Wilhelmsdorf zeigt den Ablauf der irdischen Zeit. Die vier Trompetenengel und das Lamm der Apokalypse auf dem Dach sind von den vier kreuzförmig auf den Betsaal hinführenden Straßen aus sichtbar und mahnen, der baldigen Wiederkunft Christi zu gedenken. Sozialismus war dabei ein Instrument für die Vorbereitung der „Gnadenzeit“ des Gottesreiches. Sein Eintritt in die SPD war ein offener Bruch mit dem Bündnis von Thron und Altar. Das Landtagsmandat (1901–1906) gab er bald auf, weil er meinte, ein christliches Reich scheitere am „Felsen des Irdischen“. Dennoch entstand durch ihn an seinem Wirkungsort Bad Boll ein christlicher Sozialismus, dem die Soziale Frage eine Herzensangelegenheit war.

In den Krisenjahren der Weimarer Republik wollten Pietisten aus ganz Deutschland eine Partei auf biblischer Grundlage gründen. Unter der Leitung des Korntaler Lehrers Wilhelm Simpfendörfer (1888–1973) wurde 1927 der Reichsverband des Christlichen Volksdienstes mit Sitz in Korntal gegründet. 1930 stellte die Partei, die sich nun Christlich-Sozialer Volksdienst nannte und ihre Wähler vor allem aus den Freikirchen und der pietistischen Gemeinschaftsbewegung rekrutierte, 14 Reichstagsabgeordnete, unter ihnen die beiden Korntaler Wilhelm Simpfendörfer und Paul Bausch (1895–1981). „Fronterlebnis“ und „deutscher Pietismus“ seien die Wurzeln dieser „Bewegung“, die sich die innere Erneuerung, nationale Befreiung und soziale Neugestaltung des Volkslebens durch das lebendige Christentum zum Ziel gesetzt habe, so Simpfendörfer im Jahr 1930 im Reichstag.

Trotz seiner christlichen Grundhaltung war der „Volksdienst“ kein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus waren Simpfendörfer und Bausch in Württemberg dann entscheidend an der Gründung der CDU als einer überkonfessionellen Partei beteiligt. Die politischen Katastrophen der letzten Jahrzehnte seien durch die Abkehr der von Gott gesetzten Ordnung verursacht. Der neue deutsche Staat dürfe nicht weltanschaulich neutral sein; es sei vielmehr Pflicht eines Christen, dafür zu kämpfen, dass das christliche Sittengesetz das politische Leben in allen Bereichen präge. Beide Politiker hatten über Jahre wichtige (partei-)politische Ämter inne. Simpfendörfer war Landesvorsitzender der CDU, später ihr Ehrenvorsitzender. Von 1946 bis 1960 war er Landtagsabgeordneter, kurzzeitig Kultminister in Württemberg-Baden und nach der Gründung des Südweststaats dessen erster Kultusminister (bis 1958). In Konflikt mit seiner Partei geriet er wegen deren Ostpolitik. 1971 trat er aus der CDU aus.