Landeskunde Baden-Württemberg

 

Logistischer Ausgangspunkt für die Vernichtung der Sinti und Roma

Nachdem fast 500 Sinti und Roma eine Woche lang im "Sammellager" auf dem Hohenasperg eingepfercht worden waren, wurden sie am 22. Mai 1940 durch die Stadt Asperg zum Bahnhof geführt, von wo aus die Deportationszüge in die Ghettos und Konzentrationsalger im besetzten Polen starteten. Die zuständige Kripo-Stelle notierte: "Der Abtransport ging glatt vonstatten." Weder die Verhaftungen noch der Abtransport der Sinti und Roma geschahen im Verborgenen, sondern am helllichten Tag. Foto: Marsch über die Königstraße, Bundesarchiv, R 165 Bild-244-42 / CC-BY-SA

Seit 1936 arbeitete im NS-Reichsgesundheitsministerium eine „Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle“, deren Ziel es war, den Rassenwahn der Nationalsozialisten gegen Sinti und Roma umzusetzen und die als „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ Definierten im Reich zu erfassen und zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser „Forschungsstelle“ unter Robert Ritter, der seine „wissenschaftlichen“ Theorien zwischen 1932 und 1935 an der Jugendabteilung der Psychiatrie der Universität Tübingen entwickelt hatte, wurden zur Grundlage der „endgültigen Lösung der Zigeunerfrage“, die Heinrich Himmler bereits 1938 angekündigt hatte. Im April 1940 befahl der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, die erste Deportation von zunächst 2500 Sinti und Roma aus ganz Deutschland nach Polen.

Für die Nummern 2000 bis 2500 auf den Deportationslisten war die Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart zuständig, die als „Sammellager“ den Hohenasperg bestimmte. Das Gefängnis diente nun als Zwischenstation für Sinti und Roma aus Mainz, Ingelheim und Worms und damit als einer der logistischen Ausgangspunkte für den Völkermord an den Sinti und Roma. Die Deportation der Sinti und Roma war die Generalprobe für den nationalsozialistischen Massenmord – akribisch geplant und von den Beamten schriftlich und fotografisch festgehalten. Die allermeisten der Verschleppten erwartete der Tod in den Gaskammern der Vernichtungslager. Bis Anfang 1943 wurde der Hohenasperg als Durchgangsstation für deportierte Sinti- und Roma-Familien genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die Festung den US-Amerikanern unter hygienisch prekären Verhältnissen und mit schwieriger Nahrungsmittelversorgung als Internierungslager für NSDAP-Mitglieder, die dem „Automatic Arrest“ der US-amerikanischen Entnazifizierung unterlagen. Aber auch Angehörige des diplomatischen Dienstes und Mitglieder deutscher Schiffsbesatzungen, die aus dem Ausland nach Deutschland „repatriiert“ worden waren, kamen nun auf den Hohenasperg.