Landeskunde Baden-Württemberg

 

Haft als Ehrerweis

Der Unterschied zu den früheren Festungshäftlingen, die noch gänzlich ausgeschaltet und weggesperrt werden sollten, war der, dass es nun um politisches Urteilen, um Gängelung und Domestizierungsversuche zur inneren Sicherung des monarchischen Obrigkeitsstaates ging, der ja konstitutionelle Monarchie und damit ein Rechtsstaat war. Im Gegenzug wussten die Düpierten mit der Haft entsprechend umzugehen. So mancher Demokrat würzte hier seine politische Karriere mit einer Prise Märtyrer- und Heroentum.

Die Haftzeiten wurden wie ein Ehrerweis vor sich hergetragen und gehörten wie selbstverständlich in die Biografie eines aufrechten Demokraten – oder sie wurden zumindest mit viel Humor und Ironie getragen, wie es der deutsch-katholische Prediger Friedrich Albrecht vormachte, als er 1866 über seine achttägige Haft auf dem Hohenasperg schrieb: „Ich habe in meinem Leben noch nie ein Zimmer mit so herrlicher Aussicht bewohnt. […]. Hätte mir der Arzt meiner Gesundheit willen eine Luftveränderung anempfohlen, ich hätte mir keinen billigeren und angenehmeren Aufenthalt wählen können, wie den hier auf Hohenasperg.“ Man wird die Haftbedingungen und das Unterdrückungspotenzial des Hohenasperg gleichwohl nicht bagatellisieren dürfen.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde es ruhiger auf dem Hohenasperg, schon weil das Bismarck’sche Sozialistengesetz von 1878 in Württemberg mit seinem milden politischen Klima weitaus weniger scharf gehandhabt wurde als etwa in Preußen. Erst die großen ideologischen Auseinandersetzungen und der Einbruch von Gewalt und Barbarei in der Epoche der beiden Weltkriege von 1914 bis 1945 brachte dem Hohenasperg erneut Willkür, Terror und physische Gewalt.