Landeskunde Baden-Württemberg

 

Ein neuer Kulturkampf? – Das bundesrepublikanische Ringen um die Schule

Der „eigentliche“ badische Kulturkampf war im Wesentlichen ein Schulstreit gewesen. Was lag näher, als 100 Jahre später die wieder aufbrechenden Auseinandersetzungen um den Fortbestand der Konfessionsschule mit den alten Kulturkämpfen zu vergleichen und von einem neuen Kulturkampf zu sprechen? Wie in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Chiffre von beiden Seiten bedient. Da gab es ebenso „schwarze Kulturkämpfer“ wie „rote Kulturkämpfer“, die freilich allen Parteien angehören konnten.

Der „Spiegel" sprach von einem „beispiellosen Kulturkampf “, als 1965 „fast die gesamte Lehrerschaft Niedersachsens gegen Kirche und Konfessionsschule Front machte“, während ein katholischer Bischof, als die baden-württembergische CDU/SPD-Regierung unter Hans Filbinger ein neues Schulgesetz erließ, das den Konfessionsschulen ein Ende bereitete und die christliche Gemeinschaftsschule zur einzigen Form der öffentlichen Grund- und Hauptschulen bestimmte, im „Echo der Zeit" das Jahr 1967 mit dem Jahr 1933 verglich: Die katholische Kirche, die damals „den Kulturkampf nicht riskierte“, müsse heute „den aufgezwungenen Schulkampf als Teil des allgemeinen Kulturkampfes“ führen.

Doch der Kampf endete – anders als 100 Jahre zuvor – mit einer Niederlage der kirchlichen Position. War Deutschland – wie Karl Rahner SJ schrieb – ein „Heidenland mit christlicher Vergangenheit und christlichen Restbeständen“ geworden? Oder zeigten sich nicht lediglich die Auflösungserscheinungen eines katholischen Milieus, das durch die gesellschaftliche Ghettoisierung der Katholiken im Kulturkampf entstanden war, das längst nicht mehr existierte?