Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Schulpolitik als das Feld der „gewetzten Messer“

In den folgenden Jahren – bis zum Ende der Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg – blieben die alten, nicht abgearbeiteten Themen präsent: Der Antrag auf Zulassung von Männerorden blieb zurückgewiesen, die Barmherzigen Schwestern wurden ablehnend behandelt, ehemalige Konviktoren im Staatsdienst wurden als kirchliche Spitzel betrachtet. 1908 und 1910 wurden Vorstöße unternommen, die konfessionellen Lehrerseminare in Simultaneen umzuwandeln.

Überhaupt blieb die Schulpolitik das bevorzugte Feld der „gewetzten Messer“. Erklärtes Ziel des Liberalismus und der Sozialdemokratie war die Entfernung der Kirche aus den Schulen und damit die Trennung von Kirche und Staat. Auf Seiten des Zentrums sah man im Gegenzug überall den „lebenszerrüttenden Kulturteufel“, die „Zigarettenschmaucher“, Kinobesucher und „Trottoirtrippler“ auf dem Vormarsch. Das Volk lehnte die Kulturkämpferei – wie ehedem – in seiner Mehrheit ab und quittierte sie mit einem deutlichen Stimmenzuwachs für die Katholiken.

Kein Wunder, dass man auf katholischer Seite auch fernerhin gerne die Rede vom neuen „Kulturkampf “ pflegte. In der 1912 aufkeimenden Diskussion über das alte, aus dem Kulturkampf noch verbliebene „Jesuitengesetz“ sah sich der Reichskanzler zu einer Entgegnung genötigt: Wenn man angesichts dieser Vorgänge von Wiedereröffnung des Kulturkampfes rede, so warnte er, lade man „eine schwere verhängnisvolle Verantwortung“ auf sich. Tatsächlich waren damals in Baden religiöse Vorträge von Jesuiten polizeilich untersagt. Der Kommentar des badischen Zentrumsführers Theodor Wacker dazu: „Als Rosa Luxemburg ihre Durlacher Blutrede gehalten hat, da hat bei der Polizeigewalt in Baden kein Hahn danach gekräht.“

Im Ringen um die neue Landesverfassung nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Ende der Monarchie blieb vor allem die Schule ein umkämpftes Thema. Es gelang den Katholiken nicht, das Elternrecht festzuschreiben. Immerhin fiel die alte Kulturkampfbestimmung, nach welcher Ordensfrauen für eine Tätigkeit selbst in einer Kleinkinderschule einen ministeriellen Dispens benötigten. Die „Kuttenangst“ blieb freilich noch lange bestehen, wie etwa die Debatten über das Lehrerbildungsgesetz 1926 zeigten.