Landeskunde Baden-Württemberg

 

Der Kulturkampf ist zu Ende – es lebe der Kulturkampf

In das Pontifikat Papst Pius' IX. (1846-1878) fielen 1854 die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Mariens, 1870 die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit (durch das Erste Vatikanische Konzil) und 1870 der Verlust des Kirchenstaates.

Mit der Ausformung des katholischen Milieus wurde der Weg frei für das Heraustreten der Katholiken aus dem Ghetto, ihre Integration ins Kaiserreich und ihre Identifikation mit dem neuen Deutschland. Das neue Selbstbewusstsein der Katholiken erzeugte auf Seiten der Protestanten Ängste, während im intellektuellen Katholizismus sich die Stimmen mehrten, die einen stärkeren Anschluss an die Zeit, einen „zeitgemäßen“ Katholizismus forderten. Wie ein Fanal wirkten in dieser Hinsicht die Bücher „Der Katholicismus als Princip des Fortschritts" (1897) des Würzburger Theologen Herman Schell und „Katholisches Christentum und moderne Kultur" (1906) des Kirchenhistorikers Albert Ehrhard.

 

 

Doch stießen diese reformorientierten Regungen innerhalb der Kirche auf Ablehnung. Das intransigente Pontifikat Pius’ X. wurde zum Desaster, weil es die Kirche einmal mehr innerlich spaltete und nach außen hin schwächte. Wieder waren die Katholiken demonstrativ ans römische Gängelband genommen, in Deutschland aber als antimodern und gesellschaftsfeindlich wahrgenommen. Damit war das alte „Kulturkampftrauma“, das Gefühl der Minderwertigkeit – trotz zunehmend gelingender Integration ins kleindeutsche Reich – plötzlich wieder sehr präsent. Zur Neubelebung kulturkämpferischer Stimmungen trug auch der 1886 gegründete Evangelische Bund bei, der die konfessionellen Gegensätze wieder stärker betonte. So ging im Katholizismus in den folgenden Jahren die Rede von einem neuen Kulturkampf. Beides schuf eine anhaltende Bewusstseinslage, die bis hinein in die Weimarer Zeit wirkte.

Auch in Baden wirkte der Kulturkampf weit über die Aufhebung der Kulturkampfgesetzgebung hinaus. Anlässlich der Landtagswahl von 1905, die erstmals als Direktwahl durchgeführt wurde, polemisierte die liberale Öffentlichkeit heftig gegen den Katholizismus. Während jedoch die National- und Linksliberalen zusammen nur 35,8 Prozent und die Sozialdemokraten 17 Prozent der Stimmen erhielten, konnte die Zentrumspartei satte 44 Prozent erringen. Obwohl stärkste Partei, wurde das Zentrum aber nicht an der Regierungsbil- dung beteiligt, durfte sogar – allen Traditionen und Abmachungen zum Trotz – nicht einmal den Kammerpräsidenten stellen.

Infolge des Wahlsiegs des Zentrums inszenierte Innenminister Karl Schenkel eine förmliche Razzia gegen katholische Geistliche wegen des Verdachts auf „Mißbrauch des geistlichen Amtes“ und „politischer Beeinflussung der Wähler“. Der Klerus wurde bespitzelt, „gewisse Leute, die sonst nie in die Kirche gingen, kamen jetzt, um aufzupassen und anzuzeigen“, etwa den Pfarrer von Stetten (bei Engen), der seinen Gläubigen gesagt haben soll: „Wenn ihr liberal wählt, verrecken euch die Kälber.“ Wie sehr man sich damals in Kulturkampfzeiten zurückversetzt sah, zeigte sich in der Abgeordnetenkammer: „Im Zeichen des Kulturkampfes begannen die Debatten im Rondell; im Zeichen des Kulturkampfes geht der Landtag seinem Ende entgegen“ – schrieb damals der „Mannheimer Generalanzeiger".