Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Ausrichtung gegen die Moderne

Tatsächlich führten auch innerkirchliche Entwicklungen, vor allem die antimoderne Ausrichtung der Kirche während des langen Pontifikats Pius’ IX., den Katholizismus ins „Ghetto“: Bereits der Syllabus von 1864 wurde als „Fehdehandschuh an den modernen Staat und die moderne Gesellschaft“,
als „Fluch gegen alles, was Vernunft, Bildung, Freiheit heißt“, gedeutet. Das Erste Vatikanische Konzil mit der Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit desavouierte die Katholiken schließlich vollends in den Augen protestantischer,
liberaler wie sozialistischer Kreise. Die Vorstellung, dass durch diese päpstlichen Verlautbarungen Katholizismus und Moderne, katholische Kirche und neuzeitliche Kultur ein für allemal als inkompatibel erklärt worden seien, fand weite Verbreitung.

In liberalen Kreisen sprach man von einer offenen Kriegserklärung des Papstes an den neuzeitlichen Staat, die es Katholiken schwer, wenn nicht sogar unmöglich mache, in einer Demokratie oder parlamentarischen Monarchie als loyale Staatsbürger zu gelten. Die Katholiken gehörten in den Augen der protestantischen Bevölkerungsmehrheit zur  katholischen „Internationalen“, erschienen „national“ nicht zuverlässig sowie kulturell und bildungsmäßig zurückgeblieben.

Die folgenden „Kulturkämpfe“ endeten freilich mit der Niederlagedes Staates. Nicht nur, weil sie sich gegen eine so große  Volksgruppe nicht durchhalten ließen, sondern auch weil der Katholizismus durch die erlittenen Verfolgungen gestärkt wurde: Die Gefahr von außen einte die Katholiken im Innern und führte zur Ausbildung eines „Milieus“, das seine innere Dynamik über Jahrzehnte hin bewahren sollte.