Landeskunde Baden-Württemberg

 

Emanzipation der Katholiken

Die bürgerliche Revolution von 1848, in der sich ein Teil des (meist jüngeren, römisch gesinnten) Klerus engagierte, stärkte im Katholizismus das Bewusstsein, eine gesellschaftliche Größe zu sein, die nicht einfach ignoriert werden konnte. Der Katholizismus begann sich zu formieren, sich in einem eigenen Vereins- und Verbandswesen zu organisieren und über eine eigene Presse sowie in den Abgeordnetenkammern auch politisch Einfluss zu nehmen.

In den folgenden Jahrzehnten erlebte diese Emanzipation der Katholiken jedoch herbe Rückschläge. Dafür waren nicht nur „äußere“ Faktoren verantwortlich: der deutsche „Bruderkrieg“ mit dem Ausscheiden Österreichs – der katholischen Vormacht – aus dem Deutschen Bund, die Reichsgründung von 1871, welche die auch mental inferiore Stellung der Katholiken zementierte, das materielle Zurückbleiben der Katholiken, die gesellschaftlichen Barrieren, welche die Katholiken vom Staatsdienst fernhielten, Bildungsdefizite, welche das Eindringen von Katholiken in die akademischen Berufe verhinderten.

Die Kultur und das öffentliche Leben des Kaiserreiches waren protestantisch geprägt: Protestantismus und deutsche Kultur wurden gleichgesetzt. Vor dem Hintergrund des Kulturprotestantismus und einer von Heinrich von Treitschke geprägten kleindeutschen Geschichtswissenschaft wurde immer wieder das Antinationale, angeblich Deutschfeindliche des Katholizismus hervorgekehrt. Dabei trafen sich protestantische Polemik und katholisches Selbstverständnis in eigenartiger Kongruenz. Die grundsätzliche und selbst in nationalen Vereinnahmungen stets vorhandene Inter- oder Transnationalität des Katholizismus, die im 19. und 20. Jahrhundert von der Römischen Kurie noch einmal bewusst verstärkt wurde, war ein bleibender Stachel im Fleische.