Landeskunde Baden-Württemberg

 

Kulturkampf als Signatur einer Epoche – Katholizismus im modernen Staat

Seit den 1820er-Jahren hat sich am Zuschnitt der Bistümer im deutschen Südwesten nichts Grundlegendes mehr geändert: 1827 wurde das Erzbistum Freiburg als Landesbistum für das Großherzogtum Baden und die hohenzollernschen Fürstentümer gegründet. In seinem komplizierten Grenzverlauf spiegeln sich noch heute die territorialen Verhältnisse der Gründungszeit wider. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart (bis 1978 Rottenburg) wurde nach der territorialen Neuordnung der deutschen Staaten 1821/27 als Landesbistum für das Königreich Württemberg errichtet. Foto: LpB Baden-Württemberg

Württemberg blieb – „cum grano salis" – eine „Oase des Friedens“. Dies hinderte die nachfolgende Generation allerdings nicht, in ihrem Bemühen um eine Gleichstellung der württembergischen Katholiken von einem neuen Kulturkampf zu reden. Offenbar haftete dem Begriff – als Kampfbegriff – nicht nur das Odium des Martyriums für eine gerechte Sache an. Das Erinnern an alte Kulturkampftage – auch wenn es diese so in Württemberg nie gegeben hatte – konnte für die Sammlung der Katholiken, für das Schließen der Reihen nicht zuletzt im Vorfeld anstehender Wahlen instrumentalisiert werden. So taucht der stets aktualisierte „Kulturkampf “ in der katholischen Presse seit Beginn des 20. Jahrhunderts als nahezu stereotyper, immer wiederkehrender Topos im Zusammenhang mit den Landtagsdebatten um kirchliche Themen auf.

Die Kulturkämpfe waren Ausdruck einer ganzen Epoche und schließlich auch ein „paneuropäisches Phänomen“. Es ging um die Klärung des Verhältnisses zwischen der sich selbst als societas perfecta begreifenden Kirche und eines sich zunehmend von der Kirche – aber auch vom Glauben – lösenden Staates. In Deutschland erlebten die Katholiken in der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Untergang der kirchlichen Territorialherrschaften, eine „Enteignung“ ihrer Kirche, ihre politische und gesellschaftliche Marginalisierung, aber auch den Verlust ihrer mentalen Heimat und ihrer identifikatorischen Bezugsgröße.

Geschlossene katholische Städte und Klosterlandschaften wurden damals den neu entstehenden deutschen Flächenstaaten eingegliedert, deren monarchische Häupter, aber auch deren Beamten- und Verwaltungsapparate fast vollständig protestantischen Bekenntnisses waren. Die von diesen ausgeübte Staatskirchenhoheit fand ihren Ausdruck im „Frankfurter Kirchensystem“ von 1818, das von Württemberg und Baden 1830 durch die „Landesherrliche Verordnung“ in geltendes Recht gegossen wurde. Oft genug polizeistaatlich durchgesetzt, vermittelte dieses „System“ weithin den Eindruck, die Freiheit der religiösen Betätigung trotz der Existenz von Religionsedikten zu be- schränken, die Katholiken ihrer eigenen Glaubenstraditionen und Frömmigkeitsformen zu entfremden, sie sozusagen zu „protestantisieren“. Dazu kam, dass die Integration der Katholiken auch gesellschaftlich nicht wirklich gelang. Das erweckte bei ihnen zunehmend das Gefühl, nur „Bürger zweiter Klasse“ zu sein.

Gegen Ende der 1830er-Jahre mehrten sich innerhalb des Katholizismus die Versuche, sich aus den Fesseln dieses engmaschigen Staatskirchentums zu lösen, sich religiös und gesellschaftlich zu emanzipieren. Libertas ecclesiae, Freiheit der Kirche, wurde zum Ruf der Zeit. Es ging vor allem um Selbstbestimmung und Selbstverwaltung in den Bereichen Ämterbesetzung und Finanzen, um die Freiheit der kirchlichen Presse und die Abschaffung der allgegenwärtigen Zensur, nicht zuletzt um die freiere Entfaltung des kirchlichen Lebens und die Chancengleichheit gegenüber der protestantischen Bevölkerung.