Landeskunde Baden-Württemberg

 

Baden - ein kulturkämpferisches Musterländle

„Der Kulturkampf “ war vor allem ein Stück preußischer Geschichte, nämlich die gegen den Katholizismus gerichtete Politik Otto von Bismarcks als des ersten Kanzlers des 1870/71 erstandenen neuen Deutschen Reiches preußischer Couleur. Dieser Kampf manifestierte sich unter anderem im „Kanzelparagrafen“, in den „Märzartikeln“, dem „Brotkorbgesetz“. Noch heute gilt der preußische Kulturkampf als der Kulturkampf schlechthin. Der Begriff selbst war zwar keine preußische Erfindung, wurde aber von dem aus Pommern stammenden Berliner Pathologen Rudolf Virchow popularisiert, der ihn 1873 erstmals als Losung für die Befreiung der Kultur vom Einfluss der (katholischen) Kirche gebrauchte.

Obwohl Virchow im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Deutschen Reichstag als Mitglied der „Deutschen Freisinnigen Partei“ ein Gegner Bismarcks war und sich für Minderheitenrechte (der Polen und Juden in Preußen) einsetzte, wollte er die Freiheit (und vor allem die politische Gestaltungskraft) der im neuen Reich unterrepräsentierten Katholiken beschränkt wissen. In der Folge kam es zu einer Amalgamisierung des Kulturkampfbegriffs mit Preußen und Bismarck. So wurden die vielerorts um die Jahrhundertwende gebauten „Bismarcktürme“ auch zu gemauerten Erinnerungszeichen für den Kulturkampf.

Einen Ausschließlichkeitsanspruch auf den Kulturkampf hat Preußen indes nicht, denn andere deutsche Länder hatten ebenso „ihre“ Kulturkämpfe. So auch Baden. Nun gelangte der Kulturkampf aber nicht – wie man vermuten könnte – über die Hohenzollernschen Fürstentümer, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts kirchlich zum Erzbistum Freiburg gehören, ins nahe gelegene Baden. Vielmehr war das, was in Preußen in den 1870er-Jahren perfektioniert wurde, bereits ein Jahrzehnt früher in Baden vorgedacht und ausprobiert worden. Baden hatte den Kulturkampf vor dem Kulturkampf.