Landeskunde Baden-Württemberg

 

Religion und Kultur

Die (immer nur relative) Geschlossenheit und Einheit der Kultur, aus der eine Region, eine Gesellschaft ihre Identität bezieht, will freilich erst geschaffen und erhalten sein: durch sozial kontrollierte Bräuche, durch rituellen Vollzug. Sie bleibt stets auch gefährdet, etwa durch Migration im Zuge von Einheirat oder aus wirtschaftlichen Gründen, auch infolge kriegerischer Auseinandersetzungen oder religiöskonfessioneller Vertreibung. Die dadurch erfolgten Verunsicherungen schaffen neuen Orientierungsbedarf, die Notwendigkeit von kulturellem Austausch und Anpassung, aber auch Modifikation. Spitzen solcher Migrationswellen dürften zunächst der Dreißigjährige Krieg und die politisch-territoriale Revolutionierung durch Säkularisation und Mediatisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewesen sein, später die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie der „Gastarbeiter“ in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, schließlich auch die der „Deutschstämmigen“ Osteuropas und – nach der Wiedervereinigung – der „Ossis“.

Stets spielte dabei auch die Frage der religiösen Inkulturation eine Rolle. Zuletzt, im Zuge der Entwicklung Deutschlands zum Einwanderungsland, zeigte sich dies in aller Schärfe im Streit um Minarett, Moschee und Kopftuch. Mit einigem Recht sprach 2003 der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Winfried Hassemer, von der äußerst komplizierten Grundsatzfrage, wie viel fremde Religiosität die Gesellschaft vertrage. Ist der Streit um Kultur immer auch ein Streit um die Religion? Und der Kampf um die Religion immer auch ein „Kulturkampf “?