Landeskunde Baden-Württemberg

 

Religion und Identität

Die Heilig-Kreuz-Kapelle auf dem Kappellenberg bei Amtzell - inmitten der sakralen Landschaft Oberschwabens. Foto: Kapellenberg von Südwest im Jahr 1999, LMZ Baden-Württemberg, Dieter Jaeger

Religion manifestierte sich – bevor Radio, Fernsehen und Internet bis in den letzten Wohnzimmerwinkel drangen, also vor der unbeschränkten Mobilität und Globalisierung der Gegenwart – nicht nur in privater Frömmigkeit oder öffentlicher Religiosität, sondern auch in Architektur und Kunst, Kleidung und Tracht, Sprache und Schrifttum, in der Namengebung, der Brauchtumspflege, in einer in Jahrhunderten gewachsenen Fest- und Alltagskultur. Sie war es, die neben dem Kreislauf der Natur mit ihrem liturgischen Jahr, ihren religiösen Fest- und Gedenktagen, ihren Heiligen und Patrozinien dem Leben Orientierung gab, in Zeiten von Krisen Bewältigungspotenzial zur Verfügung stellte.

Auf die Heiligengedenktage und Kirchweihfeste (die „Messetage“) war selbst das wirtschaftliche Leben ausgerichtet, das Zinsgeben, der Warenaustausch. Österliche und weihnachtliche Fastenzeit bestimmten die fundamentalen Lebensgewohnheiten, griffen selbst tief ins Berufsleben ein (am stärksten wohl betroffen: die Metzger) und gestalteten nicht zuletzt „vorabendliche“ Fest- und Brauchtumskulturen (Fastnacht, St. Martin) aus, die ohne diesen religiösen Hintergrund nicht zu verstehen sind.

Die Religion, Ausgangs- und Bezugspunkt des kulturellen Lebens und ihrerseits wieder gebunden an (mündlich und schriftlich vermittelte) kulturelle Traditionen und Überlieferungen, war also – ob ausgesprochen oder unausgesprochen – seit jeher einer jener Urgründe, aus denen sich die Gemeinschaft ebenso definierte wie der Einzelne. Und weil der Mensch in seinem sozialen, gesellschaftlichen und politischen Handeln von dieser „Kultur“ und den durch sie vermittelten, vor allem religiös gewonnenen moralisch-sittlichen Überzeugungen geprägt ist, besaß Religion auch schon immer einen „politischen“ Charakter.