Landeskunde Baden-Württemberg

 

Eine „neue Ära unseres öffentlichen Lebens“

Die Volksversammlung am folgenden Sonntag wurde um 11 Uhr auf dem Platz vor dem Offenburger Rathaus eröffnet. Mindestens 3000, nach anderen Schätzungen zwischen 10 000 und 20 000 Menschen aus ganz Baden versammelten sich dort an diesem Sonntagvormittag. Alle Redner verzichteten auf eine Ausrufung der Republik. Baden sollte keinen Sonderweg gehen. Hecker und Fickler bekannten sich zwar zur Republik als der anzustrebenden Staatsform, erklärten aber, dass die Entscheidung über die zukünftige Staatsform Deutschlands Aufgabe des zu wählenden deutschen Parlaments in Frankfurt sei.

Ob die Republikaner „zweifellos eine einmalige geschichtliche Chance“ verpassten, wie dies Franz X. Vollmer in seiner Untersuchung Offenburg 1848/49 bedauert, ist im Nachhinein nicht zu entscheiden. Die Zeitgenossen, ob Anhänger der Republik oder deren Gegner, hoben anderes hervor. So lobten Berichte in der Presse (im Offenburger Wochenblatt und in der Oberrheinischen Zeitung) vor allem, dass diese Versammlung friedlich abgelaufen war, dass die wenigen Leute, die mit Waffen erschienen, diese vor Betreten der Stadt ablieferten. Von revolutionärem Chaos oder Aufruhr konnte keine Rede sein. Die Versammlung strahlte eher eine sonntägliche Festlichkeit aus. Ein erklärter Gegner der radikalen Demokraten, der liberale badische Historiker Ludwig Häusser, kommentierte in seiner frühen Darstellung der Ereignisse von 1848/49 in Baden aus dem Jahr 1851, dass sich bei dieser Versammlung eine neue Form des öffentlichen Lebens entwickelt hatte, die er allerdings abwertend in drohender Anspielung auf die Französische Revolution als „das öffentliche Leben in Clubs, Wohlfahrtsausschüssen[n] und leicht zu leitende[n] Volksversammlungen“ beschrieb. Das Offenburger Wochenblatt begrüßte diese neue Form des politischen Agierens jedoch sehr positiv als „neue Aera unseres öffentlichen Lebens“.