Landeskunde Baden-Württemberg

 

Schaufenster Preußens in Süddeutschland

Der „Horst des Schwarzen Adlers“: die Burg Hohenzollern, wiederaufgebaut als nationaldynastisches Denkmal. Foto: Sven Grenzemann, LMZ Baden-Württemberg

1852 wurden die beiden ehemaligen hohenzollerischen Fürstentümer, die zunächst getrennt verwaltet wurden, zu einem Regierungsbezirk mit der Bezeichnung „Hohenzollernsche Lande“ mit Sitz in Sigmaringen vereinigt. Das Land war ein dynastisches Gebilde ohne natürliche Grenzen. Es erstreckte sich von den Ausläufern des Schwarzwalds über das Tal des oberen Neckars, über die Schwäbische Alb, über das Tal der oberen Donau bis fast an den Bodensee. Die schmalste Stelle bei Empfingen maß weniger als 1000 Meter. Das bizarre Gebilde wies ferner noch eine Reihe von Exklaven und Enklaven auf. Eine wahre „Orchidee“ stellte dabei das preußisch-württembergische Kondominat Burgau (heute Gemeinde Dürmentingen im Landkreis Biberach) dar. Die Bevölkerung Hohenzollerns, die vorwiegend von der Landwirtschaft lebte, war fast rein katholisch. Hechingen, Haigerloch und Dettensee wiesen als Besonderheit jüdische Minderheiten auf.

Als ferne Exklave im deutschen Südwesten erhielt der neue Regierungsbezirk eine Stellung, die der von Provinzen sehr nahe kam. So empfing die Regierung in Sigmaringen ihre Weisungen in der Regel nicht von einem Oberpräsidenten, sondern von den zuständigen Ministerien in Berlin. Nur in Bergbau-, Schul- und Medizinalangelegenheiten unterstand die Regierung den entsprechenden Kollegien der Rheinprovinz. Hechingen erhielt als Ersatz für seine verlorene Zentralfunktion das Kreisgericht, aus dem das spätere, heute noch bestehende Landgericht hervorgegangen ist.

Der Ruf nach einer stärkeren Beteiligung des Landes an seiner Regierung wurde 1875 schließlich mit der Errichtung des Hohenzollerischen Landeskommunalverbandes mit Sitz in Sigmaringen erfüllt. Die Selbstverwaltungskörperschaft, die von Preußen dotiert wurde, war vornehmlich zuständig für das Landarmenwesen, den Straßen- und Brückenbau, das Wohlfahrtswesen, das Fürst-Carl-Landeskrankenhaus, die Hohenzollerische Landesbank und die Kulturpflege. Später kam noch die Hohenzollerische Landesbahn hinzu.

Vor allem aber war die Regierung bestrebt, Hohenzollern durch die Einführung einer vorbildlichen Verwaltung und durch Hebung von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zu einem Schaufenster Preußens in Süddeutschland zu machen. Mit Unterstützung Preußens entstanden in Verbindung mit der Wirtschaft in den umliegenden württembergischen Oberämtern in Hechingen zahlreiche Industriebetriebe vor allem der Textilindustrie. Diese Entwicklung ist untrennbar verknüpft mit dem Wirken jüdischer Unternehmerpersönlichkeiten wie beispielsweise Benedikt Baruch, Julius Levi, Adolf Weil und Simon Löwengard. Durch den Bau von Eisenbahnen hatte das Land im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Anschluss an die Zentren Südwestdeutschlands gefunden.