Landeskunde Baden-Württemberg

 

Herrschaft und Landschaft in Oberschwaben

Die neugewonnenen Gebiete Württembergs waren vollkommen anders. Oberschwaben ist nahezu geschlossen katholisch. Insgesamt war somit das neue Königreich beinahe paritätisch protestantisch–katholisch, aber mit sauberer territorialer Trennung, eigentlich bis nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor Heimatvertriebene kamen und die zunehmende Mobilität zu einer stärkeren Durchmischung führte, ohne allerdings eine ganz neue Konfessionskarte zu schaffen.

Oberschwaben ist bis heute ein bäuerlich geprägtes Land, auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten ein tiefgreifender ökonomischer Wandel vollzogen hat, mit bedeutenden Unternehmen und einer insgesamt sanften Industrialisierung. Ein agrarisches Vorzugsgebiet konnte Oberschwaben sein dank des Anerbenrechts, wonach nur einer den Betrieb übernehmen konnte. Die Geschwister mussten in andere Berufe ausweichen, gingen zu Bahn oder Post, wurden Lehrer, Ärzte, Pfarrer, oder sie gingen ins Kloster. Viele blieben als privilegierte Knechte und Mägde, ehelos, auf dem Hof des Erben.

Die demografischen Verhältnisse blieben deshalb stabil. Es konnte sogar zu Arbeitskräftemangel kommen, der mit Kinderarbeit („Schwabenkinder“ aus Tirol und Vorarlberg) auszugleichen versucht wurde. Ein über Jahrhunderte sich hinziehender Aussiedlungs- und Arrondierungsprozess („Vereinödung“) hatte zudem betriebswirtschaftlich günstige Strukturen geschaffen, die sich auch auf das menschliche Miteinander auswirkten: Auf seinem Einzelhof konnte der Bauer König sein – oder Tyrann, was die Nachbarn nichts anging. Ein Liberalismus des Alltags konnte sich herausbilden: leben und leben lassen. Die Dörfer wurden auf Servicezentren, die zugleich Kommunikationszentren waren, reduziert: mit Kirche, Gasthaus, Rathaus und Schule.

Die kleinen Herrschaftsverhältnisse hatten vor Ort ein spannungsreiches Gegenüber von Herrschaft und Bauern geschaffen, das explodieren konnte (Bauernkrieg von 1525), aber selbst dann wieder in einen institutionalisierten und vertraglich abgesicherten Rahmen zurückfand, in das Gegenüber von Herrschaft und „Landschaft“ (wie die Korporation der Hofbesitzer sich nannte).