Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Auswirkungen der Erbteilung

Um angesichts der komplizierten, verschränkten Besitzverhältnisse mit ihrem omnipräsenten Konfliktpotenzial den „Krieg aller gegen alle“ zu verhindern, griff die Obrigkeit massiv disziplinierend und sanktionierend in den Alltag der Menschen ein. Sie machte das Leben fast anstaltsähnlich. Die enge Kooperation mit der staatlich dominierten evangelischen Landeskirche erlaubte zur Außensteuerung die mindestens ebenso wirksame Innensteuerung durch das Gewissen. Kirchliche Abweichung vollzog sich charakteristischerweise in Form des Pietismus, der die (Selbst-)Disziplinierung noch verstärkte. Die obrigkeitliche Disziplinierung erschien so als gottgefällig und mithin legitimiert. Weitgehende Mitspracherechte der Bevölkerung bei der Regierung des Landes über die „Landschaft“, die man aus den Notlagen des Herrschaftshauses errungen hatte, wirkten zusätzlich legitimierend.

Frömmigkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Selbstdisziplin, Abscheu vor demonstrativem Konsum konnten erfolgreich dazu beitragen, das Leben erträglicher zu machen, immer auch mit Blick auf den verdienten Lohn im Himmel. Da man nicht besitzlos war und zudem beseelt vom Glauben, in Verantwortung vor Gott sich selbst helfen zu müssen, entstand ein aufstiegsorientierter Individualismus. All das waren auf der einen Seite für die aufkommende Industrialisierung im 19. Jahrhundert geradezu ideale Bedingungen, auf der anderen aber gleichzeitig eine schlechte Ausgangslage für eine organisierte Arbeiterschaft in Form von Gewerkschaften und Sozialdemokratie – das ist bis heute das strukturelle Problem der SPD im Land.