Landeskunde Baden-Württemberg

 
Blutritt in Weingarten - Aquarell von Louis Braun 1863. Foto: LMZ Baden-Württemberg, Robert Bothner

Der Blutritt als Zeichen des sozialen Standes

Damit verdeutlicht der Blutritt viertens, dass er der Brauch einer Agrargesellschaft ist, zugleich Ausdruck sozialer Rangfolgen, in der man sich über die Hofgröße definiert: Nur wohlhabende Bauern konnten sich Pferde leisten. Sein Selbstbewusstsein zeigt der Blutreiter, indem er seinem Herrgott, wenn auch nicht auf gleicher Augenhöhe, so doch hoch zu Ross gegenübertritt, vornehm mit Frack, Zylinder und weißen Handschuhen. Die Agrargesellschaft Oberschwabens präsentiert sich dabei zugleich als eine patriarchalische Gesellschaft: Frauen sind vom Blutritt ausgeschlossen, bis heute, es sei denn, sie verkleiden sich als Männer, was beim vorgeschriebenen Dresscode nicht so schwer fällt.

Natürlich ist der Blutritt heute, fünftens, längst auch ein touristisches Ereignis geworden, das sich hohen Zulaufs erfreut und auch die Aufmerksamkeit der Medien erlangt. Oberschwaben hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhebliche Zuwanderung, auch von Protestanten, erlebt. Die Konfessionsunterschiede zählen nicht mehr so wie früher, so dass heute die Bürger Weingartens sogar einen Protestanten zum Oberbürgermeister gewählt haben. Schließlich hat auch die Kirchenbindung abgenommen. Frömmigkeit weist längst nicht mehr den Stellenwert von einst auf. Doch auch touristische Attraktionen können Identität stiften und festigen.