Landeskunde Baden-Württemberg

 

Was ist Oberschwaben?

Das Land südlich der Donau ist das Musterbeispiel deutscher Kleinstaaterei im Alten Reich, wie es bis zu den Zeiten Napoleons bestanden hat. Eine Vielzahl geistlicher und weltlicher Territorien umfasste diese „Suevia superior“: Abteien, Stifte, Deutschordensgebiete, Fürstentümer, Grafschaften, ritterschaftliche Gebiete, große und kleine Reichsstädte. Vor allem auch Österreich war hier präsent, von Günzburg im heutigen Bayrisch-Schwaben über Altdorf (Weingarten) reichend, nach Norden bis nach Ehingen und Riedlingen; nach Westen über Villingen im Schwarzwald nach Freiburg mit dem Breisgau, mit Ausläufern in die Ortenau und an den Hochrhein mit Säckingen, Waldshut und Laufenburg bis in das heutige schweizerische Fricktal hinein.

Wie die Finger einer Hand ragte Vorderösterreich durch dieses Land, dafür sorgend, dass diese Gebiete beim „alten Glauben“, also katholisch blieben, gegen die starken reformierten Einflüsse, die aus der nahen Schweiz herüberkamen. Der heilige Nepomuk an den Brücken diente nicht nur dem Hochwasserschutz, er bezeugte auch die Loyalität gegenüber Österreich, das diesen böhmischen Heiligen zu einem „Anti-Hus“ (Hus war der frühe Reformator, der in Konstanz 1415 auf dem Scheiterhaufen endete) und „Nationalheiligen“ aufgebaut hatte. Die Regierung Vorderösterreichs saß in Innsbruck, Schlösser, pompöse Amtssitze hat Österreich in Oberschwaben nicht hinterlassen. Es ist vielmehr die Treue zum katholischen Glauben, die als Vermächtnis Österreichs in Oberschwaben (und darüber hinaus) angesehen werden kann. Nur ein paar Reichsstädte sind hier evangelisch, ferner Einsprengsel wie die ehemaligen württembergischen Gemeinden Pflummern und Rottenacker bei Ehingen sowie das ulmische Wain.

Oberschwaben im heutigen Sinne ist jedoch erst ein Produkt der napoleonischen Neuordnung Deutschlands. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurden die geistlichen Territorien aufgehoben und adeligen Herrschaften zugeschlagen, die links des Rheins ihr Territorium an Frankreich verloren hatten (Säkularisation). Das Ziel des Länderschachers bestand vor allem darin, leistungsfähige Mittelstaaten zu schaffen, die in der Lage waren, Napoleon Truppen zu stellen. Von daher kam es dann 1806 zur Mediatisierung der kleineren Territorien: Deren Gebieter verloren ihre Herrschaft, jedoch nicht ihren Besitz.