Landeskunde Baden-Württemberg

 
Reichsstädte, sofern nicht katholisch, kennen von Haus aus Kinder- und Jugendfeste, wie hier das Schützenfest in Biberach. Foto: LMZ Baden-Württemberg, Dieter Jaeger

Der Blutritt ist mehr als ein frommes Ereignis

Zunächst einmal ist der Blutritt ein religiöses Ereignis, ein frommer Brauch, kirchlich gefördert und weiterentwickelt. Höhepunkte erreichte der Blutritt, mit üppiger Ausschmückung, immer dann, wenn das besondere Katholische herausgestellt werden sollte: zuerst in der Barockzeit, im Zeichen der Gegenreformation, als der Blutritt eine feste Form erhielt, mit uniformiertem Gepränge. Die damals neu gebaute großartige barocke Basilika (1715–1725) lässt sich „als eine Art Großreliquiar des Heiligen Bluts“ interpretieren (Hans Ulrich Rudolf).

Einen zweiten Aufschwung erlebte der Blutritt im 19. Jahrhundert, in der Zeit der demonstrativen Frömmigkeit im Rahmen des neuen ultramontanen Selbstverständnisses der katholischen Kirche. Der Blutritt sollte anzeigen, dass Oberschwaben ein gut katholisches Land ist, deutlich unterschieden in seiner Konfessionszugehörigkeit und den damit verbundenen Frömmigkeitsformen von Württemberg, dem die Region im Zuge der napoleonischen Neuordnung zugeschlagen worden ist. Somit stellt der Blutritt zum Zweiten ein Identifikationsereignis und -erlebnis dar: Man bekennt sich zu Religion und Region, auch über die im Alten Reich bestehenden Untergliederungen hinweg.

Seinem Ursprung nach ist der Blutritt zum Dritten ein Öschumritt: ein Brauch, der das umrittene Land von bösen Geistern, höllischen, schädlichen Einflüssen säubern sollte. Die Volkskunde weist darauf hin, dass ursprünglich Schimmel dafür besonders geeignet erschienen, auf deren weißer Haut sich alles Dunkle absetzen konnte. Dazu passt, dass an vier Stationsaltären die Anfänge der vier Evangelien verlesen und die Flur in alle vier Himmelsrichtungen gegen Blitz, Hagel und Ungewitter gesegnet wird.