Landeskunde Baden-Württemberg

 

Kontrastive Charakterologie

Die große Spannweite der Schwabenwitze wurde schon erwähnt. Sie kommen manchmal plump und böse daher:

Warum tragen so viele Schwaben einen Mittelscheitel? – Damit wir (die Badener) die Axt besser ansetzen können.

Manche sind aber auch raffiniert gestrickt:

In einem Freiburger Lokal setzt sich ein Einheimischer, weil er sonst keinen Platz findet, zu einem Schwaben an den Tisch. Er grüßt, wünscht guten Appetit, versucht ein Gespräch zu beginnen – der Schwabe schweigt grimmig. Als eine Frau von der Caritas mit einer Sammelbüchse kommt und um eine Spende bittet, wirft der Badener ein paar größere Münzen ein. Die Frau wendet sich dann an den Schwaben, aber der wehrt ab: „Mir g’höret z’samme!“

Das ist recht hintergründig, denn im Ausspruch des Schwaben steckt ja gewissermaßen die Wahrheit, dass Badener und Schwaben wirklich zusammengehören; vor allem aber wird über die Pointe ein Charakterzug des und damit auch der Schwaben anvisiert.

Wenn Schwaben verspottet, aber auch wenn sie ernsthaft porträtiert werden, taucht der Charakterzug einer bis zum Geiz gesteigerten Sparsamkeit immer wieder auf. Die Frage, ob es sich um einen vermeintlichen oder einen wirklichen Charakterzug handelt, erlaubt keine eindeutige Antwort. Im Rahmen des schon erwähnten Pforzheimer Projekts untersuchte der Kreisarchivar Konstantin Huber, was um 1850 herum in den württembergischen Oberamtsbeschreibungen und in den badischen Visitationsprotokollen der Oberamtmänner über die Bewohner der Ortschaften auf beiden Seiten der Grenze geschrieben wurde. Das Ergebnis war, dass Mentalitätsgegensätze kaum nachweisbar sind.