Landeskunde Baden-Württemberg

 

Verhaltenskontinuitäten

Grenze a. D. – das ist ein Stichwort, das sich nicht nur auf die Entwicklung seit 1952 beziehen lässt. Auch in früheren historischen Phasen gab es einschneidende politische Veränderungen und auffallende Nachwirkungen nicht mehr existierender Grenzen. Das gilt insbesondere für die früheren Territorialgrenzen, die in den neu entstandenen Ländern nicht mehr galten, ihre Bedeutung aber keineswegs völlig einbüßten. Das Dorf Hirschau ist heute ein Stadtteil von Tübingen, von dem es nur wenige Kilometer entfernt ist. Es gehörte aber bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zur vorderösterreichischen Grafschaft Hohenberg, für die Rottenburg ein wichtiges Zentrum war.

Obwohl diese Stadt kleiner und mehr als doppelt so weit entfernt wie Tübingen ist, orientierten sich die Hirschauer beispielsweise bei Marktgängen und Einkäufen auch weiterhin nach Rottenburg – und teilweise gilt dieser Befund jetzt noch. Lange Zeit war er gestützt durch die Einteilung der Verwaltung; Hirschau gehörte zum Oberamt Rottenburg. Aber vor allem wirkten und wirken kulturell-religiöse Gründe nach; die Territorialgrenze trennte hier wie an vielen anderen Stellen auch die Konfessionen.

Als die baden-württembergische Grenze fiel, waren solche Unterschiede nicht mehr in gleichem Maße ausgeprägt, und in vielen Teilen der Grenzregion zielte die Anfang der 1970er-Jahre durchgeführte Gebietsreform darauf, badische und württembergische Ortschaften in einem Kreis, in manchen Fällen auch in einem Gemeindeverband zusammenzuschließen. Man erhoffte sich von diesem Druckknopfsystem einen schnelleren Ausgleich. Aber man schuf so auch neue Reibungsflächen und Konkurrenzsituationen, die für einige Zeit den alten Gegensatz lebendig hielten, dann allerdings doch mehr und mehr zurücktraten.