Landeskunde Baden-Württemberg

 

Musealisierung der Grenze

Diesen Grenzmarkierungen galt freilich schon immer das Interesse der regionalen und lokalen Heimatforschung, und es gibt Anzeichen dafür, dass dieses Interesse mit der Aufhebung der Grenze noch gewachsen ist. Das 50-jährige Jubiläum des neuen Landes Baden-Württemberg im Jahr 2002 wurde verschiedentlich zum Anlass genommen, an den früheren Grenzverlauf zu erinnern und die Aufmerksamkeit auf die noch vorhandenen Grenzzeichen im Gelände zu lenken. Die Kreisstadt Bretten dokumentierte in einer Ausstellung und einem reichhaltigen Begleitheft die früheren Grenzen im engeren und weiteren Umkreis – beginnend mit der von den Alemannen überwundenen römischen Grenze bis hin zu den nachdrücklich herausgestellten neuen Entwicklungen in Verwaltung, Industrie, Verkehr und Touristik, die allesamt nicht an der alten Grenze Halt machen.

Schon im Grußwort des Oberbürgermeisters wurde dieser Akzent gesetzt: „Jahrhunderte hindurch war die Region, die eine natürliche Einheit bildet, durch Landesgrenzen zerrissen.“ Ganz ähnlich wurde die natürliche Einheit bei einem Projekt des benachbarten Enzkreises herausgestellt. Der in Pforzheim herausgegebene Bildband folgt inhaltlich dem Verlauf der früheren Grenze und präsentiert immer wieder alte, noch vorhandene Grenzsteine mit ihren verschiedenen Wappen und Inschriften – teilweise Zeichen für Gemeindegrenzen, die zugleich Landesgrenzen waren, teilweise auch die Symbole für Baden und Württemberg. Aber auch hier verweist das Geleitwort des Landrats auf die Überwindung der Grenze: „Der Enzkreis kann mit Stolz behaupten, ein ‚echter‘ baden-württembergischer Landkreis zu sein, der bei seiner Gründung Teile beider Länder in sich vereinigte."

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass solche Äußerungen ebenso wie die Projekte selbst auch Appellcharakter hatten. Die Erinnerung an die alte Grenze und ihre Zeichen sollte signalisieren, dass die Zeit der Trennung vorbei ist, dass also die alten Markierungen nur noch museale Bedeutung haben. Mit der Abschaffung der Zollschranken wurden entsprechende Grenzzeichen schon früher zum Museumsgegenstand; das Ende der Landesgrenze wurde in der einen oder anderen Form in manchen Heimatmuseen der früheren Grenzregion zum Thema. Auch die spielerische Vergegenwärtigung der alten Grenzverhältnisse kam vor: Das badische Möhringen ist seit 1973 ein Stadtteil des württembergischen Tuttlingen; aber in der Fastnacht stellte die Möhringer Narrenzunft einmal ein kleines Zollhaus auf und kassierte von den Tuttlinger Besuchern eine Zugangsgebühr.

Württembergischer Grenzstein im Schwarzwald 1972; Stein mit württembergischen Hirschstangen und Jahreszahl. Standort: beim Wildseeblick. Foto: Hans Steinhorst, LMZ Baden-Württemberg