Landeskunde Baden-Württemberg

 

Auf der Suche nach der gemeinsamen Geschichte

Dabei ist es sinnvoll, zunächst zu fragen, was die Grenze früher bedeutet hat. Nach der Gründung des Südweststaats neigte man in offiziellen und halboffiziellen Verlautbarungen dazu, die Bedeutung der Grenze herunterzuspielen. Dabei holte man weit aus und zog lang vergangene Geschichtsepochen heran. Schon vor der Diskussion um den Südweststaat gab es Vorschläge, die alemannischen Teile des Südwestens zusammenzufassen, was freilich die nördlichen fränkischen Landesteile und in den meisten Fällen auch den an sich zum Alemannischen gehörenden schwäbischen Teil ausgeschlossen hätte. Besser passte zur Vereinigung von Württemberg und Baden die Berufung auf das Herzogtum Schwaben und die Erinnerung an die weit ausgreifende staufische Herrschaft – bei der großen Stauferausstellung zum 25-jährigen Landesjubiläum 1977 wurde in der Kommentierung diese Kontinuität betont.

Die übergreifende Herrschaftseinheit (die man sich freilich nicht als Flächenstaat vorstellen darf) zerfiel im späten Mittelalter. In der Folge entstanden hunderte von Territorien. Aber auch diese vom Spätmittelalter bis zur Zeit Napoleons andauernde Phase ließ sich als Vorstufe des Südweststaats in Stellung bringen – nicht nur wegen des fortdauernden südwestdeutschen Zusammenhangs in dem durchaus einflussreichen Schwäbischen Reichskreis, sondern auch im Blick auf größere Herrschaftsgebiete, die sich über die drei späteren Länder erstreckten. An vorderster Stelle ist hier das vorderösterreichische Gebiet zu nennen, das einige württembergische Städte und Dörfer an der oberen Donau genauso umfasste wie den Breisgau.

Die durch die Jahrhunderte feststellbaren kulturellen Querverbindungen prägten auch ganz wesentlich das kulturelle Bild. Es mag genügen, auf die großen Dialekträume hinzuweisen, die sich bis heute an den Grenzen der alten Herrschaften orientieren, oder auf die konfessionell geprägten Unterschiede der Kulturlandschaften – der Stempel der Barockzeit ist in Oberschwaben so deutlich wie im südlichen Baden. Aber man kann sich auch auf wirtschaftliche Querverbindungen berufen, und zwar durchaus auch aus der Zeit der schon existierenden Staaten Baden und Württemberg. Als Beispiel mag der 1926 erfolgte Zusammenschluss der Benz-Werke in Gaggenau mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft genügen. Und schließlich demonstrierte die „bessere Gesellschaft“ die Durchlässigkeit der Grenze; man braucht nur an das Badewesen zu denken: Unter den Ausländern in Baden- Baden waren auch Württemberger, und nach Liebenzell und Wildbad kamen auch Badener.

Die großen Dialekträume in Baden-Württemberg, Foto: Axel Bengsch