Landeskunde Baden-Württemberg

 

Zehnbändige Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ zur NS-Täterforschung in Württemberg und Baden abgeschlossen - als eine „Flaschenpost für die Zukunft“

Dr. Wolfgang Proske im Gespräch

Dr. Wolfgang Proske
Foto: Stefan Jehle

Herausgeber der Buchreihe über NS-Belastete konstatiert mancherorts in Deutschland anhaltenden „Kollektiven Gedächtnisverlust“ 

Stefan Jehle

Es ist ein bundesweit bislang einzigartiges Projekt. Und unterscheidet nach der Art der Verstrickung im Nationalsozialismus. Vor zehn Jahren ist der erste Band der Reihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ erschienen, der sich mit NS-Belasteten von der Ostalb beschäftigte. Der Raum Heidenheim war ein Ausgangspunkt. Das Projekt zog weitere Kreise – und deckt nun den ganzen Südwesten ab. Inzwischen ist die Reihe auf zehn Bände angewachsen. 127 Autorinnen und Autoren haben in 209 Fällen Täterbiografien aus allen Regionen des heutigen Baden-Württemberg verfasst.  Mit dem aktuellen Band 10, der Namen rund um Stuttgart aufgreift, kommen 28 hinzu.

Der Herausgeber Dr. Wolfgang Proske, von Herkunft Diplom-Sozialwissenschaftler und Geschichtslehrer am Abendgymnasium Ostwürttemberg bis 2019, äußert sich im Interview zu den Erfahrungen und Erkenntnissen der Autorengruppe. Bemerkenswert findet er, dass sich vor allem ältere Menschen für die Thematik interessieren. Proske wird als Herausgeber der Buchreihe am 19. Oktober in Stuttgart mit dem Rahel-Straus-Preis der Vereinigung „Gegen Vergessen, für Demokratie“ ausgezeichnet.

Frage: Wenn man sich mit der NS-Vergangenheit befasst und 70 oder 80 Jahre nach den Geschehnissen mit konkreten Verbrechen befasst, so muss man, sagen Sie, weiterhin mit Vorbehalten rechnen. Ist das wirklich so?

Proske: Offiziell existiert nach all den Naziverbrechen zwar bis heute ein grundsätzlicher antifaschistischer Konsens, und das ist gut so. Doch mit dem zeitlichen Abstand zum „Dritten Reich“ und unter den Bedingungen einer zunehmend nach rechts tendierenden Mitte der Gesellschaft bröckelt diese Einigkeit. NS-Täterforscher gelten, das bleibt als Erfahrung nach der Beendigung der Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, trotz allem mancherorts auch im 21. Jahrhundert als Nestbeschmutzer, gerade wenn sie vor Ort bekannt sind, sich in ihrer Arbeit bewusst demokratisch positionieren und dann auch noch mit neuen, bisher kaum bekannten Ergebnissen aufwarten können. Vorhaltungen liegen offenbar umso näher, je massiver die bisherigen Versäumnisse in der Aufarbeitung sind.

1961 errichtetes Denkmal für Erwin Rommel als Schandfleck bezeichnet

Frage: Können Sie das konkretisieren?

Proske: Ich selbst erlebe das gerade in Heidenheim. Dort hatte ich vor zehn Jahren gewagt, das 1961 errichtete Denkmal für den Nazigeneral Erwin Rommel als Schandfleck zu bezeichnen und das in drei Artikeln historisch zu untermauern, insbesondere mit Blick auf Rommels Verhalten in Libyen und Ägypten. Dafür werde ich bis heute angegriffen, aber nicht mit Argumenten, sondern in populistischer Vernebelung. Die Wortführer haben die Artikel vermutlich nie gelesen, zumindest aber nichts verstanden. 

Gedenkstätte Erwin Rommel Heidenheim
Foto: Stefan Jehle

Frage: Können Sie jetzt, am Ende einer mehr als 10-jährigen Wegstrecke, von sich sagen, dass Sie – als Herausgeber – und das 127-köpfige Autorenteam, mehr Bewusstsein für Zeitgeschichte, und für die NS-Verbrechen, geschaffen haben?

Proske: Na ja, wenn der Fortschritt eine Schnecke ist, dann wird sich die Schnecke wohl ein wenig bewegt haben. Aber grundsätzlich scheint mir Ihre Fragestellung zu optimistisch. Wir haben es in Sachen NS-Täter und ihrem anhaltenden Beschweigen mancherorts mit einem kollektiven Gedächtnisverlust zu tun, und viele bemerken das in ihrer Geschichtsvergessenheit nicht einmal. Sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, wie sehr der Nationalsozialismus vor Ort verankert war, in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder Straße, in den meisten Familien. Ich würde also eher sagen: Diese Buchreihe ist momentan noch Flaschenpost für die Zukunft. Ich denke, eines Tages wird das Herangehen an den Nationalsozialismus weniger affektiv sein, und die Nachkommenden werden wissen wollen, wieso es im „Großdeutschen Reich“ etwa 500.000 bis eine Million NS-Täter gab und was sie so getrieben haben. 

Frage: Wie sind Sie an Ihre Themen gekommen, an konkrete Täter-Namen?

Proske: Die Auswahl von NS-Belasteten unterlag in allen Bänden keiner Systematik, sondern ergab sich vor allem aus den Vorschlägen der Autorinnen und Autoren, vor allem auch aus ihren freien Kapazitäten und ihrem Entgegenkommen, lediglich in den Umrissen und einigen wenigen grundsätzlichen und formalen Aspekten gelenkt vom Herausgeber. Soweit ich selbst gesucht habe, ging es los mit Googeln, so wie jeder andere das heute ebenfalls tun kann. Dann beginnt die Suche im Bundesarchiv und in den Staatsarchiven. Dafür braucht man den vollen Namen und das Geburtsdatum. 

Jede Auswahl von NS-Belasteten ist zwangsläufig nur Tropfen auf dem heißen Stein. 

Frage: Bekannte Namen wie etwa der einstige badische Gauleiter Robert Wagner, der im Oktober 1940 die ersten „Juden-Deportationen“ überhaupt organisierte oder aus dem Südwesten stammenden NS-Protagonisten wie Reichsrüstungsminister Albert Speer, geboren und sozialisiert in Heidelberg, oder zum Beispiel der aus Mannheim stammende Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß tauchen gar nicht auf bei THT. Warum?

Proske: Sie tauchen nicht auf als Personen mit eigenem Artikel, aber man kann sie im Namenregister finden und nachschlagen. Einen eigenen Artikel haben sie nicht bekommen, weil über sie schon viel geschrieben wurde und mir weitere Veröffentlichungen nicht ganz so dringlich schienen. Klar ist: Jede Auswahl kann angesichts der riesigen Masse von NS-Belasteten zwangsläufig nur Tropfen auf dem heißen Stein sein.  

Frage:  Wie haben Sie gearbeitet? Nicht alle Autorinnen oder Autoren sind ja ausgebildete Historiker, mit wissenschaftlichem Hintergrund.

Proske: Aber mit forscherischem Drang und mit einem Interesse an Erkenntnis. Das THT-Projekt entstand aus beständigem „learning by doing“, vertieft durch vier Autorenseminare in Gerstetten, Lindau, Bad Urach und Rastatt. Schnell kristallisierte sich heraus, dass THT quellenorientiert und faktenbasiert zu arbeiten habe, sämtliche Aussagen belegbar sein müssten und dass beschönigende Sichtweisen bis hin zu rechter Legendenbildung in THT nichts zu suchen hätten. Letztlich gearbeitet werden konnte nur über solche Personen, zu denen in den Archiven hinreichend Quellen aufgefunden wurden. Manchmal war auch nur Literaturarbeit möglich, weil der darüber hinausgehende Aufwand von unserem ehrenamtlichen Projekt nicht zu leisten war. 

Waren NS- Täter und ihre Helfershelfer „lauter pflichtbewusste Leute“?

Frage:  Haben Sie sich am aktuellen Forschungsstand hinsichtlich der NS-Täter orientiert?

Proske: Berücksichtigung fanden die wichtigsten zeitgeschichtlichen Diskurse wie etwa die „Goldhagen-Debatte“ und die Dispute um die „Wehrmachtsausstellung“. Demnach waren die Täter und ihre Helfershelfer „lauter pflichtbewusste Leute“ oder auch „ganz normale Männer“. Sie haben als Täter selbst- oder auch als Helfershelfer fremdbestimmt, aber immer in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie andere Menschen geschädigt. (Anm. d. Red.: der US-amerikanische Autor Daniel Goldhagen legte 1996 das Buch „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ vor; die viel beachtete „Wehrmachtsausstellung“ waren zwei Wanderausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung zwischen 1995 und 2004).

Frage:  Kann man sagen, dass die Deutschen ein Volk von Militaristen waren?

Proske: So pauschal kann man das nicht sagen, denn natürlich gab es auch Andersdenkende. Aber es ist eine Tatsache, dass sich vor einer de facto unverstandenen Niederlage im Ersten Weltkrieg, der als erzwungen empfundenen Demokratisierung in der Weimarer Republik und der gleichzeitigen ökonomischen Krise immer mehr Menschen in Militarismus, völkischen Ideen und schließlich dem Nationalsozialismus verstrickten.

Frage:  Gab es da keine Spielräume für den Einzelnen?

Proske: Solche Spielräume hätte es viel öfter gegeben als wir das heute wahrhaben wollen. NS-Täter hatten Handlungs-, Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume beim Mitmachen oder auch theoretisch beim Sich-Verweigern. In allem, was sie taten, waren sie weitgehend selbstverantwortlich, denn die Machthaber haben sich eher für das Große und Ganze interessiert und überließen die Details gerne dem Fußvolk. 

Frage: Wie war die Quellenlage, die die einzelnen Autoren des THT-Projektes vorfanden?

Proske: Natürlich war das oft nicht befriedigend, und manche vorgesehenen Namen mussten wir dann wohl oder übel für eine Bearbeitung streichen. Die wichtigen Quellen zum Lokalgeschehen im Nationalsozialismus sind aber alles in allem viel seltener durch Kriegseinwirkung verbrannt und vernichtet worden als oft angenommen. Irgendetwas hat in oft völlig unvermuteten Zusammenhängen fast immer gleichsam im Dornröschenschlaf vor allem im Bundesarchiv und in den Staatsarchiven überdauert. Diese Quellen sind sicher verwahrt und beschützt durch engagierte Archivarinnen und Archivare, müssen allerdings jetzt nach dem Ende der Sperrfristen meist noch ins öffentliche Bewusstsein gehoben werden.

Für THT haben sich bemerkenswert viele ältere Menschen interessiert

Frage: Wie war das Interesse an dem Buchprojekt, und bei welchen Bevölkerungsgruppen?

Proske: Für unsere Arbeit haben sich bemerkenswert viele ältere Menschen interessiert, in deren jungen Jahren die hinreichende Aufarbeitung der NS-Zeit versäumt wurde. Sie waren dankbar, dass noch zu ihren Lebzeiten in den oft vertuschten Fällen versucht wurde, die oft übermächtige traditionelle Geschichtsklitterung zu überwinden. In teils erregten Disputen in Dutzenden von Vorträgen und Veranstaltungen ist es insofern auch mit ihrer Hilfe gelungen, profunde Beiträge zur politischen Bildung und zur Förderung von rechtsstaatlichem Denken und Handeln zu leisten. Nicht selten waren bei einzelnen THT-Veranstaltungen, mit Vorstellung eines aktuellen Bandes, über hundert Menschen versammelt. 

Frage: Wer hatte das Buchprojekt gefördert, das ist ja auch ein finanzieller Kraftakt?

Proske: Das Projekt „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ wurde von etwa der Hälfte der baden-württembergischen Landkreise sowie der Landeszentrale für politische Bildung, von einigen Städten, Stiftungen, Institutionen, Vereinen und Einzelsponsoren finanziell gefördert.

Frage: Gab es auch mal kräftigen Gegenwind?

Proske: Alles in allem ist zu registrieren, dass, abgesehen vom vielleicht unvermeidbaren Herumkritteln an Kleinigkeiten, weniger offene Kritik an unserem Vorhaben und auch unseren Ergebnissen als erwartet festzustellen war. Die Idee, überall die Lokalgeschichte zu entmystifizieren, traf auf grundsätzliche Zustimmung, quer durch die politischen Lager von links bis halbrechts. Fundamentalkritik gab es eigentlich nur, wenn die NS-Belastung prominenter „Säulenheiliger“ in den Fokus geriet. Das wurde von deren Anhängern grundsätzlich als Majestätsbeleidigung interpretiert und hatte manche geradezu theatralische Empörung zur Folge.

Widerspruch erfolgte ohne hinreichende Auseinandersetzung mit den aufgewiesenen Fakten

Frage:  Können Sie da Beispiele nennen?

Proske: Der Widerspruch, beispielsweise im Fall Oskar Farny, dem Bierbrauer aus dem Allgäu, langjähriger Reichstagsabgeordneter und Stabschef beim Kommandeur des Kriegsgefangenenwesens in Stuttgart, der Anfang der 1950er Jahre auch kurzzeitig mal als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gehandelt wurde, oder dem zur Legende mutierten Erwin Rommel erfolgte ohne hinreichende Auseinandersetzung mit den aufgewiesenen Fakten, immer mit viel Getöse und oft knapp an der Grenze zur üblen Nachrede. Gegen Argumente wurden „Fake News“ und Emotionen gesetzt sowie alte Legenden wiederbelebt, die darauf hinausliefen, das Gespräch zu unterbinden bzw. fehlzuleiten.

Frage:  Während man Oskar Farny Verstrickungen, aber keine tatsächlichen Verbrechen nachweisen konnte, bleibt Erwin Rommel als Figur bis heute umstritten. Für Sie war ja der Berufssoldat so etwas wie der eigentliche Auslöser für die Buchreihe. Gibt es da etwas Neues zum Thema Erwin Rommel?

Proske: Wir wissen, dass Rommel im Osten Libyens und im Westen Ägyptens Millionen von Minen vergraben ließ, die bis heute scharf sind und weiterhin beispielsweise bei Hirten zu schlimmen Körperverletzungen führen. Aus den Memoiren seiner „rechten Hand“, dem Heidenheimer Denkmalaufsteller Siegfried Westphal, wissen wir von „30.000 Lavoratori“, die für das Afrikakorps arbeiten mussten. Noch ist die Geschichte dieser Zwangsarbeiter nicht geschrieben. Vor allem aber wird Rommel gelegentlich mit dem Widerstand in Verbindung gebracht, wofür es keine ausreichenden Belege gibt, um zu rechtfertigen, dass weiterhin zwei Bundeswehrkasernen, eine im Südwesten, nach dieser NS-Größe benannt sind. 

Frage: Auch der „Braune Konrad“, wie man ihn nannte, der einstige Freiburger Erzbischof Konrad Gröber, der in Meßkirch, seiner Heimatstadt, auch eine Art „Säulenheiliger“ ist, wurde in THT thematisiert. Welche Folgen hatte das?

Proske: Im Fall des ehemaligen Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber wurde, nachdem ihm seine Unterstützung der NS-Herrschaft in Baden, die Fördermitgliedschaft in der SS und perfide Denunziationen im privaten Umfeld nachgewiesen werden konnten, mit einigem Aufwand während einer Tagung im November 2018 in Meßkirch versucht, die teilweise neuen Quellen madig zu machen und die angewandte Forschungsmethodik anzuzweifeln. Man will, so der momentane Stand, die ganze Angelegenheit als „geklärt“ möglichst rasch vom Tisch haben und etwa weitere Conrad-Gröber-Straßen nicht umbenennen müssen. Ein Ende der Auseinandersetzungen um Gröber und seine Verfehlungen im Nationalsozialismus ist insofern nicht absehbar, obwohl das Freiburger Erzbistum zunächst verständig reagierte und mir, dem bekennenden Freidenker, 2016 erlaubte, einen elfseitigen Artikel im „Freiburger Diözesanarchiv“ zu veröffentlichen. 

Frage:  Gibt es positive Fallbeispiele, aus den THT-Aufarbeitungen persönlicher Verstrickungen?

Proske: Im Fall Anton Blaser, einem einstigen Bürgermeister im Kreis Ravensburg, entschied die Gemeinde Bodnegg am 12. Januar 2019 einstimmig (!), sein Portrait im Sitzungssaal aus der Reihe der bisherigen Bürgermeister zu entfernen und durch einen historisch-kritischen Kurzbericht zu ersetzen. Da hatte sich unser Ravensburger Autor Wolf-Ulrich Strittmatter eingebracht. Inzwischen hat eine Bürgerversammlung mit 140 Besuchern (!) diesen Entscheid eindrucksvoll bestätigt und die Gründung eines kommunalgeschichtlichen Arbeitskreises auf den Weg gebracht.

Folgewirkung: Mitgliederstarker Wanderverein überlegt einen Forschungsauftrag zu vergeben

Frage: Wie verlief die Zusammenarbeit zwischen den Autoren, wie hielten Sie „die Truppe“ zusammen?

Proske: Von den vier Autorentagungen war bereits die Rede. Es gibt außerdem eine autorenöffentlich zugängliche Internetverbindung. Und vielleicht auch noch das: Vom 28. Oktober bis zum 4. November 2018 folgten acht Teilnehmer einer Einladung unserer Breisacher Autorin Dr. Christiane Walesch-Schneller nach Polen. Gemeinsam wurden die ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau sowie Plaszow besucht. In O?wi?cim fand ein Gespräch mit Dr. Wojciech Plosa, dem Leiter des Archivs des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, statt. Mehrere Bücher aus der THT-Reihe wurden für die Bibliothek überreicht.

Frage: Gibt es weitere, noch anhaltende Folgewirkungen?

Proske: Ein THT-Leser hatte im Brief an den Herausgeber darauf hingewiesen, dass der Schwarzwaldverein, der immerhin rund 65.000 Mitglieder zählt, einen seiner Wanderwege nach dem Arzt und Schriftsteller Ludwig Finckh (1876-1964) benenne. Finckh aber sei ungeeignet den Schwarzwaldverein zu repräsentieren, da er – trotz aller Verdienste um den Naturschutz – ein nationalsozialistischer Rasseforscher gewesen sei. Der Schriftsteller Hermann Hesse hatte Finckh kurz nach Kriegsende als „vernagelten alten Nazi“ bezeichnet. 

Frage: Und was folgt daraus?

Proske: Nach einem Briefwechsel mit mir teilte der Hauptgeschäftsführer des Schwarzwaldvereins nun mit, dass es sich um ein wichtiges Thema handle und dass sich die Mitglieder des Präsidiums 2019 des Problems annehmen wollen. Dabei allerdings nicht nur unter Bezugnahme auf Finckh, sondern allgemein mit Blick auf die „Geschichte des Schwarzwaldvereins im Dritten Reich inklusive Vorgeschichte und nachfolgenden Kontinuitäten“. Sie sei bisher nicht aufgearbeitet. Es steht nun im Raum, dass der Schwarzwaldverein einen Forschungsauftrag dazu vergeben wird.

Exemplarische Biographien aus Band 10:

 

Kurt Alber

Konnte man im NS-Staat eigentlich auch als Fotograf Schlimmes anrichten? Man konnte, blickt man etwa auf Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann. Kurt Alber spielte eine ganz ähnliche Rolle für Himmler. Von dem 1908 in  Ulm geborenen, und 1961 in Ravensburg verstorbene SS-Sturmbannführer  fotographiert zu werden, scheint geradezu ein Muss gewesen zu sein, um im engsten Kreis um Himmler dazuzugehören. Dass nun seine Enkel Jan und Jörg Alber sowie die Historikerin Sarah Kleinmann beschreiben, was da im Detail abging, zeigt den prägenden Anteil eines Fotografen am Auf- und Ausbau der Propaganda aus ungewohnter Perspektive.

Karl Buck
Foto: THT-Archiv Proske

Karl Buck

Der 1982 in Stuttgart Ingenieur Karl Buck war ab 1932 NSDAP-Kreisleiter in  Welzheim.  Als einziger war er über volle zwölf Jahre hinweg in Nazideutschland als Lagerkommandant tätig gewesen: mit Stationen Heuberg, Oberer Kuhberg Ulm, Welheim, Schirmeck/Elsaß, und Rotenfels. Doch die späteren Ermittlungen gegen ihn zogen sich über Jahre hin. Trotz dreier Todesurteile überlebte er und erfreute sich nach 1955 bis zu seinem Tode 1977 in Rudersberg an einer Pension. Engagierte Versuche früherer Häftlinge, ihn noch zu belangen, scheiterten. Ihr Gerechtigkeitsempfinden, so der Buck-Biograf Hermann Wenz, „wurde auf eine harte Probe gestellt“. Der Fall wirkt auch im Nachhinein verstörend.

Dr. Max Eyrich

Der Psychiater Dr. Max Eyrich war bereits 1934 als „Landesjugendarzt“ in Württemberg „für das Fürsorgeerziehungswesen“ zuständig. Trotzdem wurde er 1950 erneut zum „Landesjugendarzt“ ernannt. Dass er in NS-Zeiten nach rassistischen Gesichtspunkten Jugendliche zu geborenen Verbrechern und Asozialen stempelte, die natürlich auch zu sterilisieren waren, in Zusammenarbeit mit Stähle und Mauthe in Krankenmorde verwickelt war, mit dem sog. „Zigeunerforscher“ Robert Ritter kooperierte, behinderte Kinder zur Ermordung in so genannte Kinderfachabteilungen einwies, und das alles laut Aktenlage immer in „inkriminierender Diktion“, war für seine Nachkriegskarriere ohne Bedeutung. Autor Karl-Horst Marquart zeigt auf, wie Eyrich dank gut funktionierender Seilschaften 1947 vom Hauptschuldigen zum Entlasteten geworden ist. Eyrich verstarb 1962 in Stuttgart.

Günther Franz

Prof. Dr. Günther Franz war als Historiker eher Spezialist für das Mittelalter und hier insbesondere für die Bauernkriege. Aber da er sie als Vorläufer der nationalsozialistischen Bewegung interpretierte, durfte er sich bald zu den seinerzeit staatstragenden Intellektuellen zählen. Autor Wolf-Ingo Seidelmann zeigt, wie tief Franz in SD-Machenschaften verwickelt war und wie er seinen Einfluss auch nach 1945 beibehalten hat. Nach 1945 ist der „Bauern-Franz“ zeitweise untergetaucht gewesen, und wirkte 1957 bis 1970 an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim als Professor, geworden - zeitweilig, 1963-1965 war er dort auch Rektor. Über die „Wissenschaftliche Buchgesellschaft“ in Darmstadt besaß er weiterhin großen Einfluss. Franz verstarb 1992.

Paul Hausser

Als mächtigste und gleichzeitig brutalste Formation im NS-Staat gilt bis heute die SS. Ihr militärischer Zweig, die Waffen-SS, erwies sich im Kriegsgeschehen als besonders effizientes Werkzeug des Terrors, und der „politische Soldat“ Paul Hausser war ihr Spitzenfunktionär. Doch nach 1945 versuchte er, ihre Rolle zu verharmlosen. An Kriegsverbrechen der SS sei die Teilgattung Waffen-SS nicht beteiligt gewesen, sagte der aktive Altnazi! Bis in die 1960er Jahre hinein wurden diese „apologetischen Narrative“, so sein Biograf Karsten Wilke, „mehrheitlich geglaubt“. Hausser verstarb 1972 in Ludwigsburg.

Walter Saleck
Foto: THT-Archiv Proske

Walter Saleck

Der Mediziner Prof. Dr. Walter Saleck, mit früh eingeschlagener wissenschaftlicher Karriere, war ab 1934 beim Gesundheitsamt tätig, ab 1935 SS-Mitglied und ab 1938 Direktor des Stuttgarter Gesundheitsamtes. Geschmeidig nutzte er alle Möglichkeiten zum Persönlichen Aufstieg. Nach 1945 als „Mitläufer“ verharmlost, durfte er 1958 als 62-jähriger nochmals ran, und war erneut Direktor bis 1962, laut dem Autor der Biographie  wohl eine Belohnung für sein Festhalten an „Geist“ und „Linie“ im Amt. Der „Konsens des Verdrängens und Beschweigens“ ermöglichte Kontinuität. Von den Verbrechen der SS hat Saleck sich nie distanziert bzw. distanzieren müssen. Es ist beklemmend, dass nur 1964 ein einsamer Protest gegen seine scheinbar makellose Karriere bekannt geworden ist. Saleck verstarb 1976 in Stuttgart.

Friedrich Sieburg

Der im Nachkriegsdeutschland als Feuilletonist der FAZ bekannt gewordene Friedrich Sieburg war, so sein Biograph Clemens Klünemann, ein Trittbrettfahrer des Nationalsozialismus, offenbar getrieben von einer „Art opportunistischer Geltungssucht, für deren Befriedigung er womöglich den Pakt mit jedem System und jeder Ideologie eingegangen wäre“. Am Beispiel des im Alter in Gärtringen lebenden Sieburg werde deutlich, „dass der Intellektuelle [...] nicht minder den schrillen Lockungen der Diktatur ausgesetzt [war] als die oftmals alsmassa damnata karikierte breite Bevölkerung mit ihren Alltagssorgen.“ Doch es galt bis in die 1960er Jahre nur als „Kavaliersdelikt“, mit den Wölfen geheult zu haben. Sieburg verstarb 1964 in Gärtringen bei Böblingen.

Giselher Wirsing
Foto: THT-Archiv Proske

Giselher Wirsing

Er war promovierter Politologe, Mitarbeiter der Münchner Neuesten Nachrichten und ab 1938 Hauptsturmführer bei der SS. Giselher Wirsing gehörte, wie sein Biograf  Rainer Jedlitschka feststellt, „ohne Zweifel zu den echten Begabungen des politischen  Journalismus“. Dabei gefiel er sich schon in NS-Zeiten in der Rolle eines „Ratgebers  der Mächtigen“. Eine Belastung aufgrund seiner Tätigkeit im „Dritten Reich“ sah er später nicht. Auch die Spruchkammer sah in ihm lediglich einen Mitläufer. So wurde aus dem früheren „Hauptschriftleiter“ von Nazi-Postillen der Chefredakteur von „Christ und Welt“, was zunehmend Kritiker auf den Plan rief: „Der Weltreisende mit globaler Perspektive schloss die Augen vor dem Verbrechen in nächster Nähe und machte sich so schuldig.“ (Zitat Prof. Norbert Frei). Wirsing profitierte von der Polarisierung der Welt durch den Kalten Krieg, die auch ihm eine politische Amnestie bescherte. Er verstarb 1975 in Stuttgart.

 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Die aktuellen Bände 8, 9 und 10 der Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“

 

Band 8 - NS-Belastete aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg, erschienen März 2018: 19 Autoren präsentieren im achten Band der Reihe 23 neue Biografien aus den Räumen zwischen Heidenheim, Schwäbisch Hall und Mannheim,  Rastatt, Heilbronn und Bad Mergentheim . 441 Seiten, Gerstetten 2018, 19,99 Euro

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Band 9 - NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg,erschienen November 2018: 21 Autoren präsentieren im neunten Band der Reihe 25 neue Biografien aus den Räumen zwischen Ulm, Karlsruhe und Lörrach, Tübingen, Konstanz und Ravensburg. 448 Seiten, Gerstetten 2018, 19,99 Euro

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Band 10 - NS-Belastete aus der Region Stuttgart, 552 Seiten, Gerstetten 2019, ISBN 978-3-945893-11-1 (inkl. Gesamtverzeichnis), 23,99 Euro

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Diskussion

 

Viele NS-Belastete kamen nach dem Krieg oft schnell wieder in herausragende Funktion: die jetzt vorgelegten Biographien sorgten mit Veröffentlichung in mehreren Fällen für intensive Diskussionen vor Ort. Etwa im vergangenen Jahr um den Allgäuer Agrarlobbyisten und Bierbrauer Oskar Farny, der während zwölf Jahren NS-Zeit Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag blieb, und 1958 beinahe Ministerpräsident von Baden-Württemberg geworden wäre. 2012 gab es Streit um Verstrickungen des langjährigen Ulmer Nachkriegs-OB Theodor Pfizer. In Folgebänden sollen unter anderem die Rolle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber in der Nazi-Zeit beleuchtet werden. Auch der umstrittene Philosoph Martin Heidegger steht auf der Liste der zu Porträtierenden.