Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Verstrickungen von Hugo Boss, Martin Heidegger und Noelle-Neumann

Mit dem jetzt vorgelegten Band 9 steht das Autorenprojekt „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ kurz vor dem Abschluss

Stefan Jehle

Das Autorenprojekt „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, das mit inzwischen annähernd 200 Einzelporträts zur lokalen NS-Geschichte ein Bild der Verstrickungen in der Zeit des Nationalsozialismus für den Südwesten zeichnete, nähert sich der Zielgeraden. Mit dem jetzt vorgelegten Band 9 werden auch einige sehr prominente Namen beleuchtet: darunter die einst führende Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann, der Philosoph Martin Heidegger und der Gründer des Modeunternehmens Hugo Boss. Dieser Beitrag wirft auch einen Blick auf den ebenfalls 2018 erschienenen Band 8.

Erstmals 2010 wurde ein Band dieser Reihe gedruckt: mit Blick auf NS-Belastete von der Ostalb, in Band 2 bis Band 4 wurden ebenfalls Täter und Mithelfer des Nazi-Systems aus dem württembergischen Landesteil präsentiert – ehe dann auch der Raum Baden, der Bodenseeraum und die Region um Stuttgart in den Blick genommen wurden. Derzeit arbeiten 112 Autorinnen und Autoren an der von Wolfgang Proske verlegten Buchreihe mit. 25 neue Biographien sind in Band 9 versammelt, aus den südlichen Landesteilen zwischen Ulm und Bodensee, der Ortenau, Mittelbaden und Freiburg. 23 Portraits umfasste der im März vorgelegte Band 8 – aus dem Norden des Landes. Der abschließende Band 10 der Reihe soll im Sommer 2019 erscheinen.

Hugo Ferdinand Boss, Foto: Hugo Boss, Archiv THT-Projekt Proske

Die Modemarke „Hugo Boss“ kennt heute jeder. Weniger bekannt ist aber, dass Hugo Boss seine Bekleidungsfirma in Metzingen (Kreis Reutlingen) während des Dritten Reichs wohl nur deshalb vor dem Konkurs bewahren konnte, weil er 1931 in die NSDAP eintrat und fortan Braunhemden produzieren durfte – später auch Uniformen. In der Kriegszeit beschäftigte das Unternehmen auch Zwangsarbeiter, laut dem Beitrag von Biograf Rudolf Renz, in der Zeit 1939 bis 1945 insgesamt 1241 Personen. Boss war laut diesen Angaben „mehr als nur ein Trittbrettfahrer“. Die Enkelgeneration des Gründers entschied sich im Jahr 2000, der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beizutreten, spät – aber immerhin.

Seit 1931 produzierte das Unternehmen Hugo Boss auch „Braunhemden“…

Das Unternehmen Hugo Boss hatte eindeutig vom Nationalsozialismus profitiert: während des Zweiten Weltkriegs stieg die Firma zum größten Textilunternehmen Metzingens auf. 1944 erreichte es die höchste Beschäftigungszahl von 330 Mitarbeitern und seinen höchsten Umsatz. Doch das Unternehmen war nur eines von vielen, das Uniformen produzierte. Die 1924 gegründete Kleiderfabrik war 1931 kurz vor dem Konkurs gestanden. Mit dem Eintritt in die Partei konnte Boss alsbald Braunhemden für die NSDAP, die HJ und die SA produzieren. Mit Boss hatten reichsweit rund 15000 Fabrik- und Handwerksbetriebe eine derartige Lizenz erhalten. 

1932 beschäftigte Hugo Boss gerade mal 19 Mitarbeiter, 1933 bereits 34. In den Verfahren zur Entnazifizierung 1946 und 1947 kam Boss milde davon: als „Mitläufer“ wurde ihm von der Tübinger Spruchkammer am 2.März 1948 eine Geldbuße von 25000 Reichsmark auferlegt. Boss verstarb im Oktober 1948. Das von ihm gegründete Unternehmen wurde ab 1970 unter der Enkelgeneration zur Weltmarke.

Anzeige Boss SA-, SS-, HJ-Uniformen 1933

Im Nachhinein milde betrachtet wird auch die NSDAP-Mitgliedschaft von Kurt Georg Kiesinger, dem Kanzler der Nachkriegszeit mit der kürzesten Amtszeit. Der in Tübingen heimisch gewordene CDU-Politiker, von 1958 bis 1966 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, amtierte als Kanzler vom 10.November 1966 bis zum September 1969 – in der ersten Großen Koalition auf Bundesebene. 

Von Kurt Georg Kiesinger blieb vor allem die „Ohrfeigen-Affäre“ in Erinnerung

Im Gedächtnis geblieben ist er heutigen Generationen, abgesehen von der Gründung mehrerer Universitäten im Südwesten, bundesweit bis heute nicht etwa wegen politischer Leistungen – sondern häufig vor allem wegen der so genannten „Ohrfeigen-Affäre“. Die Studentin, und spätere deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld hatte ihn auf dem CDU-Parteitag 1968 mit dem Ruf „Nazi, Nazi“ aufs Auge geschlagen. Kiesinger, den man auch „Silberlocke“ nannte, wurde kurz zuvor auch von dem einst in Heidelberg lehrenden Philosophen Karl Jaspers als „alter Nationalsozialist an der Spitze der Bundesregierung“ gebrandmarkt. Für Jaspers war dies sichtbarer Ausdruck des Fortwirkens „alter Machteliten“.

Der Beitrag in dem Band 9 „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, von Autor Philipp Gassert, wirft heute ein eher mildes Licht auf Kiesinger – unterstellt gar, dass seine NSDAP-Vergangenheit zunächst sogar vor allem von den eigenen „Parteifreunden“ instrumentalisiert worden sei. Kiesinger war bei Kriegsende knapp über 40 Jahre alt – auch sein Nach-Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) war als karriereorientierter Offizier der Wehrmacht Kompromisse eingegangen. Und auch die Politiker Walter Scheel (FDP) und Karl Carstens (CDU), beide wenig später zu Bundespräsidenten gewählt, waren wie Kiesinger Mitglied der NSDAP gewesen – allerdings erst 1942. Kiesinger trat bereits 1933 in die Partei ein. Das Bild, das Beate Klarsfeld von ihm zeichnete, war jedoch wohl nicht von der Realität gedeckt. Der Autor Gassert sieht ihn „als Mitläufer“.
Und bezeichnet seine Tätigkeit in der rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes in der Zeit 1940 bis 1945 als schieren Opportunismus – mit der Tätigkeit habe er vor allem der Einberufung zur Wehrmacht zuvorkommen wollen. Es könne keine Rede sein von „karrieristischem Ehrgeiz“. Zugute kam ihm, nach dem Krieg – und bei den Entnazifizierungsverfahren – eine interne Denunziation, die eine „klare Distanz zum Antisemitismus“ erkennen ließ. Sein Mitarbeiter im Amt, Ernst Otto Doerris, hatte ihm, zusammen mit einem weiteren Kollegen,  intern vorgeworfen, nachweislich „antijüdische Aktionen der deutschen Auslandspropaganda zu hemmen“. 

Kiesinger verwandte sich laut Autor Gassert für eine gemäßigte Linie und versuchte moderat  „auf Grad und Form der Auswertungen der antijüdischen Propagandasendungen“ Einfluss zu nehmen. Der kritische Katholik legte damit ein durchaus deutliches Maß an Illoyalität und Resistenz gegenüber dem NS-Staat an den Tag. 

Insgesamt fünf Mal, so nennt es Autor Philipp Gassert, sei er in der Folge seiner NS-Verstrickungen im Verlauf der Jahre „entnazifiziert“ worden: neben der ersten förmlichen, am eigenen Wohnort – war dies die Niederlage als Kandidat zum CDU-Bundesgeschäftsführer 1950 „durch gezielte Hinweise auf die NS-Vergangenheit“. Die „dritte Entnazifizierung“ habe kurz vor der Wahl zum Ministerpräsidenten 1958, durch einen Artikel in der SPD-Zeitung Vorwärts, stattgefunden – die „Vierte“ bei der Kandidatur als Kanzler, bei sich jedoch die SPD-Politiker Willy Brandt und Herbert Wehner für ihn stark machten, die „Fünfte“ war besagte Ohrfeige von Beate Klarsfeld. Kiesinger selbst sah sich „als relativ gering belasteten Protagonisten des demokratischen Wiederaufbaus nach 1945“.

Julius Viel, Foto: Archiv THT-Projekt Proske

Zwei Mitglieder der Waffen SS: als Journalist – und als berühmter Hochschullehrer

Zwei – im Vergleich dazu – bemerkenswerte Nachkriegskarrieren zeigen die Beträge von Wolf Ulrich Strittmatter zu dem Lokaljournalisten Julius Viel – der lange in Schramberg tätig war, und von Jens Westemaier zu dem später weltbekannt gewordenen Konstanzer Hochschullehrer Hans Robert Jauß. Sowohl Viel wie auch Jauß waren früh in NS-Organisationen tätig, und während des Kriegs aktives Mitglied in der Waffen SS. Erst in den 1990er Jahren wurde ihre Vergangenheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Viel kam 1999 – im Alter von 81 Jahren – in Wangen im Allgäu in Untersuchungshaft. Man beschuldigte ihn „aus niedrigen Beweggründen“ Menschen getötet zu haben; in der Nähe des KZ Theresienstadt in der Zeit März und April 1945 bei Arbeitseinsätzen zum Panzergrabenbau – darunter „mindestens sieben Juden“. 

Die Beschreibung des Autors schildert Viels schiere Lust am Töten. 2001 wurde Viel in Ravensburg wegen siebenfachem Mord verurteilt – ein scheinbar normales Leben eines Lokaljournalisten, der 1983 das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, endete damit durchaus spektakulär. Noch im Spruchkammerverfahren der unmittelbaren Nachkriegszeit war Viel als „nichtbelastet“ eingestuft worden.

Hans Robert Jauß, Foto: Archiv THT-Projekt Proske

Zunächst in den USA Schlagzeilen machte die Vergangenheit bei der Waffen SS des einstigen Gründungsmitglieds der neuen Universität Konstanz, Hans Robert Jauß. Der in Göppingen geborene, später zum renommierten Literaturwissenschaftler aufgestiegene Jauß, wehrte sich zu Lebzeiten vehement gegen die in den 1990er Jahren aufgekommenen Fragen hinsichtlich seiner NS-Vergangenheit. Der in Kriegszeiten als Hauptsturmführer der Waffen SS agierende Jauß  war in seiner Dienstzeit aktiv bei der „Bandenbekämpfung“, das heißt der Liquidierung von Partisanen gegen die deutschen Besatzer. Teilweise bizarr wirkten die Versuche von Professoren-Kollegen der Uni Konstanz ihn zu verteidigen. 

Hans Robert Jauß: mit 18 Jahren freiwillig zur Waffen SS gemeldet

Dabei hatte sich Jauß bereits mit noch nicht einmal 18 Jahren freiwillig zur Waffen SS gemeldet – und galt schon als Oberschüler als „extrem ehrgeizig und hochpolitisiert“, wie Autor Westemaier darlegt. Jauß war 1940 bis 1945 durchgehend im Einsatz bei der Waffen SS. Der weltbekannte Romanist, Professor von 1965 bis 1987, verstarb 1997 in Konstanz. Laut dem Autor war Jauß „ein in der Wolle gefärbter Weltanschauungskrieger und Waffen-SS-Täter in Hitlers Vernichtungskrieg“; einer der – so sagte später einer seiner Schüler – „der nicht  bereut habe – und für einen Neuanfang vertuscht, gelogen und verschwiegen habe…“

Martin Heidegger, Foto: Archiv THT-Projekt Proske

Nachhaltig für Diskussionen sorgt immer wieder die Nähe, die der bekannte Philosoph und zeitweilige Rektor der Universität Freiburg, Martin Heidegger, zu den Machthabern und der Ideologie des Dritten Reiches pflegte. Manche zählten ihn in dieser Zeit, neben dem damaligen NS-Bürgermeister Franz Kerber und dem erst spät als Nazi-Anhänger entlarvten Erzbischof Conrad Gröber, zu einem eher „unheiligen Freiburger Dreigestirn“ (http://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/suedbaden.html) . Laut dem Biografen Eggert Blum, habe Heideggers Philosophie – sowohl vor, als auch während, und nach der NS-Zeit – auf „einer chauvinistischen, vernunft- und wissenschaftsfeindlichen und die Demokratie elitär verachtenden Weltsicht“ bestanden – die sich letztlich zu jeder Zeit „der Verantwortung für begangene Verbrechen entzog“, und sie auch für heutige AfD-Vertreter der extremen Rechten, wie Björn Höcke, „attraktiv mache“.

„Freiburger Dreigestirn“: Martin Heidegger, NS-Bürgermeister Franz Kerber und Erzbischof Conrad Gröber

Heidegger war in Meßkirch geboren (wie übrigens auch Gröber), und ein einem streng katholischen Milieu aufgewachsen. Schon 1929, als Ordinarius, äußerte er sich deutlich gegen „die wachsende Verjudung“ des Geisteslebens. Da hatte er schon sein Standardwerk „Sein und Zeit“ erfolgreich an den Markt gebracht. Mit der Rektoratsrede vom 27.Mai 1933 trat er sein neues Amt an, und ergänzte alsbald „der Führer selbst und allein sei das heutige und künftige Gesetz“. Im Amt verbannte er zahlreiche jüdische Kollegen von der Hochschule. Bereits im April 1934 trat er vom Amt des Rektors zurück, war – und blieb aber von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP. 

Autor Eggert Blum benennt Heidegger als ideologisch überzeugten Helfershelfer, der – in dem er sein herausragendes Ansehen als Hochschullehrer einer verbrecherischen Sache zur Verfügung stellte – mithalf, ihre Macht zu etablieren. Von 1946 bis 1951 blieb ihm die Lehrbefugnis entzogen, ehe er sich in einem langwierigen juristischen Verfahren seine Reintegration in die Universität, und die sich unmittelbar daran anschließende Emeritierung, erkämpfte.

Elisabeth Noelle-Naumann, Konrad Adenauer
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F014584-45 Unterberg, Rolf CC-BY-SA 3.0

Viele Fragen müssen offenbleiben, was die Rolle der Elisabeth Noelle-Neumann, lange Zeit eine der führenden – und vielleicht wichtigsten – Meinungsforscherinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte angeht. Mit ihrem Institut hatte sie sich, zusammen mit ihrem Mann, in dem idyllisch gelegenen Allensbach am Bodensee (Kreis Konstanz) angesiedelt. Noelle-Neumann galt lange Zeit als eine enge Vertraute von Kanzler Helmut Kohl, hatte aber auch schon dem ersten Nachkriegskanzler, Konrad Adenauer, ihre Dienste angeboten. Die Mosaike, die Biograf Jörg Becker zusammengetragen hat über ihr Wirken in der NS-Zeit, hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. 

Elisabeth Noelle-Neumann traf Adolf Hitler auf dem Obersalzberg 1937 

Geboren als Elisabeth Noelle 1916 in Berlin, war sie aktiv als Zellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen in München, Mitglied der NS-Gaustudentenführung in Berlin, Journalistin bei verschiedenen NS-Zeitungen – und; beispielhaft zitiert, eine nach eigenen Aussagen begeisterte Besucherin einer Gruppe von Studentinnen bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg 1937. In ihren Erinnerungen schrieb die spätere Meinungsforscherin 2006 über die Begegnung: „Wir unterhielten uns sehr gut, ganz unaufgeregt und heiter“.

Den Nationalsozialismus würdigte sie im selben Jahr in einer US-amerikanischen Studentenzeitung „als Reaktion auf den Verlust nationaler Würde“. Auch wandte sie sich deutlich gegen eine Vermischung der Rassen – und wurde mit „Ihrer unamerikanischen Propaganda“ 1938 sogar Thema eines Hearings im US-Repräsentantenhaus. In dieser Zeit hatte Elisabeth Noelle in den USA studiert. Promoviert hatte Noelle 1940 über Methoden der Massenkommunikation. Bis zum Ende des Regimes war sie ohne Unterbrechung für die Deutsche Allgemeine Zeitung, Das Reich, die Frankfurter Zeitung, das Illustrierte Blatt tätig – 1940 und 1941 berichtete sie beispielsweise mehrfach über das „Warschauer Ghetto“. In Tübingen, nach dem Krieg, so legt Autor Becker dar, pflegte sie enge Kontakte zu Künstlern und NS-Funktionären, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren.

Bei der Entnazifizierung, so schreibt der Autor, hatte sie zu einem spätestmöglichen Zeitpunkt – im März 1949 – die Antragsstellung angegangen. Möglicherweise weil sie damit so gut wie von niemandem mehr wegen irgendwelcher NS-Verstrickungen belastet würde. Der Bescheid jedenfalls wurde ohne jede weitere Prüfung ausgestellt. Noelle, die 1948, zusammen mit Erich Peter Neumann das Institut für Demoskopie Allensbach begründete, war erkennbar rechtskonservativ – auch nach dem Krieg. Laut dem Biografen pflegte sie, bis zuletzt, Kontakte zu Kreisen der Neuen Rechten. 

Noch viel mehr über Jörg Beckers umfassende Recherchen könnte man in seinem Werk „Elisabeth Noelle-Neumann: Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus“, nachlesen, wenn ein von ihrem Adoptivsohn Schmitt-Noelle seit dem Jahr 2013 erfolgter juristischer Feldzug nicht den Paderborner Verlag Ferdinand Schöningh veranlasst hätte, das 369 Seiten umfassende Buch vom Markt zu nehmen und wieder einstampfen zu lassen. 

2013 erschienene Biografie über Noelle-Neumann wurde wieder eingestampft

Becker sieht sich mit seinen Recherchen überwiegend im Recht – musste aber zwischen 2013 und 2016 insgesamt 32 Unterlassungserklärungen unterzeichnen. Das Buch ist, über die Pflichtexemplare an Bibliotheken, auch weiterhin über Fernleihe einsehbar. Auch Elisabeth Noelle-Neumanns 1980 erstmals erschienenes Standardwerk „Die Schweigespirale“ ist mit diesen Erkenntnissen über ihr Wirken in der NS-Zeit sicherlich mit anderen Augen zu betrachten. Laut einer Rezension des Becker-Buchs der FAZ im Jahr 2013  war Noelle-Neumann eine „streitbare, stramm konservative Networkerin“ mit zweifelhaften politischen Ansichten. Interesse hätten aber weniger ihre persönlichen Verfehlungen im Dritten Reich verdient, als die gesellschaftlichen Auswirkungen des von ihr begründeten Instituts, schrieb der Autor. Noelle-Neumann verstarb im März 2010 in Allensbach.

 

Die aktuellen Bände 8 und 9 der Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“

 

Band 8 - NS-Belastete aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg, erschienen März 2018: 19 Autoren präsentieren im achten Band der Reihe 23 neue Biografien aus den Räumen zwischen Heidenheim, Schwäbisch Hall und Mannheim,  Rastatt, Heilbronn und Bad Mergentheim . 441 Seiten, Gerstetten 2018, 19,99 Euro

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Band 9 - NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg,erschienen November 2018: 21 Autoren präsentieren im neunten Band der Reihe 25 neue Biografien aus den Räumen zwischen Ulm, Karlsruhe und Lörrach, Tübingen, Konstanz und Ravensburg. 448 Seiten, Gerstetten 2018, 19,99 Euro

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Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Diskussion

 

Viele NS-Belastete kamen nach dem Krieg oft schnell wieder in herausragende Funktion: die jetzt vorgelegten Biographien sorgten mit Veröffentlichung in mehreren Fällen für intensive Diskussionen vor Ort. Etwa im vergangenen Jahr um den Allgäuer Agrarlobbyisten und Bierbrauer Oskar Farny, der während zwölf Jahren NS-Zeit Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag blieb, und 1958 beinahe Ministerpräsident von Baden-Württemberg geworden wäre. 2012 gab es Streit um Verstrickungen des langjährigen Ulmer Nachkriegs-OB Theodor Pfizer. In Folgebänden sollen unter anderem die Rolle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber in der Nazi-Zeit beleuchtet werden. Auch der umstrittene Philosoph Martin Heidegger steht auf der Liste der zu Porträtierenden.