Landeskunde Baden-Württemberg

 
SWR Baden-Baden, Foto: Bear62

Zwei Länder und drei Standorte: Radio und Fernsehen im Südwesten

Der SWR bereinigte im Jahr 1998 die eher willkürlichen Grenzen der Besatzungszeit.

Stefan Jehle

Rundfunk und Fernsehen: das wird immer wieder maßgeblich auch durch Namen definiert. Mathias Holtmann und Frank Lauffenberg bei den Radiomachern; Franz Alt oder Ernst Elitz bei den Fernsehschaffenden - das ist (und war) jeweils mehr als nur Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunk, SWF und SDR, wie die Sender bis 1998 hießen, und die danach zum SWR wurden.

Zwei Länder und drei Senderstandorte: das gab es und gibt es in Deutschland vor der Wiedervereinigung, vor dem Fall der Mauer in vergleichbarer Art nur mit dem NDR in Norddeutschland. 1998 fusionierten im Südwesten erstmals in der (damals) mehr als 50-jährigen Geschichte zwei Rundfunkanstalten. Damit endete zugleich einer der anachronistischen Zustände aus der Nachkriegs- und Besatzungszeit.

Erste Ansätze zur Fusion reichen weit zurück. Schon in den 1960-er Jahren gab es Überlegungen zur Zusammenlegung des länderübergreifend agierenden Südwestfunks (SWF), mit seinen Sitzen in Baden-Baden und Mainz, sowie des entlang der Demarkationslinie "Autobahn A 8", also des Städtenetzes Ulm - Stuttgart - Karlsruhe beheimateten Süddeutschen Rundfunks (SDR), mit Senderstandort Stuttgart. Nach ersten Anläufen gab es ab 1990 "eine verschärfte Kooperation".

Der SWF, als ehemalige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Rheinland-Pfalz und Teile von Baden-Württemberg war einst hervorgegangen aus dem "Radio Koblenz", gegründet 1945, und dem Baden-Badener Sender der französischen Militärregierung, dem Südwestfunk - gegründet 1946. Das Sendegebiet des SWF innerhalb Baden-Württembergs umfasste im wesentlichen die Oberrheinschiene, den Südschwarzwald, die Baar, sowie das Gebiet Bodensee und Oberschwaben.

Der SDR hatte ursprünglich Wurzeln in der 1924 gegründeten "Süddeutsche Rundfunk AG" ("Sürag"), sowie dem 1945 ins Leben gerufenen "Radio Stuttgart": auf Gebiet des ehemaligen Landes "Württemberg-Baden". In der Rundfunklandschaft hatte sich die Willkür der Alliierten nach 1945 am deutlichsten niedergeschlagen. Während zumindest die Amerikaner Rücksicht auf föderale Traditionen nahmen, orientierten sich die Franzosen – wie auch die Briten und Sowjets - an eigenen zentralistischen Vorstellungen. Ungeachtet dessen, waren SWF und SDR schon vor 1998 bei Hörern und Zuschauern bekannt und weitgehend anerkannt gewesen.

Sendegebiet SWFErste Vorschläge der so genannten "Michel-Kommission" aus den 1960-er Jahren hatten bei Erarbeitung neuer Grundzüge zur künftigen Rundfunkstruktur auch die Einbindung des Saarländischen Rundfunks (SR) zum Ziel. Diese sollten lange Zeit die Diskussionen bestimmen. Doch der SR blieb bestehen, ebenso wie das weiterhin kleinste Bundesland -  unmittelbar an der französischen Grenze.

Erheblicher Druck kam mit neuen privaten Mitbewerbern; auch durch Pilotprojekte, bei denen beispielsweise SAT1 (noch ohne Kabel) via Antenne in die Haushalte kam. Explodierende Rechte- und Produktionskosten bei fehlender politischer Bereitschaft, den Kostenanstieg durch Gebührenerhöhung zu kompensieren, verlangten nach neuen Strukturen, um das Verhältnis von eigentlichen Programmkosten zum Aufwand für Programmdienstleistungen wie Technik und Verwaltung optimal gestalten zu können.

Sendegebiet SDRDie Einsparungen durch die Kooperationsvereinbarungen des Jahres 1990 waren längst wieder aufgezehrt. Die wirtschaftlichen Aspekte der Fusion konzentrierten sich in erster Linie auf den Abbau teurer und personalintensiver Doppelstrukturen.

Nachdem auch das von Erwin Teufel favorisierte Konzept für reine Landessender - hier Baden-Württemberg, dort Rheinland-Pfalz - gescheitert war, kam es aber erst 1997 zum wirklichen Durchbruch. Dies hing sehr eng mit den handelnden Personen zusammen: vornweg der beiden damals agierenden SWF- und SDR-Intendanten.

Die wohl wichtigste Wegmarke auf dem Weg zur Senderfusion war das im Juli 1995 vom damaligen SWF-Intendanten Peter Voß vorgelegte Diskussionspapier "Südwest 2000". Das Werk nahm für sich in Anspruch, "Fakten - Positionen - Argumente" aufzuzeigen. Nach den gescheiterten Versuchen, die von der Nachkriegszeit geprägten Rundfunkstrukturen von SDR und SWF auf politischer Ebene zu reformieren, gab dieses Papier erstmals die entscheidenden Impulse zu einer umfassenden Reform von "innen", aus einem der betroffenen Sender selbst. Voß entwarf das Modell eines gemeinsamen Senders, sprich: des (bereits vorgelebten) SWF-Strukturprinzips für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Der zunächst favorisierte Landessender hätte fast zwangsläufig die Zerschlagung des Standortes Baden-Baden bedeutet und auch nicht die Größe und Bedeutung des heutigen SWR entfaltet. Das Grundproblem: Der 1995 über 2.420 Planstellen und Gebühreneinnahmen in Höhe von etwa 737 Millionen Mark verfügende SWF war der deutlich größere Partner und wäre nach solchen Plänen zugunsten des zur gleichen Zeit mit 1.929 Planstellen und 601 Millionen Mark Gebühreneinnahmen ausgestatteten SDR abgewertet worden. Voß hatte dagegen das Ziel, Baden-Baden eher noch aufzuwerten - und das ist ihm letztlich auch gelungen.

Die (immer wieder beschriebene) "Argumentations- und Durchsetzungskraft" des Intendanten Voß wirkte dabei bahnbrechend. Der Norddeutsche Voß, selbst Journalist, lange Zeit Sprecher des ZDF-Heute-Journals, hatte hinter der Option Landessender stets Provinzialität vermutet, sie gar für illusorisch gehalten. Seine Vorstellungen gingen weiter. Eine Neugliederung der ARD im Südwesten sollte am besten in eine umfassende Strukturreform der (damals noch elf) ARD-Anstalten eingebettet werden. Motto: Wenn schon Fusion, dann richtig.

Voß galt als Dreh- und Angelpunkt des neuen Fusionsversuchs, seinen Gegenpart (oder: "Alter Ego") fand er im kurz vor dem Ruhestand stehenden SDR-Intendanten Hermann Fünfgeld. In der Summe diente das Diskussionspapier "Südwest 2000" als Begründung für "eine beitrittsoffene Zweiländeranstalt für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg". Vehement kritisierten Voß und die Gremien des SWF das programmatische Schlagwort "Landesidentität". Zur Identität eines Landes gehöre auch die innere, regionale Vielfalt, die sich in Programmen widerspiegle. Wer im Bund und in Europa den Föderalismus einfordere, dürfe nicht im eigenen Land dem Zentralismus huldigen.

Der "aus dem hohen Norden" nach Baden-Baden importierte Intendant, der auch CDU-Mitglied war, hatte damit vor allem dem langjährigen SWF-Rundfunkratsmitglied Erwin Teufel "contra" gegeben. Dem Argumentationsmuster einer die Landesidentität fördernden Organisation der Rundfunkanstalt, der Behauptung, badische und württembergische (Landes-) Interessen seien am besten in einem Landessender aufgehoben, wurde "schlicht und bündig" (Zitat) gegenüber gestellt, "dass sich Strukturen nicht senden lassen und Landesidentität für die Hörer und Zuschauer nur über das Programm zu vermitteln ist".

Auch der scheidende Intendant des SDR war argumentativ unterlegen: Mit seinem "Zwischenruf zur Neuordnungsdiskussion" hatte Hermann Fünfgeld noch im November 1995 mehr Flexibilität in der Reformdiskussion eingefordert. Sollte die Optimierung der Kooperation von SDR und SWF politisch nicht ausreichend erscheinen, so Fünfgeld, werde sich der SDR für einen mit dem Land Baden-Württemberg identischen Sender einsetzen. Schließlich hatte er auch in den Raum gestellt, dass es nicht nur das Zwei-Länder-Fusionsmodell des SWF einerseits und das Landessender-Modell des SDR andererseits wert seien, weiteren Analysen unterzogen zu werden. 1996 kamen Voß und Fünfgeld dann doch zusammen.

Nach mehrmonatigen Verhandlungen präsentierten die Intendanten von SDR und SWF, Hermann Fünfgeld und Peter Voß, einen gemeinsamen Reformvorschlag für die Neuordnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Das "Intendantenpapier", eine Weiterentwicklung von "Südwest 2000", setzte für einen neu zu schaffenden länderübergreifenden Sender eine Stärkung des Standorts Mainz voraus und lieferte die Diskussionsgrundlage der Verhandlungen auf politischer Ebene. Kernpunkte waren dabei ein "Doppelsitz" der Intendanz in Stuttgart/Mainz sowie eine Hörfunk- und Fernsehdirektion in Baden-Baden "mit gerechtem Standortausgleich zwischen Stuttgart, Mainz und Baden-Baden"; und schließlich das Angebot von Programmstrukturen mit länderübergreifenden und landesbezogenen Hörfunk- und Fernsehprogrammen.

Dies bedeutete einen deutlichen Kurswechsel, den insbesondere Hermann Fünfgeld und der SDR vollziehen mussten. Beim "ersten Gipfeltreffen" erklärten die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, Kurt Beck und Erwin Teufel, Anfang Oktober 1996 dagegen vieldeutig: "Wir wollen zwei Landessender unter einem Dach". Auch aus Mainz gab es lange Zeit erhebliche Bedenken gegen einen Sitz der Intendanz in Stuttgart.

Insgesamt fanden sieben Treffen zwischen Kurt Beck und Erwin Teufel statt. Im April 1997 war die Fusion von SDR und SWF besiegelt - nachdem es Nachbesserungen bezüglich regions- und landesbezogener "Programmfenster" gegeben hatte.

Stuttgart SWR-Gebäude, Foto:Bear62Der SWF und der SDR verschmolzen zum gemeinsamen Südwestrundfunk, der in Mainz und in Stuttgart im Detail austarierte Staatsvertrag erlaubte einen Senderneustart zum 1.1.1998. Der SWR wurde aus dem Stand zum zweitgrößten Sender innerhalb des Verbunds der ARD, nach dem WDR (Köln) und noch vor dem NDR (Hamburg/Niedersachsen). Der ab 1993 in Baden-Baden amtierende SWF-Intendant Peter Voß übernahm die Gesamtverantwortung, SDR-Intendant Hermann Fünfgeld wurde 1998 pensioniert.

Bis Mitte des nachfolgenden Jahrzehnts, noch Jahre nach Start der Fusion, war und ist anhaltender Personalabbau beim SWR ein stetes Thema. Voß' Vergleichsmaßstab war und blieb der NDR. Mit Fusionsstart zum 1.1.1998 wurde das Ziel festgelegt, von ehedem 4.200 Personalstellen bei SWF und SDR im neuen Sender auf 3.600 Mitarbeiter "zu schrumpfen": stets kritisch begleitet von den Landesrechungshöfen in Mainz (für Rheinland-Pfalz) und in Karlsruhe (für Baden-Württemberg).

Zumindest auf dem Papier war die angestrebte Vergleichsgröße zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) bald erreicht worden: 3.714 Planstellen sind insgesamt im Haushaltsplan 2004 angesetzt - etwa 500 weniger als zum Sendestart im Jahr 1998. Doch selbst der spätere Ministerpräsident Günther Oettinger war noch in seiner Zeit als CDU-Fraktionschef nicht durchweg zufrieden: Der Hörfunk sei auf einem gutem Weg, im Fernsehen sähe er aber gerne "noch mehr Information und weniger Kochkunst", ließ er im August 2003 anlässlich einer Bilanz zum fünfjährigen Fusionsjubiläum wissen. Manch einer hielt das Programmangebot für "altbacken". Was aber - wohl bis heute - vorrangig wohl zählen dürfte, beim öffentlich-rechtlich und beim privat organisierten Rundfunk, ist allein die Einschaltquote, Quote und nochmals Quote. Es bleibe eben eine dauernde Herausforderung, meinen Beobachter, nicht nur zweitgrößter, sondern "auch zweitbedeutendster Sender der ARD" zu sein.

 

Studie „Baden-Württemberg im Fusionsfieber“

 

Die 181 Seiten umfassende Studie „Baden-Württemberg im Fusionsfieber“ erschien am Institut für Regionalwissenschaft der Universität Karlsruhe, gefördert von der IHK Karlsruhe. Autor ist der Journalist und Dipl.-Verw.Wissenschaftler Stefan Jehle.

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