Landeskunde Baden-Württemberg

 

Stuttgart als Bankenstandort: Konkurriert Baden-Württemberg mit Frankfurt?

Kommunale Banken im Südwesten stufenweise zusammengeführt – zur LBBW

Stefan Jehle

Wer anfangs der 1990-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Konto bei der LG (ausgeschrieben: Landesgirokasse), der einstigen Kreis-, oder wenn man so will: „Stadtsparkasse“ der Stadt Stuttgart eröffnete, musste bis heute gleich zwei Mal einen Inhaber- und Namenswechsel des Kreditinstituts „über sich ergehen“ lassen: als Folge der Fusion mehrerer kleiner und mittelgroßer Banken zur mittlerweile größten Landesbank Deutschlands.

Auch – und gerade hier – im Bankenbereich gilt es als ein typisches Symptom der Globalisierung, als der scheinbar zwangsläufige Weg zu „Fusionen“. Während inzwischen das bargeldlose, service-arme „Online-Banking“ die Kreditinstitute zu weiteren Rationalisierungsmaßnahmen veranlasst, stand im Fall der Landesbank noch vor ein paar Jahren freilich die Schaffung eines „starken Bankenplatzes Stuttgart“ weit im Vordergrund.

Die Krise an den Finanzmärkten und das Eingreifen der EU-Behörden in Brüssel stoppt allerdings mittlerweile ein weiteres Wachstum derartiger „Global player“, wie die Landesbank Baden-Württemberg sich gerne sehen wollte. Doch der Reihe nach.

Für Lothar Späth war es über Jahre hinweg ein großes Anliegen: „Der Südwesten beansprucht im internationalen Finanzkonzert einen festen Orchesterplatz“, schrieb der frühere Ministerpräsident 1989 in einem Namensbeitrag für eine große deutsche Tageszeitung. Zwar gebe es, so ließ der damals schon über zehn Jahre amtierende Ministerpräsident wissen, in Baden-Württemberg (Stand 1989) rund 7.700 Bankinstitute einschließlich deren Filialen, auf 1.200 Einwohner entfiel damit eine solche „Arbeitsstätte“. Im bundesweiten Durchschnitt zählte man damals 1.500 Einwohner je Bankinstitut. Es sei aber auch ein Faktum, so Späth damals, dass von den zehn größten Kreditinstituten der Bundesrepublik Deutschland keines seinen Sitz in Baden-Württemberg habe.

Trotz vieler Bankniederlassungen müsse der Südwesten „eine seiner Wirtschaftskraft entsprechende Bankenstruktur“, Ausdruck eines typischen industriepolitischen Ansatzes von Späth, erst noch entwickeln. Denn noch lag gegenüber Frankfurt, Düsseldorf und München gerade die Landeshauptstadt Stuttgart als international anerkannter Bankenplatz lange im Hintertreffen. Und mindestens mit München wollte man mittelfristig gleichziehen.

Der Weg, um das zu ändern, war langwierig und holperig: doch inzwischen hat Baden-Württemberg nicht nur eine äußerst ertragsstarke Landesbank. Die LBBW mit Hauptsitz in Stuttgart, sowie weiteren wichtigen Standorten in Karlsruhe und Mannheim überrundete schon mit der Jahresbilanz 2005 den langjährigen Spitzenreiter in Düsseldorf. Die LBBW rutschte vor auf Platz 1 der öffentlich-rechtlichen Landesbanken – den Zentralinstituten der Sparkassen – in Deutschland, noch vor die West LB im Zentrum NRWs, und war seit 1.1.2005 zudem Eigner der Landesbank Rheinland-Pfalz. Auch in Sachsen hatte man sich engagiert.

Vor rund 25 Jahren, im Jahr 1986 wurde erstmals eine erste Fusion der – damaligen
– Württembergischen kommunalen Landesbank (Landesbank Stuttgart), der Badischen kommunalen Landesbank, der staatlichen L-Bank, sowie der einstigen Stadtsparkasse Stuttgart, nämlich der LG Landesgirokasse, verpasst. Lediglich die kommunalen Landesbanken konnten 1988 zur Südwest LB zusammen geschlossen werden. Die LG machte einen Rückzieher, aus Furcht vor Wertbereinigungen.

Angedacht war damals auch die Fusion von LG und Baden-Württembergischer Bank AG (BW Bank). Doch auch diese scheiterte zunächst. Unter Ministerpräsident Erwin Teufel wurde eine neue Dreierlösung forciert. Südwest LB, LG Landesgirokasse und die Karlsruher L-Bank sollten zum neuen „bärenstarken Institut“ (wie es in der Presse und der Öffentlichkeit lanciert wurde) geformt werden. Zum 1.1.1999 war es soweit, die LBBW entstand: anders als die Bayerische Landesbank, anders als die West LB mit weltweiter Niederlassungs- und Geschäftsfreiheit. Die Ursprungsidee von Landesbanken, die Refinanzierung örtlicher Sparkassen – kommunal getragener öffentlich-rechtlicher Kreditinstitute – hatte damit nur noch teilweise etwas zu tun.

Einmal mehr wurde bei der Fusion als Argument die „Landesidentität“ bemüht, die gestärkt würde; doch letztlich standen deutlich die wirtschaftlichen Motive im Vordergrund. Nach der Zustimmung des Landtages hatte es noch eines weiteren halben Jahres bedurft, bis auch der badische Sparkassenverband (mit Sitz in Mannheim) zugestimmt hatte und die letzten Details geklärt waren. Eine wesentliche Abweichung von ursprünglich einmal angedachten Vereinbarungen stellte die Herauslösung des Fördergeschäfts der L-Bank, mit Verbleib in Karlsruhe, dar.

Gutachter legten fest, dass der zusammen gefasste Unternehmenswert 20,6
Milliarden Mark betragen sollte. Nach Schätzungen war damals die L-Bank in Karlsruhe rund neun Milliarden Mark, die Südwest LB mit Sitzen in Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart 7,5 Milliarden und die Landesgirokasse in Stuttgart (ohne Beteiligungen) sechs Milliarden Mark wert. Die Stärke der L-Bank am Karlsruher Schlossplatz schaffte Spielraum, das Fördergeschäft in einer verbandsunabhängigen und rechtlich selbständigen Bank fortzuführen.

Nach dem im Juni 1998 erzielten Kompromiss waren an dem neuen Bankinstitut zu jeweils 39,5 Prozent das Land sowie die beiden Sparkassen- und Giroverbände und zunächst mit 21 Prozent auch die Stadt Stuttgart – die ja zuvor Hauptanteilseigner der LG war – beteiligt.

Die Harmonisierung der unterschiedlichen Unternehmenskulturen dauerte nach Ansicht von damals Beteiligten drei bis vier Jahre. Es nahm einige Zeit in Anspruch, diese zusammen zu führen. Strittig war und ist seit vielen Jahren die im Jahr 1998 abgegebene Arbeitsplatzgarantie.

Gegenüber dem Personalrat der L-Bank Karlsruhe erklärten die Vorstände der früher selbständigen Banken – für die Südwest LB Werner Schmidt (der später als Vorstandsvorsitzender bei der Bayern LB für Schlagzeilen sorgen sollte), für die LG Landesgirokasse Thomas R. Fischer (einst Deutsche Bank – später West LB), für die L-Bank Hans Dietmar Sauer (der erster gemeinsamer Chef der neuen LBBW wurde) – noch im Sommer 1998, dass die neue Landesbank in den ersten drei Jahren nach dem Fusionszeitpunkt gegen den Willen von Mitarbeitern grundsätzlich keine Versetzungen an andere Standorte vornehmen werde.
Die seit den 70-er Jahren in Karlsruhe beheimatete L-Bank musste am meisten bluten, brachte ihren „Marktteil“ in die Ehe ein und zudem mehr als eine Milliarde Eigenkapital. Die Förderbank selbst wurde formal aufgelöst und vorab, zum 1.12.1998, als Landeskreditbank Baden-Württemberg Förderbank neu gegründet. Sie ist bis heute eine liquide Kasse für den Landeshaushalt geblieben: jedes Jahr aufs neue wird ein Großteil des Gewinns nach Stuttgart abgeführt. Etwa 450 von 1.300 Mitarbeitern der L-Bank am Hauptsitz Karlsruhe wanderten zur neuen Landesbank ab. Eine Dependance gibt es an der Stuttgarter Friedrichsstraße.

Die LBBW, der dynamische Joker der Landespolitik, integrierte im Lauf des Jahres 2005 dann doch noch die einst private BW Bank in den Gesamtkonzern. Die BW-Bank hat innerhalb des Konzerns inzwischen das Kundengeschäft übernommen. Ein normaler Bankkunde, der einst bei der LG ein Konto eröffnete – und später die EC-Karte der LBBW sein Eigen nennen konnte, ist heute Kontoinhaber bei der BW Bank: sofern ihn diese Änderungen nicht störten, und er „bei der Stange“ blieb. Auf EU-Vorgaben zurück gedreht wurde allerdings die Einbindung der ehemaligen Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Baden-Württemberg: zu Jahresbeginn 2012 musste der Bestand von 21.000 Wohnungen privatwirtschaftlich veräußert werden.

Am Hauptsitz Stuttgart, mit eigenen Gebäuden hinter dem Hauptbahnhof in Stuttgart, ist auch der baden-württembergische Sparkassenverband und dessen Präsident beheimatet: weiterhin ein Dreh- und Angelpunkt der Bankenpolitik im Südwesten – in unmittelbarer Nachbarschaft des neu entstehenden Stuttgarter Hauptbahnhofs.

Bilanzvergleich der Fusionspartner zum 31.12.1996

Südwest LB, Mannheim/Stuttgart -  LG Landesgirokasse, Stuttgart -  L-Bank, Karlsruhe/Stuttgart 
Eigenkapital  3,209 Mrd.  1,789 Mrd.  4,25 Mrd. 
Bilanzsumme  207,352 Mrd.  38,497 Mrd.  133,635 Mrd. 
Eigenkapitalquote  1,50% 4,60% 3,20%
Betriebsergebnis  0,5 Mrd.  0,7 Mrd. 0,4 Mrd. ´
Gewinnrate  0,25% 1,09% 0,57%

Nach der Fusion, in den Anfangsjahren: Monetäre Kenngrößen (in Mrd. Euro) im LBBW-Konzern

31.12.98 31.12.99 31.12.00 31.12.01 31.12.02
Eigenkapital  9,17 10,178 11,805 15,463 16,086
Bilanzsumme  221,779 257,04 292,624 300,019 320,454
Jahresüberschuss  0,377 0,43 0,46 0,47 0,31
 

Studie „Baden-Württemberg im Fusionsfieber“

 

Die 181 Seiten umfassende Studie „Baden-Württemberg im Fusionsfieber“ erschien am Institut für Regionalwissenschaft der Universität Karlsruhe, gefördert von der IHK Karlsruhe. Autor ist der Journalist und Dipl.-Verw.Wissenschaftler Stefan Jehle.

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