Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe im Königreich Württemberg

Wilhelm und Napoleon III. besuchen das Cannstatter Volksfest 1846 Foto: LMZ Baden-Württemberg

Die Landwirtschaft in Württemberg

 

Nach dem plötzlichen Tode König Friedrichs folgte ihm sein ältester Sohn König Wilhelm I. Mit seinem Vater hatte er bereits heftige und schwere Konflikte ausgetragen, doch in den letzten Jahren vor dem Tod des Vaters hatten die beiden sich wieder angenähert und miteinander ausgesöhnt.

König Wilhelm musste mit dem Beginn seiner Regentschaft drei grundlegende Bereiche Württembergs reformieren bzw. aufbauen: Die Landwirtschaft, die Industrie und den Handel. Die Landwirtschaft bekam zunächst Priorität: 1815/1816 hatte sich eine große Hungerkatastrophe ereignet, die viele Württemberger zum Auswandern nach Russland und Nordamerika zwang. Die Daheimgebliebenen hatten wenig bis nichts zu essen und starben an Hunger, Erschöpfung und Krankheit. Die Hungerkrise war für den Einzelnen schwerwiegend, im Gesamten dauerte sie aber nicht mehr als ein Jahr bis zur nächsten Ernte. 

 

Das Cannstatter Volksfest


Mit dem Einfahren des ersten Erntewagens, der mit Getreide angefüllt und festlich geschmückt war, feierten die Cannstatter wie die Stuttgarter ein großes Erntedankfest. König Wilhelm nutzte die Gelegenheit  und institutionalisierte dieses Cannstatter Volksfest, das er förderte und um eine landwirtschaftliche Messe, das landwirtschaftliche Hauptfest, ergänzte.

Dabei stand für König Wilhelm nicht das Feiern im Vordergrund, vielmehr sollte die Festlichkeit die Möglichkeit zum Austausch über landwirtschaftliche Fragen schaffen. Insbesondere die Erträge sollten so gesteigert werden, um eine neue Hungersnot in Württemberg künftig zu vermeiden.

Aber eine Kommunikationsplattform im Jahr schien dem König zu wenig. Er suchte weiter nach Wegen die württembergische Landwirtschaft zu verbessern. Schließlich gründete König Wilhelm in Hohenheim die landwirtschaftliche Versuchsanstalt, auf wissenschaftlichem Wege erhoffte sich der König einen lang andauernden Reform- und Modernisierungsprozess.

Die spätere Universität leistet tatsächlich bis heute viel, um eine zeitgemäße, nachhaltige und leistungsfähige Landwirtschaft zu sichern. Dieses Engagement des Königs brachte ihm den Namen "König der Landwirte" ein, den er wohl durchaus mit einigem Stolz getragen haben dürfte.

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Wirtschaft und Infrastruktur

Dr. Friedrich List Foto: LMZ Baden-Württemberg

Aber auch die Bedeutung der Wirtschaft erkannte der König rasch. Die beginnende Industrialisierung wollte der König trotz der damit verbundenen Risiken aktiv nutzen. Seine Strategie sah vor, die Industrialisierung durch staatliche Förderung in Gang zu bringen, gleichzeitig sollte der Handel und das entstehende Gewerbe gefördert werden. Es war Friedrich List, der zuerst die Idee hatte, Württemberg durch Auf- und Ausbau der Eisenbahn zu entwickeln.


Entwicklung und Ausbau der Eisenbahn


Allerdings erschien in Württemberg diese Idee zunächst nicht realisierbar, zu groß waren die damit verbundenen finanziellen und technischen Schwierigkeiten. Man denke nur an den Albaufstieg, die vielen benötigten Tunnels und anderes mehr. Entlang des Neckars entstand die erste Eisenbahnlinie, denn es galt die Betriebe des mittleren Neckartals mit dem stark wachsenden Industriezentrum Heilbronn zu verbinden. Dieses Ziel hatte schon die Schiffbarmachung und Kanalisierung des Neckars verfolgt, ein Projekt das König Wilhelm ebenso verfolgte wie den Ausbau der Straßen. 

Die Förderung der Eisenbahn ermöglichte es dem Land sich infrastrukturell zu entwickeln, bislang war Württemberg kaum erschlossen. Die mutige Entscheidung - trotz immenser finanzieller Aufwendung - ganz auf die Eisenbahn zu setzen, half dem Königreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine führende Position in der mechanischen und chemischen Industrie zu einzunehmen.

Die aktive Industriepolitik König Wilhelms zeigte sich auch im Handel und im Gewerbe. Insbesondere der Beitritt zum Deutschen Zollverein von 1834 brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung für das Gewerbe, viele Zölle wurden abgebaut oder verschwanden gänzlich. Daneben sollten aber auch Handel und Gewerbe staatlich unterstützt und gefördert werden.


Eine glückliche Personalentscheidung des Königs stellte die Weichen: Er berief Ferdinand von Steinbeis 1848 als Leiter der von ihm neu gegründeten königlichen Centralstelle für Handel und Gewerbe. Diese Einrichtung sollte Unternehmensgründungen fördern, indem sie Kredite zur Verfügung stellte, vor allem aber mit kaufmännischem und technischem Wissen half. In dieser gründerzeitlichen Atmosphäre entstanden auch die ersten württembergischen Banken. Zwar gab es Banken vergleichbare Institute schon im 18. Jahrhundert, doch waren sie eher auf die Finanzierung von Handelsgeschäften spezialisiert. Banken, die Geld für Unternehmensgründungen, -modernisierungen und -erweiterungen bereitstellten, entstanden erst jetzt.

 


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Ferdinand von Steinbeis mit Mustermodellen zur Anschauung Foto: LMZ Baden-Württemberg
 

Literaturhinweis

 

Hans-Peter Becht: Badischer Parlamentarismus 1819 bis 1870. Ein deutsches Parlament zwischen Reform und Revolution. Droste Verlag, Düsseldorf 2009. 934 Seiten. ISBN 978-3-7700-5297-4. EUR 98.-

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