Landeskunde Baden-Württemberg

 

Flucht und Vertreibung

Vertreibung von Deutschen aus den Ostgebieten 1945. Foto: Bundesarchiv, wikicommons, CC BY-SA 3.0.

Stefan Jehle

Dieses Dossier, das Flucht und Vertreibung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in den Mittelpunkt stellt – ist ein Versuch: der Versuch, mit dem Fokus auf Deutschland und dem Südwesten, auf Baden-Württemberg, das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ zu beschreiben, mit den konkreten Auswirkungen hierzulande. Vieles kann dabei nur angerissen werden.

„Jahrhundert der Flüchtlinge“

Wenn von Flucht und Vertreibung die Rede ist, denken manche zuerst an aktuelle Kriegsherde: in Syrien und im Irak, vor wenigen Jahren im Sudan, nahe der Sahel-Zone. In den Sinn kommen Tragödien im Mittelmeer, vor Lampedusa, vor der lybischen Küste. Und auch die lange währenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan, oder der Völkermord in Ruanda. Potenziell 60 Millionen Menschen sind derzeit, so UN-Schätzungen, weltweit auf der Flucht, oder hegen solche Absichten.

Flucht und Vertreibung ist jedoch – so sagt die überwiegende Zahl der Experten – nicht „das“ Thema im aktuellen 21.Jahrhundert, sondern war es vor allem im vergangenen Jahrhundert. Das 20.Jahrhundert galt einhellig als „das Jahrhundert der Flüchtlinge“. Nie zuvor hatte es derart weitreichende, und in der Mehrzahl der Ereignisse, erzwungene Völkervertreibungen gegeben. Dies als Völker “Wanderung“ zu bezeichnen, wäre zynisch und beschönigend. Im Mittelpunkt standen damals nicht Afrika, nicht Asien – es fand dies alles mitten in Europa statt. Das Leid und Unrecht, das geschah, das dabei Millionen von Menschen angetan wurde, ist oft durch fadenscheinige Völkerrechtliche Argumente verteidigt – und durch Worte, und Worthülsen, kaschiert worden. Rechtfertigungen gibt es aber dafür kaum.

Der Höhepunkt der Fluchtbewegungen

Dieses Dossier, das Flucht und Vertreibung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in den Mittelpunkt stellt – das einen Versuch macht, mit dem Fokus auf Deutschland und dem Südwesten, auf Baden-Württemberg – das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ zu beschreiben, mit den konkreten Auswirkungen hierzulande, soll das Geschehen einordnen: mit der Ausgangsthese, dass 1945, mit dem Ende des mörderischen Weltkriegs, mit der Befreiung Deutschlands, zugleich der Höhepunkt der Fluchtbewegungen erreicht wurde – und dass der Zustrom an Menschen, insbesondere nach Westdeutschland, auch zugleich als Basis des Wirtschaftswunders gelten kann. Mit allen Verwerfungen, die lange bestehen blieben.

Während des Zweiten Weltkriegs sind schätzungsweise 50 bis 60 Millionen Menschen deportiert worden, zur Zwangsarbeit herangezogen – wurden umgesiedelt, vertrieben oder flohen vor heranrückenden Armeen. Bereits zwischen 1939 und 1944 wurden allein etwa neun Millionen Menschen Opfer der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik – und der, am Ende nur in Teilen zur Umsetzung kommende „Generalplan Ost“ zeigte den Wahnsinn und die Perversion der NS-Politik: für das gesamte Osteuropa war die Vertreibung von 45 Millionen Menschen geplant (Manfred Koch und Sabine Liebig 2010, 58). Innerhalb des Deutschen Reichs waren in der Endphase des Krieges annähernd fünf Millionen Menschen aus ganz Europa zur Zwangsarbeit gezwungen worden (die man später, nach dem Krieg, als „Displaced persons“ bezeichnete). Noch einmal eine ähnlich hohe Zahl von Menschen, überwiegend Reichsdeutsche, waren wegen der Bombenangriffe zeitweilig „evakuiert“ worden, lebten auf dem Land, oder in anderen Teilen des Reichs. Schätzungen gehen sogar von bis zu 10 Millionen zeitweise evakuierten Menschen im gesamten deutschen Reichsgebiet aus (Mathias Beer 2011, 10).

Weitere Wellen von Flucht und Vertreibung

Auf der anderen Seite: das bereits 1944 absehbare Kriegsende löste nach den von den Nazis erzwungenen „Umsiedlungen“ weitere Wellen von Flucht und Vertreibung aus. Zwischen 1944 und 1951 verloren durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung mehr als 12 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den südosteuropäischen Siedlungsgebieten ihre Heimat. Davon kamen rund 8 Millionen Menschen in die amerikanische und die englische Besatzungszone, erst später auch in die südlich gelegenen französisch besetzten Bereiche. Etwa 4 Millionen Menschen kamen in die sowjetisch besetzte Zone, aus der 1949 die DDR entstand.

Die Vertreibung der Deutschen hatten die Alliierten auf den großen Kriegskonferenzen in Teheran (1943), Jalta (Februar 1945) und Potsdam (Juli/August 1945) vorbereitet und beschlossen: was die Exilregierungen der Polen und Tschechen nicht hinderte, bereits unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Mai und Juni 1945 mit so genannten „Wilden Vertreibungen“ vollendete Tatsachen zu schaffen. Dazu kam: nach Gründung der DDR, und insbesondere nach dem gescheiterten Aufstand 1953, strebten auch viele der Menschen, die erst in Ostdeutschland Zuflucht fanden, weiter in den Westen.

Anfänge der Flucht und Vertreibung

Ihre Anfänge nahmen Flucht und Vertreibung, und die späteren fadenscheinigen Versuche der Rechtfertigung jedoch schon im Verlauf des Ersten Weltkriegs. Eine besondere Art des Vorgehens hielt damals schon Eingang in das politische Handeln, das heute im öffentlichen Sprachgebrauch gängig ist als das der „ethnischen Säuberung“, auch wenn das vor 80 oder 100 Jahren oft noch anders umschrieben war.
Das war zugleich das wichtigste Motiv bei Flucht und Vertreibung, bereits seit dem Ersten Weltkrieg. Ob bei der Vertreibung der Deutschen aus Elsass-Lothringen, als die Franzosen ab 1918 die linksrheinischen Gebiete wieder ihr Eigen nannten. Ob bei „dem Bevölkerungstausch“ zwischen der Türkei und Griechenland, nahe der Meerenge des Bosporus, in den Jahren nach 1923. Oder bei alledem was von den Nazis in osteuropäischen Besatzungsstaaten nach 1939 initiiert wurde, und – quasi als „Kettenreaktion“ – sich ab 1944/45 in der Folgezeit dann gegen die Deutschen selbst richtete. Flucht und Vertreibung hatten, damals, meist einen „ethnisch einheitlichen Nationalstaat“ als Ziel; etwas, das in einem vereinten Europa kaum mehr denkbar ist.

Grundmuster

Menschen anderer Sprache, Konfession oder einer anderen nationalen Ethnie siedelte man um, vertrieb, misshandelte oder tötete sie. Das löste nicht erst auf dem Balkan in den Bosnienkriegen der 1990-er Jahre Verwerfungen aus: das war ein Grundmuster im „Jahrhundert der Flüchtlinge“. Das war schon Motiv bei Vertreibung der Armenier, der christlichen Minderheit im einstigen osmanischen Reich, in den Jahren 1909 und 1915. Die Zahl der Opfer dort wird auf mindestens 800000 geschätzt (Mathias Beer 2009, 11). Das galt auch für die wilden Vertreibungen Hunderttausender Griechen aus Kleinasien und Thrakien, 1922/23, ausgelöst durch Mustafa Kemal Atatürk – und die in der Folge weitere zwei Millionen Menschen in Griechenland und im Westen der Türkei zur „Umsiedlung nach geordnetem Statut“ verpflichtete: völkerrechtlich „legitimiert“ durch den im Januar 1923 geschlossenen Vertrag von Lausanne.

Umsiedlungen und Deportationen gab es schon zuvor in Russland und folgten später auch in der Sowjetunion: noch im zaristischen Russland war den lange im Land lebenden deutschen und polnischen Siedlern Binnenwanderung und Landerwerb eingeschränkt worden. Deutsche Kolonisten wurden im Verlauf des Ersten Weltkriegs aufgefordert, diverse Gebiete zu verlassen. In Galizien, und in „Russisch-Polen“, wurden etwa 800000 Deutsche und 600000 Juden zwangsumgesiedelt.

Mit dem stalinistischen Terror ab den 1930-er Jahren wurden Hunderttausende Deutsche, Polen, Letten, Finnen, Iraner und Kurden deportiert. Vergleichbares passierte in den 1939 und 1940 im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes annektierten Gebieten Polens, Rumäniens und des Baltikums: auch hier deportierten die Sowjetmachthaber etwa 1,2 Millionen Menschen ins Landesinnere (Mathias Beer 2009, 13). Nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion wurden zwischen 1941 und 1942 weitere bis zu 1,2 Millionen Deutsche aus der Autonomen Wolgarepublik, aber auch aus anderen Regionen der Sowjetunion, nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Daran schlossen sich quasi nahtlos an die Massendeportationen europäischer Juden durch die NS-Machthaber: mit den ersten Massenerschießungen zur Tötung der Juden ab dem Juni 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, in Litauen. Und – nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 – der systematische Aufbau von Konzentrations- und Vernichtungslagern der Shoah in Auschwitz-Birkenau oder Lublin-Majdanek. Knapp die Hälfte der insgesamt fast sechs Millionen ermordeten Juden wurde in den Vernichtungslagern vergast – die andere Hälfte starb an Misshandlung, Folter, Hunger, oder Massenerschießungen. Der ursprünglich im Nationalstaat wurzelnde Gedanke, durch Trennung und Umsiedlung von nationalen Ethnien „Frieden“ zu schaffen, mündete – besonders beim Genozid an den Juden – in unmenschlicher Perversion.

Rechtfertigung nicht möglich

Diese – etwas längere – Vorrede zu den allgemeinen Zeitumständen seit dem Ersten Weltkrieg, zu den seit mehr als einem Jahrhundert gängigen Praktiken der „ethnischen Säuberungen“, zu Deportation und Vertreibung im „Jahrhundert der Flüchtlinge“ erscheint zwingend notwendig: gerade um die folgenden Kernkapitel unter dem Titel „Flucht und Vertreibung“, das mit dem zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieg 1944/45 vor allem deutsche Staatsangehörige betraf, besser – und vor allem: hinreichend – verstehen zu können.

Es kann keine Rechtfertigung (und auch keine Aufrechnung) geben für erzwungene Deportation und Vertreibung. Weder im Fall der Armenier, im Jahr 1915; noch bei Griechen und Türken im Grenzland „Thrakien“ 1923 – nicht bei den Vertreibungen unter Stalin und Hitler. Und auch nicht bei der Ausweisung von Deutschen aus angestammten Gebieten in Ostpreußen, Schlesien, oder dem Sudetenland ab dem Herbst 1944 und dem folgenden Frühjahr 1945. Es ist und bleibt ein Unrecht: gleich auf welcher Seite der Grenzziehungen es geschehen sein mag.

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Autor

Der Autor dieses Dossiers der freiberufliche Journalist Stefan Jehle.

 
 
 
 

Literatur/ Quellen

 

Literatur/ Quellen

 

Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen – Voraussetzungen, Verlauf, Folgen. Beck Verlag, München 2011, 204 Seiten (Verfasser ist Historiker, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen)


Burk, Henning (Hg.): Fremde Heimat, das Schicksal der Vertriebenen nach 1945, Buch zur ARD-Fernsehserie, Rowohlt Verlag, Berlin 2011, 263 Seiten


Douglas, R.M.: Ordnungsgemäße Überführung, die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, Beck Verlag, München 2012, 556 Seiten (amerikanischer Historiker erarbeitete auf der Grundlage von Quellen des Internationalen Roten Kreuzes die Mitverantwortung der Alliierten)


Grosser, Thomas: Die Integration der Heimatvertriebenen in Württemberg-Baden (1945-1961), Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006, 463 Seiten (Habil.-Schrift an der Uni Mannheim, 2002)


Kossert, Andreas: Kalte Heimat, die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, Siedler Verlag, München 2008, 430 Seiten


Schwartz, Michael: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“, Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945 – 1961, R. Oldenbourg Verlag, München 2004, 1247 Seiten


Koch, Manfred, u. Liebig, Sabine (Hg.): Migration und Integration in Karlsruhe, mit Beiträgen div. Autoren, unter Mitwirkung des Büros für Integration der Stadt und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Veröffentlichung des Stadtarchivs, Band 31, Info Verlag, Karlsruhe 2010, 264 Seiten


Müller, Ulrich (Hg.): Verlorene Heimat – gewonnene Heimat. Die Vertriebenen in Schwäbisch Gmünd und im Ostalbkreis, herausgegeben vom Dezernat 3 und dem Stadtarchiv der Stadt Schwäbisch Gmünd, initiiert von der Arbeitsgemeinschaft „Heimat und Kultur der Vertriebenen aus dem Osten“, Eigenverlag der Stadt Schwäbisch Gmünd, 2016 (2.Auflage), 288 Seiten


Rössler, Helmut (Hg.): Auf zu neuen Ufern, die deutschen Heimatvertriebenen im Altkreis Waiblingen. Aufnahme und Eingliederung, Berichte und Dokumente. Eigenverlag Bund der Vertriebenen, Kreisverband Waiblingen, Druck Michel Backnang, Waiblingen 2002, 149 Seiten


Beer, Mathias (Konzeption und Bearbeitung): Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem, zur Geschichte eines europäischen Irrwegs, Schrift des „Haus der Heimat“, des Landes Baden-Württemberg (Einrichtung zu Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa), Eigenverlag Haus der Heimat, Stuttgart 2009, 96 Seiten


Bendel, Rainer (Hg.): Wie Fremde zur Heimat wurde, Aspekte der Integration – aus
dem Leben bekannter Persönlichkeiten, Schrift des „Haus der Heimat“, des Landes Baden-Württemberg (Einrichtung zu Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa), Eigenverlag Haus der Heimat, Stuttgart 2010, 108 Seiten


Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Ihr und Wir, Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg, Katalog zu „Große Landesausstellung 2010“ – ein Kooperationsprojekt mit dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen. Stuttgart November 2009, 144 Seiten


Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Statistische Analysen - Vertriebene in Baden-Württemberg, Statistische Analysen 9/2004. Stuttgart 2004, 96 Seiten

 
 
 
 
 

 

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