Landeskunde Baden-Württemberg

 

Drei Umstürze im Südwesten

Ausstellungsbutton von 1998. Foto: Stefan Jehle.

Das einstige Großherzogtum Baden verabschiedete vor 200 Jahren die erste Verfassung auf deutschem Boden. Im November 1918, vor ziemlich genau 100 Jahren, endete die Monarchie in Karlsruhe – dort gedenkt man derzeit in gleich mehreren Ausstellungen der runden Jahrestage, und der wechselvollen Geschichte im einstigen Land Baden. Und dabei auch der Studentenbewegung vor 50 Jahren…

Drei Ausstellungen

Das einstige Baden – Teil des heutigen Baden-Württemberg – hatte bei der Entwicklung hin zur Demokratie in mancherlei Hinsicht eine Vorreiterrolle in Deutschland. Hier wurde bereits 1818 die erste konstitutionell orientierte Verfassung verabschiedet. Dennoch sollte es noch einige Zeit dauern, bis Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als die Werte der französischen Revolution von 1789 überall gleichermaßen Anwendung fanden. 1820 gab es in Karlsruhe – mit einem eigenen Gebäude, dem Ständehaus – das erste Parlament auf deutschem Boden. 1848/49 war hier das Zentrum der ersten deutschen Revolution. Die im April 2018 gestartete Ausstellung „Revolution! … für Anfänger/innen“ im Schloss will dazu Fragen beantworten: Wann ist ein Umsturz eine Revolution? Was sind die Grundbedingungen einer solchen Bewegung und woran kann eine Revolution scheitern?


zum Interview mit dem Kurator der Ausstellung Oliver Sänger


Zeitgleich präsentieren zwei weitere Museen in Karlsruhe Ausstellungen zu Reformen und Veränderungsprozessen, die das Land Baden – und Baden-Württemberg – nachhaltig beeinflussten. Im Generallandesarchiv wird aufgezeigt, wie der Weg Badens von der Monarchie zur Republik sich gestaltete: Unter dem Titel „Demokratie wagen? Baden 1818–1919“ wird auf wichtige Zäsuren badischer Geschichte geblickt – auf dem Weg Badens von der Monarchie zur Republik. Dabei erweist sich Baden als das oft zitierte liberale „Musterländle“. Die demokratiegeschichtliche Ausstellung wählt verschiedene Perspektiven: Sie schildert zentrale Ereignisse, bietet aber auch regionale und biografische Zugänge zum Thema – und sie übergeht auch nicht die vielfältigen Widerstände und zahlreichen Gegenspieler, bis hin zur Zerstörung der Demokratie und der Beseitigung der Menschenrechte in der NS–Willkürherrschaft. Die Ausstellung will besonders junge Menschen ansprechen, und dabei Schülerinnen und Schüler in ihrer historischen und politischen Urteilskraft stärken und sie gegen die Einflüsterungen von Demokratiegegnern immunisieren.

Ausstellung im Generallandesarchiv. Foto: Stefan Jehle.

Im Stadtmuseum „Prinz Max Palais“ werden bis Oktober 2018 die Auswirkungen der 1968er Zeit auf Stadt und Region Karlsruhe aufgezeigt. Dabei stellt das Gebäude einen besonderen Ausstellungsraum dar, da es in der Endphase der Monarchie Wohnsitz des badischen Thronfolgers Prinz Max von Baden und mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland ab 1951 bis 1967 erster Sitz des Bundesverfassungsgerichts war. In der Ausstellung geht es um Politischen Aufbruch, um Protest, Aufbegehren gegen die Väter-Generationen und neues Lebensgefühl: Das Jahr 1968 war eine grundlegende Zäsur. Die Ausstellung fragt nach: was war damals eigentlich in Karlsruhe los? Wie entwickelte sich die Bewegung in den 1970er und 1980er Jahren hier weiter? Am Ende der Ausstellung steht die Frage: Was bleibt von 1968?       

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Was der Kurator zu sagen hat

Ausstellungs-Stück Thron-Stuhl - auf einem Haufen Sperrmüll ausrangiert. Foto: BLM Deck.

Wie Sperrmüll türmt sich das einstige Mobiliar zu Barrikaden auf, es gleicht einem Trümmerfeld. Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe präsentiert sich derzeit ganz unorthodox. Es macht den Eindruck, hier sei eine Art Revolution ausgebrochen. Thema der Ausstellung: „Revolution! … für Anfänger/innen“.

Im Interview spricht Museums-Kurator Oliver Sänger über Ideen und Zielsetzungen der eigenwillig arrangierten Präsentation. Diese macht nicht nur die revolutionären Ereignisse 1918/19 zum Thema, auch zahlreiche andere: Von 1848/49 bis zur „Wende“ von 1989, von der Französischen Revolution bis zum Arabischen Frühling kann erlebt werden, was Revolutionen auslöst – oder woran sie scheitern.

 

 

Oliver Sänger, 45: studierte Geschichte, Volkskunde und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Am Badischen Landesmuseum in Karlsruhe ist er seit 2007 tätig im Referat Kunst- und Kulturgeschichte - und als Kurator „normalerweise“ zuständig für die Sammlungsbereiche Mittelalter, Numismatik und Landesgeschichte. Zumindest, wenn er nicht gerade eine Revolutions-Ausstellung kuratiert.

 
 
 
 
Kurator Oliver Sänger. Foto: Stefan Jehle

LpB: Was ist an Karlsruhe so revolutionär?

Vor ziemlich genau 100 Jahren, im November 1918, brach hier die Revolution aus. Die Monarchie wurde abgeschafft. Karlsruhe war ein Mittelpunkt revolutionärer Umtriebe. Das Jubiläum ist der Anlass für die Ausstellung. Auch das Schloss, in dem das Landesmuseum seinen Sitz hat, spielte eine wichtige Rolle bei der November-Revolution. Nach Schüssen auf das Schloss war die großherzogliche Familie geflohen.

LpB: Wie definieren Sie Revolution -  als Begriff, als Vorgang?

Als Ausstellungsmacher mussten wir schon früh festlegen, was wir unter Revolution verstehen. Wir haben uns entschieden, den Begriff relativ eng zu fassen. Für uns ist eine Revolution ein schlagartig sich ereignender politischer Umsturz, der Verhältnisse radikal verändert. In Abgrenzung zu länger wirkenden Prozessen, die man dann eher als Reform bezeichnen würde. Eine Abgrenzung ist natürlich notwendig zu anderen Veränderungen, etwa der industriellen Revolution – oder der digitalen Revolution.

LpB: War 1968 - die Zeit der Studentenunruhen - auch eine Revolution?

Diese Frage hatten wir uns in der Tat auch gestellt. Wir befragten dazu Zeitzeugen, die aktiv mit dabei waren. Die sagten uns, sie hätten da schon viel bewegt, auch viel verändert. In der Gesamtschau muss man aber sagen: das war dann doch keine Revolution. Es gab Einzelne, die einen radikalen Umsturz wollten. Aber das war nicht die Masse. Deshalb ist die 1968er Zeit für uns in der Ausstellung auch kein Thema.

LpB:  Thomas Jefferson, der dritte amerikanische Präsident, sagte mal: Jede gute Demokratie brauche alle 20 Jahre ihre Revolution. Stimmt das aus Ihrer Sicht?

Das glaube ich nicht. Revolution ist schon ein großer Begriff. Da geht es um ein Großereignis. Man sollte auch vorsichtig sein, das Wort zu sehr zu vereinnahmen für zu viele Formen von Veränderungen. Man sollte das beschränken auf die wirklich tiefgreifenden, massiven Umstürze, die es in der Geschichte gab. Und auch weiterhin geben wird. Eine stabile Demokratie, die in der Lage ist Konflikte innerhalb eines Systems auszugleichen und zu Kompromissen zu kommen, braucht keine Revolution.

LpB: Kann man vielleicht sagen, dass in einer Demokratie das Instrument Wahlen immer mal wieder so eine Art Revolution auslöst?

Nein, das sehe ich nicht. Wahlen sind ja eigentlich eher das Gegenteil davon. Eine Revolution bedeutet ja auch immer einen Wechsel des Systems. Ein Wechsel der Regierungsmehrheit – wie etwa 1998 – ist noch bei weitem kein Systemwechsel, wie von der Monarchie hin zur Demokratie, so wie das 1918 der Fall war.

LpB: Der Thronsessel des Großherzogs soll nicht wieder zurück in alte Funktion?

(lacht) Nein, um Gottes Willen. Das wäre ja dann eine Gegenrevolution, oder eine Konter-Revolution. Wir haben in den Vorbereitungen festgestellt: Es gilt als ein Wesensmerkmal einer echten Revolution, dass es einen Weg zurück nicht mehr gibt. Es gab ja bei vielen Revolutionen immer wieder den Versuch der Restauration, dem Weg zurück zum Alten. Aber das war letztlich nie erfolgreich. Irgendetwas ist von jeder Revolution hängen geblieben. Ein eins-zu-eins Zurück gab es nicht mehr.

LpB: Aber auch der Vorzeige-Revolutionär Friedrich Hecker, ausgewandert in die USA, wollte nicht mehr nach Baden zurück, als das Land zusehends liberaler wurde…

Die Zeit 1848 ist ein schönes Stichwort: obwohl die Revolution damals gescheitert war, ist ja auch etwas hängen geblieben. Die Ideen waren da, sie waren präsent, und irgendwann haben diesen die allgemeinen Zeitumstände zum Durchbruch verholfen.

Der Revolutionär Friedrich Hecker. Büste von Johannes Grützke, 2003. Foto: Stefan Jehle.

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LpB: Was sollte man vorher wissen, wenn man die Ausstellung besucht?

Gar nichts. Das ist eine Ausstellung für Anfängerinnen und Anfänger. Selbst wenn man vom Thema Revolution wenig bis gar keine Ahnung hat, kann man hier im Schloss so viele Eindrücke und Informationen mitnehmen, dass man dann nachdenkt und versteht, was eine Revolution ist – und wie eine Revolution funktioniert.

LpB: Was ist an Karlsruhe heute noch revolutionär?

Das ist eine gute Frage. Das ist etwas, was wir mit der Ausstellung vielleicht auch herausfinden können. Mit dem Spiel, das wir in den Räumen hier anbieten, Besucher dabei involvieren, und der Möglichkeit, eigenes revolutionäres Potenzial zu erforschen.

LpB: Um was geht es bei dem Spiel?

Es sind am Eingang der Räumlichkeiten Liegestühle aufgestellt, die aber nur für eine begrenzte Zahl von Personen Platz bieten. Jeder kann für sich überprüfen, in welcher Art und Weise er um einen der Stühle kämpfen – oder aber diesen für einen anderen im Raum überlassen möchte. Am besten sollte man das hier im Schloss vor Ort testen.

LpB: Worauf sollte ein Besucher achten?

Besucherinnen oder Besucher sollten einfach offen sein, sich einlassen auf das Thema. Wir wollen als Ausstellungsmacher Fragen stellen, Alternativen aufzeigen – und geben keine fertigen Antworten. Besucher sollten bereit sein, das von uns konzipierte Spiel zu spielen, eigenes revolutionäres Potenzial zu prüfen, und dabei auch etwas über sich selbst zu erfahren…

Frage: Die Art der Präsentation ist auch ein Stück weit revolutionär. Der Eindruck bleibt, da wurden verschiedene Haufen mit Sperrmüll aufgeschichtet…

Ja, auf jeden Fall (lacht). Das ist schon ein zentrales Bild, das bei einer Revolution entsteht, dass etwas Altes zusammenbricht, vielleicht zusammengeschlagen werden muss, damit etwas Neues entstehen kann. Das haben wir versucht in der Architektur der Ausstellung darzustellen. Um auch dem Besucher einen emotionalen Zugang zu schaffen, einen Eindruck davon, was Revolution sein kann. Ganz praktisch ist es ja so, dass wir Teile der alten Einrichtung, der alten Dauerausstellung im früheren Thronsaal, der sich in diesen Räumen befunden hatte, in diese Inszenierung mit eingebunden haben. Nicht nur den originalen großherzoglichen Thronsessel. Getreu dem Motto: das Alte muss raus, das Alte muss weichen, damit Neues entstehen kann.

Interview: Stefan Jehle

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Ausstellung: Revolution! Für Anfänger*innen

vom 21.April - 11. November 2018

Ort: Badisches Landesmuseum – im Schloss Karlsruhe;

Öffnungszeiten: Di – So, Feiertage 10 – 18 Uhr.

Eintrittspreise inkl. Sammlungen: 6 Euro, ermäßigt 5 Euro, Schüler 50 Cent

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Bewegt Euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe

Sonderausstellung im Rahmen der Europäischen Kulturtage 2018.

vom 27. April - 14. Oktober 2018

Ort: Karlsruhe, Stadtmuseum im „Prinz Max Palais“

Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Kinder bis 12 Jahre frei

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"Demokratie wagen? Baden 1818–1919" - der Weg Badens von der Monarchie zur Republik

vom 11. April - 12. August 2018

Generallandesarchiv Karlsruhe

Eintritt: kostenlos

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