Landeskunde Baden-Württemberg

 
Am 6. Januar kommen die südwestdeutschen Liberalen in Stuttgart zusammen. Seit 1866 ist das Dreikönigstreffen einer der großen parteipolitischen Erinnerungsorte der deutschen Geschichte. Hier ein Foto von der DDP-Fraktion beim Dreikönigstreffen 1930, Gruppenbild der Abgeordneten: Darunter Reinhold Maier, Landesvorsitzender Peter Brückmann, Generalsekretär Albert Hopf, Theodor Heuss, Johannes Fischer, LMZ Baden-Württemberg

Das Stuttgarter Dreikönigstreffen

Vom demokratischen Parteitag zum Symbol liberaler Einheit

Dieter Langewiesche

Wer sich in Deutschland für Politik interessiert, blickt am Dreikönigstag zum liberalen Parteitreffen nach Stuttgart. Diese Tradition reicht zurück bis zum 6. Januar 1866. Begründet wurde sie damals von den württembergischen „Demokraten“ gegen die „Liberalen“. Heute sind diese Trennlinien zwischen Liberalen und Demokraten längst überwunden und vergessen. „Freie Demokratische Partei. Die Liberalen“ – diese Selbstbezeichnung übergreift die politischen Gegensätze, die das reformwillige Bürgertum in den nationalpolitisch entscheidenden Jahrzehnten seit 1848 zutiefst gespalten hatte. Während die meisten Liberalen damals ausschließlich Preußen zutrauten, den ersehnten deutschen Nationalstaat zu erschaffen, konnten sich die württembergischen Demokraten einen Staat unter preußischer Führung nur als zentralistisches Zwangsgehäuse vorstellen.

Im Dreikönigstreffen fanden diese politischen Gegensätze im reformwilligen Bürgertum Württembergs Jahr für Jahr ein großes Publikum. Sie überdauerten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg. 1911 vereinte die Landesversammlung des 6. Januar erstmals Demokraten und Liberale. Erst jetzt, vier Jahrzehnte nach der Gründung des kleindeutschen Nationalstaates preußisch-protestantischer Prägung – als die tiefen Gräben, die er in der deutschen Gesellschaft gerissen hatten, einigermaßen überwunden waren –, konnte der württembergische Dreikönigstag von einem Dokument des nationalpolitischen Zwiespalts zwischen Demokraten und Liberalen zum Symbol ihrer wiedergewonnenen Einheit als „bürgerliche“ Emanzipationsbewegung werden. Er blieb ein Ort der württembergischen Politik.

Einen gemeinsamen südwestdeutschen Liberalismus gab es nicht. Baden und Württemberg gingen unterschiedliche politische Wege – in der Revolution 1848/49, im Jahrzehnt, als das deutsche Kaiserreich entstand, und auch danach. Erst in der Bundesrepublik wurde aus dem Traditionsort der württembergischen Demokraten eine südwestdeutsche Plattform für den deutschen Parteiliberalismus.