Landeskunde Baden-Württemberg

 

Persönlichkeiten

Die folgenden Steckbriefe sollen einen beispielhaften Überblick über bekannte Siedler-Kolonisten und Sowjet-Deutsche Persönlichkeiten geben.

Bekannte Siedler-Kolonisten


Johann Cornies

Johann Cornies. Foto: gemeinfrei

Johann Cornies (1789–1848), deutsch-mennonitischer Kolonist. Er gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Mennoniten in Russland. Mit seinen Eltern und Geschwistern wanderte er 1804 aus der Gegend von Danzig nach Russland aus und ließ sich zwei Jahre später in der Ortschaft Orloff, Molotschnaer Kolonistenbezirk nieder. 1811 erwarb er in Orloff eine volle Wirtschaft, d.h. etwa 70 ha Land. In wenigen Jahren verwandelte Cornies mit großem Geschick sein Anwesen zu einem Mustergut, auf dem er sich intensiv mit Pferde- und Schafzucht, Wald- und Gartenbau beschäftigte. Auf seine Versuche geht etwa die Entstehung einer neuen Kuhrasse, der „Roten Deutschen Kuh“ zurück, die seit 1945 unter dem Namen „Rote Steppenkuh“ bis heute in der Ukraine und in Südrussland sehr verbreitet ist.

Die Regierung erkannte die Bedeutung seiner Tätigkeit und ernannte ihn zum lebenslänglichen Vorsitzenden des 1830 gegründeten „Landwirtschaftlichen Vereins“, der wesentlich zur Förderung von Ackerbau, Viehzucht, Garten- und Gemüsebau, des Forstwesens und des Weinbaues nur in den Mennonitenkolonien, sondern im ganzen Schwarzmeerraum beitrug. Er pflegte enge Kontakte zu ukrainischen und russischen Nachbarn und zu Nogajern – einem nomadisierenden Steppenvolk. Als Beauftragter der Regierung für alle Angelegenheiten der Nogajer hat er ihnen zur Sesshaftigkeit verholfen; u.a. nahm er russische und nogaische „Kronslehrlinge“ auf, die bei ihm die Wirtschaftsweise der Kolonisten erlernen sollten, um in ihren Siedlungen später selbst als Musterwirte tätig zu werden.

Mehrere Reisende, Verwaltungsbeamten und russische Grundbesitzer besuchten seine Musterwirtschaft; der russische Kaiser Alexander I. hielt sich zweimal (1818 und 1825) auf seinem Hof auf.

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Friedrich von Falz-Fein

Friedrich von Falz-Fein. Foto: gemeinfrei.

Friedrich von Falz-Fein (1863–1920), bedeutender Vertreter fünfter Generation der weitverzweigten Familie Falz-Fein kolonistischen Ursprungs. Der Urgroßvater Friedrich Iwanowitsch Fein (1794-1864) gehörte bereits zu einem der größten Gutsbesitzer Russlands; 1890 besaß die Familie über 170.000 ha Land.

Friedrich von Falz-Fein wurde auf dem Familiengut Askania Nova im Taurischen Gouvernement geboren, besuchte das Gymnasium zu Cherson und studierte in Dorpat Medizin (1882-1889). Schon als Kind „konnte er nicht genug von fremden Ländern und Leuten hören, von Tieren und von der Natur“. Nach dem Studienabschluss verwandelte er sein Gut sukzessive in einen der größten Naturschutzparks der Welt. 52 Säugetierarten und 208 Vogelarten wurden dort bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg gehalten. Friedrich organisierte auch Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Expeditionen in die Mongolei bzw. in die Wüste Gobi, um wilde Przewalski-Pferden zu fangen. In Askania Nova* wurden wissenschaftliche Beobachtungen und Kreuzungsversuche durchgeführt. Diese Tätigkeit wird bis heute fortgesetzt. Die Mittel für den Wild- und Tierpark erwarb der Naturliebhaber durch die Zucht von Rasseschafen und -pferden.

1890 gründete Falz-Fein ein naturwissenschaftliches Museum und zeichnete sich auch in anderen Angelegenheiten durch großzügige Wohltätigkeit aus. Im April 1914 besuchte der russische Zar Nikolaus II. sein Gut; in Anerkennung ihrer Verdienste verlieh er der Familie den erblichen Adelstitel.

Die bolschewistische Machtergreifung bedeutete einen gravierenden Einschnitt in Friedrichs Leben: seine Mutter wurde von den Rotgardisten getötet, das Privateigentum beschlagnahmt und Askania Nova verwüstet. 1918 floh er nach Deutschland. Zu Sowjetzeit verweigerte man dem Begründer des weltberühmten Naturreservates gebührende Anerkennung. Erst im unabhängigen ukrainischen Staat wurden seine Verdienste entsprechend gewürdigt. Seit 1994 trägt das Reservat seinen Namen.

Lit.: Woldemar von Falz-Fein: Askania-Nova. Das Tierparadies. Ein Buch des Gedenkens und der Gedanken. Neudamm 1930

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Josef Alois Keßler

Josef Alois Keßler. Foto: gemeinfrei.

Josef Alois Keßler (1862–1933), geboren in der wolgadeutschen Kolonie Louis, Gouvernement Samara. Besuchte Knaben- und Priesterseminar* in Saratow, danach Studium an der katholischen Geistlichen Akademie in Petersburg, die er 1889 mit einer Promotion zum Magister der Theologie abgeschlossen hat. Anschließend Vikar in Saratow, Pfarrer in deutschen Dörfern im Schwarzmeergebiet. 1904 zum Bischof der Tyraspoler Diözese erhoben, die er bis 1918 von Saratow aus leitete.

Er zeichnete sich durch administrative Fähigkeiten aus, unterstützte den Neubau des Seminars, erwarb eine Druckerei zur Herausgabe des Organs der Diözese, des „Klemens“, gründete die zweiwöchige Beilage „Deutsche Rundschau“, die sich mehr den wirtschaftlich-politischen Fragen wirdmete. Er spendete während seiner Amtszeit 75 000 Personen die Firmung und weihte 31 Kirchen. Wegen Anfeindungen der neuen bolschewistischen Machthaber wurden der Bischofsitz und das Seminar 1918 nach Odessa verlegt. Im Januar 1920 verließ er endgültig das Sowjetrussland und hielt sich noch einige Zeit lang in Krasna, dem einzigen katholischen Dorf in Bessarabien, das seit 1918 zu Rumänien gehörte. Mit Pfarrer Nikolaus Maier trat er im Januar 1922 die Reise in die USA an, und sammelte dort unter den ausgewanderten russlanddeutschen Katholiken für $ 32 000 Lebensmittel, die den hungernden Landsleuten über die amerikanische Hilfsorganisation ARA zugutekamen. Nach der Amerika-Reise zog sich der Bischof in das Kloster der Marienschwestern in Zinnowitz an der Ostsee zurück, wo er auch verstarb. 1929 verzichtete er auf die Diözese und wurde von Papst Pius XI. zum Erzbischof von Bosporus am 23. Januar 1930 erhoben.

Lit.: Joseph Schnurr: Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen. Katholischer Teil. 2., überarb. u. erweiterte Auflage. Stuttgart 1980, S. 312-313.

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August Lonsinger

August Lonsinger (1881–1953), wolgadeutscher Schriftsteller, Publizist, Pädagoge, Schulbuchautor und Volkskundler. Geboren in Mühlberg(Schtscherbakowka), Kreis Kamyschin, Saratower Gouvernement in einer Lehrerfamilie. Seine Jugend verbrachte er in der Zentralsiedlung Grimm (Lesnoj Karamysch), wo er die dortige Zentralschule* mit Auszeichnung absolvierte. Eine Zeitlang arbeitete er als Schulmeister in deutschen Dörfern, eher er als Gymnasiallehrer für Deutsch in Zarizyn (bis 1910) und Saratow tätig wurde.

Verfasste unter dem Pseudonym Kol’nijer zahlreiche Reportagen, Skizzen, Erzählungen, die in der liberalen Saratower „Deutschen Volkszeitung“** veröffentlicht wurden. Autor des ersten Romans aus dem Leben der Wolgadeutschen „Nor net lopper g’gewa!“ [mundart.: Nur nicht locker lassen], Saratow 1911. Verfasser von Schulbüchern und Lehrerbeiheften. Nahm an den Vorbereitungen zum 150. Jubiläum der Einwanderung der Deutschen an die Wolga 1913-14**** und an der nationalen Bewegung der Jahre 1917-18 aktiv teil. Musste während des Ersten Weltkrieges Hausdurchsuchungen, Berufsverbote und Beschuldigungen als „Germanophiler“ über sich ergehen lassen. 1915-17 als Soldat an der russisch-türkischen Front. Nach dem Kriegsende Lehrer an der Deutschen Schule in Saratow und Lektor an der Saratower Universität. Seit 1926 Inspektor des Volkskommissariats für Bildungswesen der Wolgadeutschen Republik mit Wohnsitz in der Hauptstadt Pokrowsk/Engels, wovon er drei Jahre später nach Saratow zurückkehrte.

1935 verhaftet und nach Kasachstan verbannt, durfte er 1938 wieder an die Wolga zurückkehren. Nach der Zwangsaussiedlung 1941 war er in der Buchhaltung einer Kolchose tätig und verstarb in der Stadt Ushur, Region Krasnojarsk in Sibirien.

Lit.: (Auswahl): Praktische deutsche Sprachlehre für Volksschulen. Teil 1: Laut und Silbe; Teil 2: Das Wort; Teil 3: Der Satz. Saratow 1911-1913 (zusammen mit Johannes Brendel); Hüben und drüben. Erlebnisse eines deutschen Wolgakolonisten [in den USA]. Saratow, 1914; Mathematik in den Schulen der 1. Stufe (Hilfsbüchlein). Moskau 1924; Unser Buch: Für die Werktätigen der wolgadeutschen Republik zur Erlernung der deutschen Sprache. Pokrowsk etc. 1930; Sachliche Volkskunde der Wolgadeutschen. Siedlung, Obdach, Nahrung, Kleidung. Victor Herdt (Hg.). Remshalden 2004 [Nachdruck des Manuskripts aus dem Jahr 1925].

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Iwan (Johann) Michaelis

Iwan (Johann) Michaelis (1874–1917), Berufsoffizier, erster General aus der Mitte der Kolonisten (1915).

Geboren in der wolgadeutschen Siedlung Messer (Ustj-Salicha), Gouvernement Saratow in der Familie eines Dorfschreibers. Früh verweist, absolvierte er mit finanzieller Unterstützung der älteren Brüder das Gymnasium in Zarizyn mit Auszeichnung und trat 1893 in den Militärdienst ein. Absolvierte die Nikolaewer Akademie des Russischen Generalsstabs (1902), Kapitän (1904). Nahm am russisch-japanischen Krieg 1904-1905 teil und diente danach mehrere Jahre im Omsker Militärbezirk, u.a. als Chef des Stabes der 5. Sibirischen Infanteriedivision. Oberst seit Dezember 1910. Im Ersten Weltkrieg übernahm Michaelis das Kommando über das 15. Sibirische Infanterieregiment. Wegen herausragender Leistung während der Kämpfe um die Stadt Przasnysz (Russisch-Polen) mit Orden ausgezeichnet und am 21. Mai 1915 zum General-Major befördert. Die letzten fünf Monate vor seinem plötzlichen Tod am 24. Januar 1917 (Herzkrampf) Chef des Stabes des 35. Armeekorps. Am 3. Februar beigesetzt in Saratow. Träger mehrerer Orden und Medaillen. Eheschließung mit der Krankenschwester Lydia Wassiljewa, die ihn während des russisch-japanischen Krieges verwundet gerettet hat. Übertritt zum russisch–orthodoxen Glauben.

Lit.: Russische Armee im Großen Krieg. Michaelis Iwan Andrejewitsch

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Jakob Stach

Jakob Stach (1865–1944), ev.-luth. Pfarrer, gehörte zu den herausragendsten Persönlichkeiten der Deutschen im Schwarzmeergebiet.

Stach wurde in einer wohlhabenden Bauernfamilie in der Kolonie Grunau, etwa 50 km von der Stadt Mariupol im Gouvernement Jekaterinoslaw geboren. 1883-88 studierte er an der Basler Missionsanstalt und diente danach in mehreren Pfarrbezirken. Überall engagierte er sich stark für die geistig-kulturellen Belange seiner Landsleute, verfasste zahlreiche Beiträge zu historischen, kirchlichen und kulturellen Fragen, darunter das bedeutende Werk „Die deutschen Kolonien in Südrussland. Kurzgefasste Studien und Bilder über das erste Jahrhundert ihres Bestehens, 1904“. Er war die treibende Kraft bei der Gründung des „Südrussischen deutschen Bildungsvereins“ im Oktober 1905 in Odessa.

Im I. Weltkrieg setzte er sich aktiv gegen die antideutsche Stimmungsmache und die Absichten der Regierung ein, den deutschen Landbesitz zu liquidieren, und publizierte in Moskau auf Russisch eine viel beachtete historisch-statistische Untersuchung, in der u.a. Staatstreue und patriotische Taten der deutschen Siedler aufgezeigt wurden. Wegen einer Denunziation als „österreichischer Spion“ sah er sich gezwungen, nach Sibirien zu ziehen, und betreute dort den Pfarrbezirk Slawgorod im Altai bis 1921. Ein Jahr später reiste Stach nach Deutschland, um zum einen der bolschewistischen Bedrängung der Kirche zu entgehen und zum anderen um Hilfe – u.a. in Nordamerika – für die unter der Hungers- und allgemeinen Not leidenden Siedler zu organisieren. Einige Jahre wirkte er in Berlin im Fürsorgeverein für deutsche Rückwanderer und übernahm später bis zur Pensionierung Pfarrstellen in Blüthen und Berge, beide in Brandenburg.

Seine antibolschewistische Einstellung führte nach 1933 dazu, dass er dem NS-Regime unkritisch gegenüberstand. Er war auch in Deutschland publizistisch und schriftstellerisch bis ins hohe Alter tätig.

Lit.: (Auswahl): Die deutschen Kolonien in Südrussland. Kulturgeschichtliche Studien und Bilder über das erste Jahrhundert ihres Bestehens. Band 1. Prischib, 1904 [Reprint: Hildesheim: Olms-Verlag 2009 in der Reihe: Rara zum deutschen Kulturerbe des Ostens];Christian Kugler: Großliebental. Leipzig 1939 (Sammlung Georg Leibbrandt; 1); Grunau und die Mariupoler Kolonien. Materialien zur Geschichte deutscher Siedlungen im Schwarzmeergebiet. Leipzig, 1942 (Sammlung Georg Leibbrandt; 7).

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Andreas Widmer

Andreas Widmer (1856–1931), Bauernpolitiker, Abgeordneter der russischen Reichsduma und des rumänischen Parlaments. Geboren wurde Widmer in der bessarabischen Kolonie Wittenberg. Nach dem Abschluss der Zentralschule diente er mehrere Jahre als Dorf- bzw. Amtsbezirksschreiber in Tarutino, was ihm nicht nur gute Kenntnisse der Landessprache, sondern auch ein vertieftes Verständnis für Gesetze und Verordnungen brachte. Von 1881-1916 war er ununterbrochen Mitglied der Akkermanner Landschaft (Semstwo), des ländlichen Selbstverwaltungsorgans, und bekleidete dort seit 1907 den Posten eines Ehrenfriedensrichters. Seine tadellose Amtsführung fand eine breite Unterstützung auch bei anderen Völkern in dieser multinationalen Region, mit deren Stimmen er 1906 zum Abgeordneten der I. Reichsduma, des russischen Parlaments wurde. Unter seinem Vor- und Vatersnamen „Andrej Andrejewitsch“ in Bessarabien und weit darüber hinaus allbekannt und geachtet, erhielt Widmer zahlreiche staatliche Ehrungen und Auszeichnungen. 1913 konnte unter seiner maßgeblichen Beteiligung eine Gesetzvorlage vereitelt werden, die den deutschen Siedlern in diesem Gouvernement das Pachten und Erwerben von Landstücken zu verbieten beabsichtigte.

Nach der Einverleibung Bessarabiens 1918 durch Rumänien vertrat Widmer einige Jahre in Bukarest als Parlamentsabgeordneter den Akkermaner Bezirk. Durch seine Sachkenntnisse konnte er den deutschen Bauern bei der in den 1920er Jahren durchgeführten Agrarreform nützliche Dienste erweisen.

Lit.: Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der deutschen Kolonien in Bessarabien, in: Jahrbuch des „Landwirt“ 2(1914), S. 132-142

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Sowjet-Deutsche Persönlichkeiten


Wladimir Bauer

Wladimir Bauer (1946-2007), russischer Politiker, Dr. paed. Im Gebiet Tomsk, Sibirien, in einer Familie verbannter Schwarzmeerdeutscher geboren,  absolvierte er eine technische (1977) und pädagogische (1980) Hochschule. Seit Ende der 1980er Jahre Beginn der politischen Laufbahn, u.a. als Stellvertreter des Gouverneurs des Tomsker Gebiets, Abgeordneter des russländischen Parlaments, der Staatsduma (1993-96), in der er den Ausschuss für organisatorische Fragen leitete. 1997-1999 amtierte Bauer als Stellvertreter des Ministers für regionale und Nationalitätenfragen.

Gleichzeitig aktive Teilnahme an der nationalen Bewegung: Mitbegründer und erster Vorsitzender der Gesellschaft „Wiedergeburt“ im Gebiet Tomsk (1990), Mitglied der deutsch-russischen Regierungskommission zu Fragen der Russlanddeutschen und Leiter des Departements der Russlanddeutschen im Nationalitätenministerium. Schließlich war Wladimir Bauer 1997-2003 Vorsitzender der Föderalen Nationalen Kulturautonomie (FNKA) der Russlanddeutschen. Seine wiederholten Versuche, die FNKA aus der politischen Bedeutungslosigkeit zu einer schlagkräftigen Interessenvertretung der deutschen Minderheit auszubauen, u.a. mit gesicherter parlamentarischer Vertretung, scheiterten am Unwillen des russländischen Gesetzgebers.

Lit.: Bauer V.: Rossijskie nemcy - 60 let posle deportacii. God 2001 [Russlanddeutsche - 60 Jahre nach der Deportation. Das Jahr 2001]. Moskau 2003, S. 332-333; Umer Vladimir Bauer [Wladimir Bauer ist verstorben], in: Neues Leben Nr. 10/2007, deutsche Übersetzunghttp://www.ornis-press.de/wladimir-anatoljewitsch-bauer-verstorben.638.0.html (letzter Zugriff am 15. Dezember 2013)

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Therese Chromowa

Therese Chromowa (auch unter dem Nachnahmen Fransen bzw. ihrem Mädchennamen Schilke bekannt, 1919-2004), herausragende Vertreterin der deutschen Autonomie- und Ausreisebewegung der 1950er-70er Jahre. Geboren in der deutsch-lutherischen Siedlung Berestowo im ukrainischen Donbass, ging sie 1935 nach Engels, ASSRdWD, um an der dortigen Pädagogischen Hochschule zu studieren. 1941 wurde sie in die Region Krasnojarsk, Sibirien deportiert. Sie musste, allein mit zwei Kindern und ihrer betagten Mutter zurückgelassen, die Verurteilung ihres Mannes zu zehn Jahren Straflager und schwere körperliche Arbeit ertragen. Da ihre Zeugnisse in den Kriegswirren verloren gingen und keine Duplikate im Archiv der einstigen Wolgarepublik vorhanden waren, belegte sie 1958-61 ein Fernstudium am Pädagogischen Institut in Tomsk. Teilnahme am ersten Nachkriegsreffen der deutsch schreibenden Literaten in Krasnojarsk. Seit 1957 mehrere Briefe an das und persönliche Vorsprachen im ZK der KPdSU, um die vollständige Rehabilitierung der deutschen Minderheit zu erwirken. 1962-67 als Dozentin für Deutsch an der Universität in Frunse (Bischkek) in Kirgisien tätig und aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Delegationen der Jahre 1965 und 1967 nach Moskau betr. der Wiederherstellung der Deutschen Republik beteiligt. Nach dem Scheitern der Autonomiebemühungen kämpfe sie für das Recht der freien Ausreise nach Deutschland und war Mitverfasserin der wegweisenden Samisdat-Schrift „Von dem Gedanken über die Autonomie zum Gedanken über die Emigration“, Mai 1973. Ein Jahr später erfolgte die Abschiebung in die Bundesrepublik.

Lit.: Therese Fransen: Mein Lebenslauf, ca 1975. Manuskript, Original befindet sich bei der Tochter Nelli Iwlitschew, Bad Rappenau – Kopie im Besitz d. Verf.; Therese Schilke: „In und zwischen zwei Welten“, eine Artikelserie in der zweisprachigen Zeitung „Diplomatischer Kurier/Russlanddeutsche Allgemeine Zeitung“ (Hamburg), Jg. 2003.

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Peter Johann Dyck

Peter Johann Dyck (1884-1937), bekannter Ingenieur mennonitischer Herkunft, Erbauer des ersten sowjetischen Mähdreschers (Kombine). Geboren in der Siedlung Osterwick, heute im Gebiet Saporoshje, Ukraine. Nach dem Abschluss der Volks- und Zentralschule studierte er 1906-08 an der renommierten Zwickauer Ingenieurschule für Maschinenbau und Elektrotechnik. Nach dem erfolgreichen Abschluss verweilte Dyck noch ein Jahr in Deutschland, um Erfahrungen in den dortigen Maschinenbauwerken zu sammeln. Nach der Rückkehr arbeitete er mehrere Jahre als Ingenieur bzw. Chefingenieur in einer der größten russischen Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen „Gesellschaft Abram Koop“ in Alexandrowsk (seit 1921 Saporoshje). Nach der bolschewistischen Machtergreifung 1917 und Verstaatlichung rückten 1923 mehrere Vorkriegsfirmen, u.a. auch die ehemalige A. Kopps Fabrik, zu einem Produktionswerk „Kommunarde“ zusammen, in dem Dyck ebenfalls als Chefingenieur tätig war. Unter seiner Leitung entwickelte und produzierte das Werk den ersten sowjetischen Mähdrescher gleichen Namens „Kommunarde“; bis Oktober 1934 wurden davon insgesamt 18.507 Stück gebaut. Für diese Leistung wurde Dyck im September 1931 die höchste Auszeichnung, der Lenin-Orden verliehen. Das hat ihn aber nicht vor Repressalien geschützt. Am 8. April 1937 wurde er verhaftet und einige Monate später erschossen. 1958 vollständig rehabilitiert.

Lit.: Archiv der Westsächsischen Hochschule Zwickau, Matrikelbuch der Ingenieurschule Zwickau von 1903-1909, lfd. Nr. 939; Helmut T. Huebert: 1937. Stalins year of terror. Winnipeg (Canada) 2009, p. 214-216.

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Andre Geim

Andre Geim (eigentlich Andrej Heim, geb. 1958), bekannter Physiker, der 2010 für seine bahnbrechenden Forschungen an Graphen zusammen mit Konstantin Nowoselow den Nobelpreis für Physik erhielt. Er besitzt die britische und niederländische Staatsangehörigkeit. Sein Vater Konstantin Heim (1910-1998) wuchs als Sohn des Schulmeisters Alois (Alexander) Heim in der wolgadeutschen Ansiedlung Kamenka auf, studierte Physik und war in den 1930er Jahren Lektor an der Deutschen Landwirtschaftlichen Hochschule in Engels und Dozent an der Saratower Universität. Er wurde 1941 nach Sibirien deportiert und leistet Zwangsarbeit im Gebiet Molotow (Perm). Als Sondersiedler arbeitete er später in einem Elektrowerk in Nowosibirsk und heiratete dort Nina Beier aus der Ukraine. Konstantin Heim war von 1964 bis zu seiner Pensionierung als leitender Ingenieur im Elektrovakuumwerk tätig, dem größten Betrieb von Naltschik, Kabardino-Balkarische ASSR im Nordkaukasus.

Andrej Heim besuchte in Naltschik die Schule mit vertieftem Englischunterricht, belegte zusätzlich Kurse in Mathematik und Physik und erlangte die Hochschulreife mit besten Noten (Goldmedaille). Nach dem glänzenden Abschluss 1982 des Moskauer Physik-Technischen Institut wurde er in das Institut für Festkörperphysik der Akademie der Wissenschaft der UdSSR aufgenommen und 1987 dort auch promovier. 1990 nutzte Heim die sich auftuende Gelegenheit und ging mit einem Stipendium an die Universität Nottingham, England. Weitere Stationen seiner wissenschaftlichen Laufbahn waren Universitäten in Bath, Kopenhagen und Nijmegen. Seit 2001 lehrt und forscht er an der Universität Manchester. 2009 bekam A. Heim den hoch dotierten Körber-Preis.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk unterstrich der Nobelpreisträger: „Zum ersten Mal wurde ich Russe genannt, als ich nach England kam. Meine Eltern sind Deutsche, mein Name ist deutsch, ich habe deutsche Vorfahren, und bis zum Alter von sechs oder sieben war Deutsch meine Muttersprache; heute beherrsche ich es nicht mehr. Ich betrachte mich als Globetrotter.“

Seine Eltern und die Familie des Bruders Walter leben seit 1997 im sächsischen Coswig.

Lit: Fic A. [Alexander Fitz]: Raduemsja za Andreja i me?taem o vnukach [Wir freuen uns für Andrej und träumen über Enkel], in: Russkaja Germanija (Berlin) Nr. 42 v. 25. Oktober 2010 (letzter Abruf am 6. Januar 2014)Klaus Herbst: Die Entdecker des Wunderstoffs. Ein Porträt der Physik-Nobelpreisträger Andre Geim und Konstantin Novoselov, 5. Oktober 2010 (letzter Abruf am 3 Januar 2014).

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Natalia Gellert

Natalia Gellert (1953), sowjetische und kasachische Politikerin. Sie wurde in der Stadt Kasalinsk, Gebiet Ksyl-Orda geboren. Die Eltern zogen noch vor dem Krieg in die Nähe Moskaus, von wo aus sie 1941 nach Südkasachstan deportiert wurden. Später siedelte die Familie nach Nordkasachstan über. 1977 absolvierte Gellert die höhere landwirtschaftliche Fachschule (technikum) und arbeitete bis Ende der 1980er Jahre als Traktoristin im Gebiet Zelinograd, Kasachstan. Schon früh wurde sie durch ihre Siege bei internationalen Wettkämpfen im Pflügen mit schweren Traktoren bekannt. Sie gehörte zu den wenigen „Vorzeigedeutschen“ in der einstigen UdSSR, die auch wegen ihrer Ehe mit einem gebürtigen Kasachen öffentlich gelobt und gefördert wurde: sie war Deputierte des Obersten Sowjet der UdSSR (1979-89) und Kandidatin bzw. Mitglied des ZK der KPdSU (1986-1990), bekam Lenin-Orden, einige Ehren-Titel und zahlreiche weitere Auszeichnungen. 1988-89 unterstützte sie vorsichtig die Forderungen ihrer Landsleute nach einer territorialen Autonomie. 1990 absolvierte sie in einem Fernstudium das Zelinograder landwirtschaftliche Institut. Nach der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit Kasachstans studierte sie an der Diplomatischen Akademie in Russland und trat danach in den diplomatischen Dienst ein, u.a. war die ehemalige Traktoristin als zweiter Sekretär der kasachischen Botschaft in Bonn (1994-98) und als erster Sekretär der Botschaft in Weißrussland tätig. 2007-2011 war sie Parlamentsabgeordnete. In einem Interview gab sie freimütig zu, dass sie sich „mehr als Kasachin denn als Deutsche“ fühle.

Lit.: Tatjana Bang: Ein Mädel vom Planeten Neuland [über N. Gellert], in: Heimatliche Weiten (Moskau) 1/1981, S. 193-212; http://www.zakon.kz/person/1129 (letzter Zugriff am 4. Februar 2014)

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Jakob Gering

Jakob Gering (a. Gäring bzw. Häring, 1932-1984), einer der bekanntesten Landwirtschaftsleiter in der Sowjetunion, Vorsitzender der rentabelsten Kolchose in Kasachstan, Dr. Agr., „Held der sozialistischen Arbeit“ (1966), Abgeordneter des Obersten Sowjets der UdSSR (1974-1979), Träger von Staatspreisen. Gering wurde in der Winzersiedlung Luxemburg (ehem. Katharinenfeld) in Georgien geboren und 1941 nach Kasachstan deportiert. Sein Vater war bereits 1938 verhaftet, die Mutter musste im Krieg Zwangsarbeit fern der Familie leisten. Eine Zeitlang arbeitete Gering in Kohlengruben in Karaganda, verspürte aber Bildungsdrang und schloss 1956 ein veterinärmedizinisches Technikum ab. Seit 1959 stand er der Kolchose „30 Jahre Kasachstans“ im Gebiet Pawlodar vor. Mit Hilfe von Bewässerungsanlagen und Rassezüchtung von Milchkühen legte er den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebes. Guten Absatz fanden Erzeugnisse aus mehreren Tierfarmen und Gewächshäusern, aus der eigenen Ziegelei, der Mineralwasser- und Wurstfabrik. Die Kolchose erwirtschaftete Millionenüberschüsse. In der Zentralsiedlung Konstantinowka, 1907 von deutschen Übersiedlern aus dem Schwarzmeergebiet gegründet, befanden sich neben einem modernen Krankenhaus eine wissenschaftliche Versuchsstation, eine Musikschule, ein landwirtschaftliches Technikum und ein in der Sowjetunion einmaliger Dorf-Zoo. Gering war ein selbstbewusster Mensch: Er ließ im Dorf ein Heimatmuseum einrichten und unterstützte Tatkräftig das 1974 gegründete und später der ganzen UdSSR bekannte Folkloreensemble „Ährengold“.

Lit.: Fomenko, I.: Krovzemli [Blut der Erde]. Moskau 1986; Plotnikov Ju.: Preodolenie [Überwindung], in: Prostor (Almaty) 5/2004.

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Jakob Hummel

Jakob Hummel (1893-1946), einer der Begründer der archäologischen Wissenschaft in Aserbaidschan. Geboren in der Kolonie Helenendorf, heute Stadt Göygöl, studierte er in Tiflis (Tbilissi) Naturwissenschaft an dem dortigen Lehrerinstitut. Seit 1921 war er in seinem Geburtsort als Lehrer tätig und baute gleichzeitig das örtliche Heimatkundemuseum auf, das 1927 eröffnet und zu dem bekanntesten seiner Art in der Sowjetunion wurde. 1923-24 unternahm er im Auftrag des republikanischen Bildungsministeriums eine Studienreise nach Deutschland. Ab 1930 beschäftigte er sich wissenschaftlich mit der frühen Geschichte Aserbaidschans und führte umfangreiche Ausgrabungen durch. 1933 Verhaftung und nach sechsmonatiger Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuß. 1936 ist er zum korrespondierten Mitglied des Instituts für Kaukasuskunde der Akademie der Wissenschaft Aserbaidschans gewählt. Jakob Hummel ist Verfasser mehrerer Monographien und Aufsätze in russischer und deutscher Sprache. Im Jahre 1941 wurde er zusammen mit anderen Kaukasusschwaben nach Kasachstan deportiert. Im Gebiet Akmolinsk verstarb er nach langer schwerer Krankheit.

Lit.: Jakob Hummel jun.: Jakob Hummel – das Schicksal eines deutschen Archäologen in der UdSSR, in: VadW 1/1993, S. 14; Eva-Maria Auch (Hrsg.): Leben und Wirken von Jacob J. Hummel und das ehemalige Heimatkundliche Museum von Chanlar in der Republik Aserbeidschan. Greifswald 1999, v.a. S. 7-9.

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Johannes Schwab

Johannes Schwab (1888-1938), wolgadeutscher Politiker und Staatsmann, stammte aus einer Bauernfamilie. Absolvierte die Zentralschule in Grimm und war seit 1908 Dorflehrer. Im Ersten Weltkrieg diente im Kaukasus an der türkischen Front, beteiligte sich aktiv als einer der wenigen deutschen Bolschewiki an der Errichtung der Sowjetmacht im Wolgagebiet. Von 1924 bis 1930 stand er an der Spitze des Staatsapparats, dem Zentralvollzugskomitees (ZVK) der ASSRdWD. In seiner Tätigkeit trieb Schwab die Einführung und Verbreitung des Deutschen als Medien-, Bildungs- und Amtssprache voran, setzte die Gründung der ersten Hochschule in der Wolgarepublik, des Deutschen Pädagogischen Instituts durch.

Er unterstützte tatkräftig die heimische Intelligenz, u.a. die Forschungstätigkeit des bekannten Sprachwissenschaftlers Prof. Georg Dinges sowie des Archäologen Paul Rau und war selbst Mitglied der „Gesellschaft für wissenschaftliche Erforschung der Wolgadeutschen Republik“. Während des mehrwöchigen offiziellen Besuchs in Deutschland im Frühjahr 1926 trat Schwab für engere Beziehungen zwischen beiden Seiten im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich auf: „Deutschland als ein erstklassiger Kulturstaat kann in dieser Hinsicht viel nachahmenswertes und Vorbildliches bieten“. Im Zuge der wachsenden Stalinisierung der Gesellschaft wurde er im Juni 1930 seinen Posten enthoben, einige Jahre später verhaftet und 1938 als Volksfeind erschossen. Zu Chruschtschow-Zeit rehabilitiert.

 Lit.: Vorsitzender des ZVK der ASSRdWD [Lebenslauf von Johannes Schwab], in: Nachrichten (Pokrowsk), Nr. 41 vom 20. Februar 1924; Der deutsche Kolonist (Neuhof, Kreis Teltow), 3/1924, S. 51; Was der Vorsitzende des Zentr.-Vollz.-Komitees Gen[osse]. Schwab von seiner Reise nach Deutschland erzählt, in: Nachrichten, Nr. 55 vom 9. Mai 1926; Johannes Schwab: Über die deutsche Sprache in den Anstalten der Wolgadeutschen Republik, in: ibid., Nrn. 137-142 vom 21.-26. Juni 1927.

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Boris Pilnjak

Boris Pilnjak. Foto: geimeinfrei

Boris Pilnjak (eigentlich: Bernhard Wogau, 1894–1938), berühmter russisch-sowjetischer Schriftsteller wolgadeutscher Herkunft. Sein Vater Andrej (Heinrich) Wogau (1867–1944) wurde in der deutschen Siedlung Katharinenstadt an der Wolga geboren. Er studierte Veterinärmedizin in Dorpat (heute Tartu in Estland) und diente anschließend als Semstwo-Arzt in mehreren Provinzstädten. A. Wogau heiratete Olga Sawinowa (1872–1940) aus einer russischen altgläubigen Kaufmannsfamilie in Saratow. 1918 Rückkehr an die Wolga, lebte anschließend in Pokrowsk/Engels und in Saratow. 1941 wie alle Deutschen deportiert. Gestorben in kasachischer Verbannung.

Boris Pilnjak kam in der Provinzstadt Moschajsk, Gouvernement Moskau zu Welt. Nach den damaligen Gesetzen wurden Kinder aus gemischtkonfessionellen Ehen mit einem orthodoxen Partner automatisch Mitglieder der Russisch-Orthodoxen Kirche und mussten entsprechend erzogen werden. 1915, während der antideutschen Kriegshetze, legte der geborene Bernhard Wogau sich den russisch klingenden Vor- und Nachnamen Boris Pilnjak zu. Erste literarische Versuche stammten aus der Vorkriegszeit. Das erste Buch kam 1918 heraus; weltberühmt machte ihn der 1922 erschienene Roman „Das nackte Jahr“ über den russischen Bürgerkrieg, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Es folgten weitere Großerzählungen und Romane, u.a. „Maschinen und Wölfe“ (1925), „Die Geschichte vom nichtausgelöschten Mond“ (1926) oder „Die Wolga fällt ins Kaspische Meer“ (1930), die Pilnjak zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller in der Sowjetunion machten. Er ist viel gereist, war u.a. in Deutschland, Griechenland, China, den USA und Japan und verarbeitete dies in seinen Büchern. Seit Ende der zwanziger Jahre wurde er zunehmend als apolitischer und sowjetfremder Literat kritisiert und ausgegrenzt. Vergeblich hat er in seinen letzten Lebensjahren versucht, sich an die ideologischen Vorgaben anzupassen. Im Oktober 1937 wurde er verhaftet und einige Monate später als „japanischer Spion“ erschossen. 1956 post mortem rehabilitiert.

Wolgadeutsche Motive nehmen in seinem Schaffen und literarischen Nachlass einen wichtigen Platz ein. Besonders die Aufenthalte in Marxstadt – bis 1919 Katharinenstadt – bei der Großmutter Anna Wogau (1847–1931), die übrigens kein russisch sprach, haben ihn nachhaltig geprägt. Bereits 1919 veröffentlichte er die Erzählung „Nicht Russlands Geist – hier riecht es nicht nach Russland“, die der wolgadeutschen Thematik gewidmet ist und zahlreiche Sätze auf Deutsch enthält. In mehreren Werken geht er immer wieder auf die katastrophale Hungersnot der Jahre 1921-22 ein. Die Stadt Marxstadt, damals das Zentrum des wolgadeutschen Gebiets, nennt er „Sterbstadt“.

Vor allem die 1927 unternommene zweiwöchige Reise nach Saratow, Pokrowsk (das spätere Engels) und Marxstadt, sozusagen zu seinen deutschen „Wurzeln“, intensive Unterhaltungen mit der weitverzweigten Verwandtschaft, das Kennenlernen der führenden Heimat- und Sprachforscher Prof. Georg Dinges und Paul Rau, hinterließen bleibende literarische Spuren. Seine diesbezüglichen Eindrücke schilderte er in einem Brief. So entstand die Erzählung „Die deutsche Geschichte“, erstmals 1928 veröffentlicht in der führenden Literaturzeitschrift „Nowy mir“ (Neue Welt).

Lit.: Natalie Kromm: „Mein richtiger Name ist Wogau (…)“ – Wolgadeutsche Bezüge im Leben und Werk des Schriftstellers Boris Pilnjak, in: Gemeinsam getrennt. Bäuerliche Lebenswelten des späten Zarenreiches in multiethnischen Regionen am Schwarzen Meer und an der Wolga. Hgg. v. Victor Herdt und Dietmar Neutatz. Wiesbaden 2010, S. 271-293.

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Georgi Wiens

Georgi Wiens (1928-1998), russischer religiöser Aktivist und Menschenrechtler deutsch-mennonitischer Herkunft. Er stammte aus einer tief gläubigen Predigerfamilie: der Großvater Jakob Wiens (1874-1944), in den Molotschna-Kolonien, in Südrussland geboren und aufgewachsen, war bereits ein Reise-Prediger in der Ukraine und im Wolgagebiet, im Fernen Osten und in Kanada. Der Vater Peter Wiens (1898-1937) wurde in Samara geboren und wuchs in Kanada auf, wohin die Familie 1911 wegen der Verfolgung der Baptisten seitens der Zarenregierung emigrierte. Peter kehrte in den Fernen Osten zurück, wo er eine Baptistengemeinde betreute. 1937 wurde er verhaftet und zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Georgis Mutter war russischer Herkunft. 1946 siedelte die Witwe mit den Kindern nach Kiew über. Hier absolvierte Georgi die polytechnische Hochschule und arbeitete als führender Ingenieur in einem Projektinstitut, bis ihm nach der öffentlichen Bekanntgabe seiner Predigertätigkeit 1962 gekündigt wurde. Anfang der sechziger Jahre maßgeblich an der Abspaltung von dem behördenhörigen Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten beteiligt und zum Sekretär des neuen dissidentischen Glaubensbekenntnisses, dem späteren Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten (RK EChB) berufen. Diese sog. Initiativ-Baptisten lehnten eine offizielle Registrierung generell ab und forderten vom Staat die Respektierung eines freien und autonomen Gemeindelebens. Bereits 1966 verhaftetund  für drei Jahre in ein Straflager gesteckt, wurde Wiens 1974 für seine religiöse Überzeugungen zu zehn Jahren im Straflager unter strengem Regime verurteilt. Sowjetische Massenmedien zettelten eine regelrechte Hetzkampagne gegen ihn und die Anhänger der RK EChB an. Eine starke Solidarisierung im In- und Ausland brachte schließlich die Befreiung: 1979 hat die Kremlführung ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt und zusammen mit einigen anderen prominenten Dissidenten im Umtausch für zwei verurteilte sowjetische Spione in die USA ausgewiesen. Dort gründete er eine Auslandsvertretung des RK EChB  und klärte die westliche Öffentlichkeit über die missliche Lage der Gläubigen in der UdSSR auf.

Werke: G. P. Wiens: Zeugnis vor der Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 7 Juni 1979. Missionswerk Friedensstimme. Köln 1979; ibid: Wie Schafe unter Wölfen: Erfahrungen eines Christen in sowjetischen Straflagern. 2. Aufl. Gummersbach 1989; ibid.: Auf dem Pfad der Treue. Gummersbach 1999

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Hintergründe

 

Allgemeine historisch-politische Hintergründe

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