Schwabenkinder: eine frühe Form der Migration – und die Geschichte "armer Leute"

Schwabenkind auf dem Weg ©BHM Wolfegg

Über Jahrhunderte wanderten Hütekinder aus Alpenländern in den Bodenseeraum

Stefan Jehle

Als „Schwabenkinder“ bezeichnete man noch im vergangenen Jahrhundert die Kinder aus Vorarlberg und Tirol, aus den Bergregionen Südtirols und der Südost-Schweiz, die alljährlich im März zu den Kindermärkten in Oberschwaben, und dem nördlichen Bodenseeraum zogen. Es handelte sich um eine frühe Form der Migration – der „Leiharbeit“ und heute verpönter Kinderarbeit, deren Geschichte aber erst seit der Jahrtausendwende wirklich aufgearbeitet wird.

Die „Hütekinder“, wie sie auch genannt wurden, und welche sich alljährlich ab dem Frühjahr auf schwäbischen Bauernhöfen verdingten, waren im Schnitt zwischen sieben und 14 Jahre alt, wobei es aber keine Seltenheit war, dass auch schon Sechsjährige, ja sogar Fünfjährige mitgeschickt wurden. Zu „Martini“, dem Erntefest im November, kehrten die Kinder im Regelfall zurück in ihre eigenen Familien – nach oft hunderten von Kilometern des Weges, die sie dabei zu Fuß zurück legten: über schneebehangene Pässe, die sie schon bei Ankunft im Frühjahr meistern mussten.

Zu Beginn des Jahres 2012 ist das Schicksal tausender einstiger „Schwabengänger“ – Fachleute sprechen von bis zu 4.000 Kindern Jahr für Jahr, die sich auf Wanderschaft machten – Thema länderübergreifender Ausstellungen in insgesamt 25 Präsentationen geworden zwischen Tirol, Graubünden und dem Bodensee. Dreh- und Angelpunkt des von der EU in Brüssel über Fördermittel aus so genannten „Interreg-Programmen“ unterstützten Projektes zur Aufarbeitung der – oft leidvollen – Geschichte der Kinderarbeit früherer Jahrhunderte, ist das Bauernhausmuseum Wolfegg (Landkreis Ravensburg), eines von sieben Freiluftmuseen in Baden-Württemberg. Im nahen Ravensburg gab es lange Zeit den größten „Hütekindermarkt“, später war der Hafen von Friedrichshafen „Umschlagsplatz“.

Der – von Oberschwaben nicht arg weit entfernte – Bregenzerwald, Naturlandschaft im heutigen österreichischen Bundesland Vorarlberg, stand als Synonym für Armut in den Alpentälern, auch der sehr viel weiter entfernt liegenden Bergregionen, ebenso wie die erst zu Beginn des neuen Jahrtausends Verbreitung findende fiktionale Geschichte des „Kaspanaze“ – und gleichzeitig für die oft unsäglichen Bedingungen, unter denen Schwabenkinder in der Vegetationszeit auf Höfen „im Schwäbischen“ arbeiteten. Aber man darf sich dabei nichts vormachen: Kinderarbeit gehörte noch bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts zum Alltag, auch in Deutschland.

Schwabenkinder rücken erstmals breiten Bevölkerungskreisen ins Bewusstsein

„Kaspanaze“ (das Kürzel steht für Kaspar-Ignaz), Titelheld des 2002 erschienenen Erfolgsromans „Die Schwabenkinder“ rückte die frühe Form von Kinderarbeit, die gleichzeitig eine Geschichte „armer Leute“ ist, erstmals breiten Bevölkerungskreisen ins Bewusstsein. Autor ist der 1948 geborene Österreicher Elmar Bereuter, selbst als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie – mit einstmals gerade mal vier Kühen – Nachfahre eines „Schwabengängers“. Er lebte als Kind der Nachkriegsjahre den Sommer auf einer Alpe ohne Strom und Autozufahrt, in einer Region, die heute doch einen vergleichbar hohen Wohlstand erreicht hat – durch Tourismus und Wintersport. Mittlerweile arbeiten auch viele Oberschwaben in Vorarlberg.

Zum wohl ersten Mal überhaupt, hat sich ein früherer Direktor des Stuttgarter
Arbeitsamtes systematisch der Geschichte der Schwabenkinder in früheren Jahrhunderten genähert: Otto Uhlig fand in den 1960-er Jahren in alten Akten Material zu diesem Thema und schrieb im Ruhestand ein Buch, das 1978 unter dem Titel „Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg“ erschienen war.

Bild: Rätisches Museum Chur

Harte Kindheiten, Trennung der Buben und Mädchen von ihren Eltern, ständiges Heimweh, bei wildfremden Menschen sein, Hungergefühle, häufiges Bett einnässen, Schlafmangel, in der Hierarchie noch unterhalb den Knechten der Bauern: das war Alltag für die Schwabenkinder, die im Regelfall morgens um fünf Uhr in der Früh aufstanden, erste Arbeiten im Kuhstall verrichteten. Nicht jeder und nicht jede hatte es dabei „gut getroffen“, im Wortsinne: auch körperliche Züchtigung war anzutreffen, mancher Bauer gab sich arg rau – viele sahen allein die Arbeitskraft in den Kindern.

Idylle war anders, die wohlbehütete Jugend heute kann sich kaum vorstellen, welche Entbehrungen Kinder aus den Bergen noch im 19. und 20. Jahrhundert auf sich nehmen mussten – um zu überleben, oder um der Familie im Herbst ein klein wenig Geld, und für sich selbst neue Kleidung mit nach Hause zu bringen. Fern von Heimat und Familie, betrogen um Kindheit und Bildung: das ist das Fazit der noch bis in die 1940-er Jahre praktizierten „Schwabengängerei“, betagte Vorarlberger und Tiroler hatten zuletzt mehrfach in Fernsehsendungen von Armut und Kargheit berichtet.

Die Ausstellungen in den fünf Ländern, von insgesamt 27 Projektträgern und kulturellen Einrichtungen an 25 Ausstellungsorten seit Anfang 2012 umgesetzt, geben den Menschen, den einstigen Schwabenkindern aus den Alpenländern Gesichter – und damit ein Stück ihrer Würde zurück. Ausstellungsstücke sind rar, so muss man sich weitgehend auf Erzählungen verlassen, wie im Fall des fiktionalen „Kaspanaze“ des Autors Elmar Bereuter, der 2003 auch verfilmt wurde von Filmemacher Jo Baier – in einem mehrfach ausgezeichneten Kinoepos.

Ravensburg: lange Zeit der größte oberschwäbische Hütekindermarkt

Eine Dauerausstellung im Ravensburger Stadtmuseum Humpis präsentiert dabei die Rolle des lange Zeit größten oberschwäbischen Hütekindermarktes: als eine der „drei Säulen“, der Aspekte, unter denen der Schwabenkinder historisch aufgearbeitet wird – neben den bekannten und beschwerlichen Fußwegen, aus den Alpen, über die schneebehangenen Bergpässe und bis zum Bodensee – und neben dem Alltag auf den Höfen, der Kinderarbeit mit Licht und Schatten.

Der Markt in Ravensburg besteht schon hunderte von Jahren. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden in der oberschwäbischen Stadt aber nicht nur Vieh und Korn gehandelt, sondern auch Kinder. Daran erinnert seit 2002 eine Skulptur des Bodmaner Künstlers Peter Lenk. Sie hängt am Gebäude des ehemaligen Gasthofs Krone in der Bachstraße – die auch heute noch so heißt. Die Skulptur zeigt einen Geistlichen, der auf dem Bauern hockt – und der, als schwächstes Glied der Kette, einen Jungen züchtigt. Ein drastischer, und kirchenkritischer Blick auf Verquickung zwischen Religion, kinderreichen Familien – und dem Geschäft mit der Kinderarbeit. Im Gasthof und davor in der Bachstraße wurden Bauer, Kind – und mit Aufkommen der kirchlich geprägten Hütekindervereine – der geistliche „Kooperator“, ein Priester der die Kinder über Alpenpässe geführt hatte, meist schnell handelseinig.

Per Handschlag wurde das Schicksal der Heranwachsenden besiegelt, die für ein halbes Jahr das Vieh hüten – oder im Haushalt und Stall helfen sollten. Andreas Schmauder, Stadtarchivar und Leiter des Ravensburger Stadtmuseums Humpis hat sich mit vielen solcher Kinderschicksale beschäftigt. Die Schacherei auf oberschwäbischen Märkten fand – ausgerechnet in Übersee – erstmals 1908 eine deutschsprachige Zeitung im US-amerikanischen Cinciniatti besonders empörend. In dem Artikel wurde beispielsweise der Friedrichshafener Markt als „kaum verhüllter Sklavenmarkt“ bezeichnet. In Ravensburg wurden die Kinder zeitweise sogar mitten auf dem städtischen Viehmarkt den oberschwäbischen Bauern angeboten. Mit Bau der Arlbergbahn, und Einführung der Bodenseedampfschifffahrt hatte sich der Hauptmarkt von Ravensburg – nach 1890 – ins nahe Friedrichshafen verlagert.

Schwabenkinderwege: oft hunderte Kilometer über Alpenpässe hinweg

Neben dem Marktgeschehen, und dem Alltag auf den Höfen, war der beschwerliche Weg aus den Alpen nach Oberschwaben von immenser Bedeutung. Elmar Bereuter, der Vorarlberger Autor, hat viele Mosaike zusammen getragen – auch sein Vater war ein „Schwabenkind“. Über alle Landesgrenzen hinweg sind inzwischen Wanderwege ausgewiesen, die den Pfaden folgen, auf denen sich die Kinder seit dem Ende des 17.Jahrhunderts auf den Weg machten nach Oberschwaben. Bereuter hat nach seinem Roman aus dem Jahr 2002 inzwischen vier regionale Wanderführer zu den Wegen der Schwabenkinder verfasst: diese begleiten den Wanderer in einzelnen Etappen von den Heimatorten bis zu einstigen Arbeitsplätzen.

Wer aus Südtirol kam, musste zuerst über den 1.507 Meter (NN) hohen Reschenpass, in Tirol – und: bis zum Bau der Arlbergbahn – auch über den mit 1.793 Meter (NN) noch viel gewaltigeren Arlbergpass: durch Schneestürme hindurch, oft bei Eiseskälte, und alles dies zu Fuß. Und doch stets dabei von Heimweh geplagt. Die weitesten Anreisen waren aus Meran und Bozen in Südtirol, Innsbruck, Chur und dem Graubündner Valsertal: in der Regel waren das Wegstrecken von bis zu 200, im Falle Südtirol sogar von mehr als 300 Kilometern.

Das Schicksal der Schwabenkinder wurde zuletzt auch von Vereinen aufgegriffen, die sich für interkulturelles Verständnis, für das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten befassen – wie der Stiftung Geißstraße in Stuttgart. Am Bodensee selbst ist die Beschäftigung jedoch am intensivsten: das Bauernhausmuseum Wolfegg (Landkreis Ravensburg) hat die wohl umfassendste Ausstellung erarbeitet. Mit Hilfe modernster Technik, mit i-Pods, welche die klassischen Audiogeräte der Museen ersetzen, wurden Einzelschicksale lebendig gemacht. 15 Schicksale „von typischen Schwabenkindern“ begleiten den Besucher mit ihrer jeweiligen Lebensgeschichte durch die Ausstellung. Gesprochen wurden die Texte von Kindern aus den jeweiligen Herkunftsregionen: im jeweils landestypischem Dialekt.

Den Kindern wieder Namen und damit Würde zurück gegeben...

Dafür verantwortlich zeichnet die Kuratorin der Ausstellung, Christine Brugger, die auch gleichzeitig die Zusammenarbeit der 27 Kultureinrichtungen länderübergreifend koordinierte. Fünf Jahre hat sie sich auf eine Zeitreise begeben – inzwischen hat sie ein Bild vor Augen, wie der Alltag vieler Hütekinder und Dienstmädchen in Oberschwaben aussah. Die historische Rückschau wird komplettiert durch eine Datenbank, in der Höfe verzeichnet sind, auf denen „Schwabengänger“ ihr Auskommen fanden; und in der nach und nach die Namen – inzwischen 8.000 Biographien – der einstigen Kinder in der Fremde eingetragen wurden.

Der Platz, den die Schwabenkinder auf den Höfen einnahmen – es wurde schon erwähnt – befand sich am untersten Ende der Rangordnung. Sie waren allein körperlich schon die Schwächsten. Die so genannte Oberschwäbische Gesindeordnung von 1846, der Dienstboten, Knechte und Mägde unterlagen, gab den Rahmen vor: „Das Gesinde ist schuldig, seinen Dienst redlich, fleißig und aufmerksam und mit Geschick bei Tag und bei Nacht unverdrossen nach dem Willen der Dienstherrschaft ... zu besorgen. Im Übrigen muss sich das Gesinde allen häuslichen Anordnungen und Einrichtungen der Herrschaft unterwerfen, Befehle,
Ermahnungen, auch ernstliche Zurückweisungen mit Bescheidenheit annehmen“.

Es gibt nicht wenige Fälle, wie jenen, der 1862 in einem Dorf zwischen Ravensburg und Markdorf aktenkundig wurde: eine Maria Anna Willi aus dem Montafon im Vorarlberg erschien vor dem Bürgermeisteramt und beschwerte sich, ihr Sohn Josef sei von einem Bauern derart misshandelt worden, dass er nach zwei Wochen heimkehren musste und sich lange nicht von seinen Verletzungen erholte.

Es gibt auch viele Fälle von durchaus herzlicher Aufnahme: eine Maria Isabelle Lechleitner aus Ischgl kam 1872 nach Oberschwaben. Das zwölfjährige Mädchen blieb als Magd, heiratete acht Jahre später einen Eisenbahnvorarbeiter und bekam 13 Kinder. Eindrückliche Erinnerungen an den Arbeitsalltag hatte auch Regina Lampert, die als zehnjähriges Mädchen aus dem Vorarlberg 1864 nach Oberschwaben kam – und dies später in dem Buch „Die Schwabengängerin“ beschrieb. Ein kleines Mosaik – das die Kargheit der Umstände beschreibt – kehrt dabei immer wieder, an das sich auch die zuletzt in Fernsehsendungen interviewten, noch lebenden Kinder von einst erinnerten: „Der Tiroler Hütebub sagte zu mir, er habe so kalt an den Füßen. Ich lachte und sagte zu ihm: ‚Dort ist gerade ein warmer Kuhpflader, steh hinein, dann bekommst warm“


Information zu dem länderübergreifenden Ausstellungsprojekt: www.schwabenkinder.eu

Zeittafel

1625Die erste schriftliche Erwähnung einer Kinderwanderung.
1796Erstmals werden Zahlen genannt – 700 Kinder aus dem Bezirk Imst/Tirol.
1836Einführung der werktäglichen Schulpflicht in Württemberg, die für einheimische Kinder galt, nicht jedoch für die Hütekinder.
1844die früheste kritische Darstellung über den „Sklavenmarkt“ in Ravensburg.
1884Eröffnung der Arlbergbahn, durch den der gefährliche Passweg entfiel.
1891Gründung des (kirchlich geprägten) Hütekindervereins, der fortan die Vermittlung organisierte, und auch Höfe kontrollierte - ein markanter Wendepunkt.
Ende 19.JahrhundertDer Hütekindermarkt verlagert sich von Ravensburg nach Friedrichshafen.
1903Debatte im Deutschen Reichstag über ein Kinderschutzgesetz, das aber Kinderarbeiten in der Landwirtschaft ausdrücklich ausnahm.
1908eine amerikanische Zeitung prangert den Hütekindermarkt in Friedrichshafen als „Sklavenmarkt“ an.
1913Debatte im württembergischen Landtag über die Schwabenkinder.
1914Der letzte „offizielle“ Kindermarkt in Friedrichshafen.
1921Ausweitung der Schulpflicht auch für ausländische Kinder, damit verloren viele Bauern ihr Interesse an „den Fremdarbeitern“.
1940-er Jahreletzte bekannte Fälle von „Schwabengängern“...

 

Schwabenkinder

 

Ausstellung "Die Schwabenkinder" in Wolfegg

Alles über Hintergründe, Wanderwege und den Hütekindermarkt sowie Ausstellungen, Bildungsangebote und eine Datenbank von über 6000 Schwabenkindern.

Eine Kooperation von Museen und Stadtarchiven aus den fünf Alpenländern Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und Italien.

Das für das Projekt federführende Bauernhaus-Museum in Wolfegg zeigt in zwei historischen Gebäuden, in der Zehntscheuer und im Blaserhof, eine umfassende Ausstellung zu dem Phänomen der Schwabengängerei. 

Weitere Informationen: www.schwabenkinder.eu.

 
 
 
 

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