Landeskunde Baden-Württemberg

 

Erwin Rommel: Der Mythos wankt

Erwin Rommel. Foto: gemeinfrei.

Mit dem Namen Erwin Rommel verbinden sich viele Mythen. Der als „Wüstenfuchs“ bekannt gewordene Berufssoldat, der – laut einer Gallup-Umfrage des Jahres 1942 – in der Zeit des Nationalsozialismus phasenweise als der nach Adolf Hitler mutmaßlich „weltweit bekannteste Deutsche“ galt, spaltet bis heute die Geister. Zeitweilig wurde ihm sogar angedichtet, Teil des militärischen Widerstands gewesen – und dabei zum „Opfer“ geworden zu sein. Das möchten offenbar interessierte Kreise auch mehr als 70 Jahre nach dem Krieg weiter fortschreiben. Doch der Mythos um Rommel wankt.

Selbst nach dem Krieg war der in Heidenheim geborene spätere Generalfeldmarschall lange Zeit wichtiger Spielball von Propagandainteressen. Letztlich war er aber vor allem eines: ein überaus ehrgeiziger Wehrmachtsgeneral, und dabei an das System angepasstes willfähriges Werkzeug in einem lange geplanten Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten. Er war partiell auch beteiligt an Kriegsverbrechen, wie explizit auch neuere Forschungen belegen: zuletzt aufgearbeitet in anhaltenden Kontroversen um den Fernsehspielfilm „Rommel“ (Produzent Nico Hofmann, Regisseur Niki Stein, ausgestrahlt 2012). Vielfach ist dabei von einem „Erinnerungskonflikt“ die Rede.

Ein "aufrechter" und "rittlicher" Soldat?

Gedenkstätte Erwin Rommel in Heidenheim. Foto: Stefan Jehle.

Den aktuellen Stand der Debatte hat der angehende Historiker Daniel Sternal in einer Arbeit an der Universität Tübingen vorgelegt. Diese soll Ausgangspunkt der Erörterung an dieser Stelle sein. Ziel ist dabei gleichzeitig, die in der Nachkriegszeit lange aufrecht erhaltenen Mythen eines „aufrechten“ und „ritterlichen“ Soldaten zu entzaubern; gleichwohl der „Wüstenfuchs“ als vielleicht einer der letzten seiner Zunft bis heute einen eher guten Ruf genießt – selbst bei einstigen Alliierten, besonders in England. Und es soll aufgezeigt werden, welche Faktoren dabei – ganz ähnlich wie bei dem (mit Geburtsort Mannheim, ebenfalls aus Baden-Württemberg stammenden) Rüstungsminister Albert Speer – eine Rolle spielten, den weltbekannten Soldaten über viele Jahrzehnte hinweg, teilweise bis heute, für „einen guten Deutschen“ zu halten.

Es sei an dieser Stelle vorweggenommen: Rommel, bereits seit 1933 persönlich bekannt mit Adolf Hitler, war zwar nie formal Mitglied der NSDAP. Er galt aber, und das über lange Zeit, als „Hitlers Lieblingsgeneral“. Die beiden sollen, so wird vielfach berichtet, in „fast hypnotischer Art und Weise“ von einander angetan – und zueinander hingezogen gewesen sein (auch hier mit auffälligen Parallelen zum Fall Albert Speer).

Propagandaminister Joseph Goebbels hatte 1942 in einem Tagebucheintrag notiert: „Er (Anm. d. Red.: Rommel) ist weltanschaulich gefestigt, steht uns Nationalsozialisten nicht nur nahe, sondern ist ein Nationalsozialist“. Vielleicht in der Form zum letzten Mal hatte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg mit der Schau „Mythos Rommel“ in einer großen Ausstellung von Dezember 2008 bis August 2009 der Mär „vom guten Deutschen“ gehuldigt. Jedenfalls muss man diese Ausstellung als eine Art Kehrtwende in Richtung eines Geschichts-Revisionismus sehen – erstmals wieder nach rund 40 Jahren. Bei Experten stieß die fast neunmonatige Schau mitten in Stuttgart vielfach auf Kritik - es gab sogar Mutmaßungen, diese sei eine Art „Geschenk zum 80.Geburtstag“ des früheren Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel – dem einzigen Sohn des Feldmarschalls – gewesen. Sohn Manfred war OB von 1974 bis 1996.

  • 1891: Geburt in Heidenheim, im Nordosten von Baden-Württemberg
  • 1910: Eintritt in die württembergische Armee – Beginn der Laufbahn als Fahnenjunker im Infanterie-Regiment „König Wilhelm I.“ (6. Württembergisches) Nr. 124 im oberschwäbischen Weingarten
  • 1914-1918: Teilnahme am Ersten Weltkrieg, Dezember 1917 Verleihung Orden Pour le Mérite als damals höchste Tapferkeitsauszeichnung
  • 1916: Heirat der Lucie Maria Mollin – 1913, eine uneheliche Tochter, 1928, Geburt von Sohn Manfred
  • 1918: Ernennung zum Hauptmann, Rückkehr nach Weingarten in Oberschwaben. 1919 f. als Soldat in Weingarten, Friedrichshafen, Ludwigsburg – bis 1929
  • 1929-1933: Dresdner Alberstadt, Ausbilder an Offiziersschule
  • Ende 1933: Kommandeur in Goslar
  • Ende 1935: Lehrgangsleiter Potsdam, bis 1938. Zu der Zeit erschien sein Beststeller „Infanterie greift an“ (bis 1945 rund 400000-mal verkauft)
  • 1936/1939: zeitweilig Kommandeur Führerbegleitbataillon und Führerhauptquartier
  • 1938: dabei beim Einmarsch in Österreich und im Sudetenland
  • 1939: Kommandeur in Wiener Neustadt / Niederösterreich
  • 1940: Kommandeur des 7.Panzer-Bataillons
  • 1941: Oberbefehlshaber der deutschen Truppen Nordafrika
  • 1943: Absetzung als Befehlshaber in Nordafrika, ab Mai 1943 Einsatz in Italien, Leitung der Besetzung Italiens – nach der Absetzung von Diktator Mussolini
  • 1943: Umzug von Wiener Neustadt (Österreich), nach Herrlingen bei Ulm
  • 1944: Einsatz in der Normandie, Abwehr-Vorbereitungen zur erwarteten Invasion
  • 1944: am 17.Juli wurde Rommel bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet; während des Hitler-Attentats des 20.Juli lag er im Lazarett
  • 1944: am 14.Oktober wurde er zum Selbstmord gezwungen, nahm eine Zyankali-Kapsel, nahe seinem Wohnhaus in Herrlingen bei Ulm – am 18.Oktober 1944 gab es ein vom Führer angeordnetes Staatsbegräbnis in Ulm; der Öffentlichkeit war zu diesem Zeitpunkt suggeriert worden, Rommel sei seinen schweren Verwundungen an der Westfront in Frankreich erlegen
  • 1947/1950 f.: diverse Publikationen und Biographien – mit Festigung des Mythos
  • 1961: Errichtung eines monumental wirkenden Denkmals am Stadtrand von Heidenheim durch den nach dem Weltkrieg entstandenen Verein Deutsches Afrika-Korps; Einweihung u.a. durch den damaligen Innenminister Hans Karl Filbinger

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„Ein wichtiges Rad in einem verbrecherischen Krieg“

Protrait Peter Steinbach. Foto: Privat.

Die Ausstellung wurde beispielsweise als „verquere Heroisierung“ bezeichnet. Selbst die Präsentation militärischer Gebrauchsgegenstände von Erwin Rommel durfte offenbar nicht fehlen. Auch hätte man Bilder vermisst, die die Schrecken des Krieges zeigten: „Kein Bild zeigt uns verbrannte Panzer, jämmerlich verreckte Menschen und zerstörte Natur“ (Zitat nach Sternal 2016, S.35). Dabei fanden immerhin rund 250.000 deutsche Soldaten den Tod im Afrikafeldzug. Sternal spricht von „indikavistischer, interessengeleiteter Geschichtsschreibung“; der Autor hatte dabei auch umfangreiche Gespräche mit dem bekannten Historiker Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, geführt. Danach war Rommel keinesfalls der „ritterliche Held“, der Verbrechen ablehnte – oder der frei war vom Verdacht verbrecherischer Kriegsführung. Laut Gesprächen des Autors mit Steinbach war Rommel „nicht nur ein wichtiges Rad in einem verbrecherischen Krieg“, sondern habe auch „im Rahmen des Krieges Verbrechen hingenommen“ (Sternal 2016, S.36; Peter Steinbach selbst hatte für Dezember 2017 hat eine lange geplante Rommel-Biographie angekündigt).

In neueren Forschungsarbeiten (darunter mehrere Publikationen von Wolfgang Proske) wird immer wieder betont – vor allem anhand erhaltener persönlicher Briefe von Erwin Rommel an seine Ehefrau Lucie – wie sehr der Feldmarschall Diktator Hitler bewunderte, und dem von ihm geschaffenen Regime bedingungslos diente. Es hatte wohl allein mit seinem damaligen Ruhm in der deutschen Bevölkerung zu tun, dass die Verschwörer des Attentats vom 20.Juli 1944 um den Grafen von Stauffenberg den Feldmarschall Rommel mutmaßlich als „künftigen Reichspräsidenten“ auserkoren haben sollen. Es ist inzwischen mehr als deutlich, mit dem heutigen Wissen, dass Rommel eindeutig nicht an Planung und Ausführung des Attentats beteiligt war.

Selbst die Frage, ob er von dem geplanten Attentat wenigstens Kenntnis hatte, oder zumindest ahnte, dass die Ermordung Hitlers geplant war, ist heute mehr denn je umstritten. „Er sei gegen ein Attentat gewesen“, schrieb Erwin Rommels Sohn Manfred in seinen Memoiren (Manfred Rommel: Trotz allem heiter, Erinnerungen. 1998/ 2001, S.64). „Ich bin nicht beteiligt am Attentat. Ich habe in meinem ganzen Leben dem Vaterland gedient“, hatte Erwin Rommel seinem Sohn Manfred am 14.10.1944 zum Abschied gesagt (Proske 2010/2016, S.205). Widersprüche gibt es dabei zwischen den Aussagen von Sohn Manfred in einer Erklärung vom 27.4.1945 in Riedlingen, wonach der Vater „kein Verschwörer“ gewesen sei; und späteren Einlassungen des langjährigen Stuttgarter CDU-Politikers (Proske 2010/1016, S.216). Es bleibt Spekulation, ob Sohn Manfred mit veränderten Äußerungen in späteren Jahren ein positives Geschichtsbild seines Vaters in die Nachkriegszeit hinüberretten wollte: und auch ob dabei Rommels einstiger Stabschef Hans Speidel eine Rolle gespielt hat.

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Heute keine Figur des Widerstands mehr

Trauerfeier für Erwin Rommel. Foto: Bundesarchiv, CC-BY-SA-3.0

In einem mehrfach aufgelegten Lexikon zum militärischen Widerstand wurde Rommel 1984 letztmals aufgeführt, danach in Neuauflagen gestrichen – so etwa in Rudolf Lill, und Heinrich Oberreuther (Hrsg.): 20.Juli – Porträts des Widerstands; oder Peter Steinbach und Johannes Tuchel: Lexikon des Widerstands 1933-45 (Anm. d. Red.: die beiden Historiker Rudolf Lill und Peter Steinbach hatten längere Zeit an den Universitäten Karlsruhe und Mannheim jeweils einen Lehrstuhl). Seit den 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts werde Rommel „in weiteren einschlägigen Lexika überhaupt nicht mehr genannt“. Rommel sei kein „Idol“ mehr, sondern vielmehr „Repräsentant eines verbrecherischen Regimes“ gewesen und eigne sich nicht „zur Aufarbeitung von Geschichte“ (Zitate nach Proske 2010/2016, S.190).

Ein negativer Höhepunkt der (bereits genannten) Ausstellung im Haus der Geschichte – so beschreibt es Proske – sei der in Endlosschleife abgespielte Propagandafilm von Rommels Staatsbegräbnis in Ulm gewesen: „Präsentiert bei gedämpften Licht und unter getragener Trauermusik“. Rommel hatte am 14.Oktober 1944 eine Zyankali-Kapsel geschluckt, weil er von der NS-Diktatur dazu gezwungen worden war. Sein Name war nach dem Attentat vom 20.Juli mehrfach in den Folterkellern der Gestapo aus den Mündern von Verschwörern gefallen: obwohl es keine nachweisbare Beteiligung gegeben hatte. Daraufhin fiel er bei Hitler in Ungnade, schnell stand dann sein Todesurteil fest. Vermutlich beflügelte diese Art von Tod viele weitere Mythen. Sternal zitiert den Historiker Steinbach: „Ich glaube, dass unser (Anm. d. Red.: gewandeltes – und sich wandelnde) Rommelbild letztlich mehr über unsere Gegenwart aussagt, als über die Persönlichkeit Rommels selbst“ (Sternal 2016, S.49).

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Eine Ausstellung bringt die Kehrtwende

Ausgerechnet ein später bekennender Rechtsextremist, der Brite David Irving, hatte mit einer 1978 auf Deutsch erschienen Rommel-Biographie erstmals mit großer öffentlicher Resonanz die Beteiligung Rommels am Widerstand angezweifelt. Das hatte in der Folge zahlreiche weitere Studien mit Fragen nach dem Verhältnis des Feldmarschalls zum Nationalsozialismus gezeitigt: wie überhaupt die Rolle der Wehrmacht ab den 1980er Jahren intensiv überdacht wurde.

Für das endgültige Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ sorgte 1995 und in Folgejahren die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“, erstellt vom Hamburger Institut für Sozialforschung und dessen Finanzier Jan Philipp Reemtsma (Sternal 2016, S.19; die Ausstellung war erarbeitet worden von vier namhaften Historikern, zwei Deutschen und zwei Österreichern, unter der Leitung von Hannes Heer). Auch wenn David Irving seit Beginn der 1990-er Jahre aufgrund des Tatbestands der Holocaust-Leugnung dem Einreiseverbot in die Bundesrepublik Deutschland unterliegt, wird seine Arbeit bis heute auch von Rommel-Kritikern zitiert, etwa von Proske. Irvings Arbeit setzte damit Maßstäbe.

Aber warum wird überhaupt so viel, und anhaltend, über die Person Erwin Rommel diskutiert? Braucht es ein idealisiertes Bild von einem Soldaten – einem letzten Heroen des mörderischen Zweiten Weltkrieges? Sinnbildlich stehen dafür zwei Sätze aus dem Begleitkatalog zur bereits genannten Ausstellung im Haus der Geschichte 2008/2009, die einen eher unkritischen und undifferenzierten Blick erkennen lassen:

 

„Ein Mann, der Verbrechen ablehnte, und trotzdem einem Verbrecher diente.“

„Angesichts der Ritterlichkeit und Fairness‘, die ihm sogar seine einstigen Gegner attestierten, war er frei vom Verdacht einer verbrecherischen Kriegsführung.“

 

Buchautor Daniel Sternal. Foto: Stefan Jehle.

Autor Sternal unterstellt – da beide Zitate im Katalog ohne Quellenbeleg auskommen – dass diese Aussagen mit den Ansichten der Autoren übereinstimmen. Das erste Zitat widerlegt sich dabei selbst, wenn man bedenkt, dass Erwin Rommels steile Karriere einzig und allein durch Hitler ermöglicht wurde. Rommel stieg innerhalb von nur elf Jahren vom Major zum Generalfeldmarschall auf; nach 1936 war er auch zeitweilig für die persönliche Sicherheit Hitlers verantwortlich – im Führerbegleitkommando. 1938 wurde er sogar zum Kommandeur des Führerbegleitkommandos ernannt, im Rang eines Oberst (Sternal 2016, S.36 und S.11/12). Der Ruhm Rommels wuchs mit seinen Einsätzen in Afrika: wo er als Befehlshaber der deutsch-italienischen „Panzerarmee Afrika“ 1941 und 1942 zeitweilig die Engländer bis nach Ägypten zurückdrängen konnte. Er galt fortan als „der populärste General“ im Reich.

Das lag auch an der engen Zusammenarbeit mit Propagandaminister Goebbels, der Rommel zu einer Art „Pop-Star der Nazis“ ikonisierte.  Er schuf eine Art Heldensaga vom unerschrockenen Haudegen. Eigentlich war der Wirkungsort des „Wüstenfuchs“, der Schauplatz Nordafrika, nur ein Nebenkriegsschauplatz, und spielte für die Eroberungspläne der Nazis keine große Rolle. So spielten die Erfolge Rommels in der Wüste von Libyen, Tunesien und Ägypten den Machern der NS-Wochenschau in die Karten, konnten sie doch damit vom negativen Kriegsverlauf in Russland ablenken. So erschien Rommels Afrika-Einsatz als „eine einzige großangelegte Werbekampagne“. Das wurde dann zu einem regelrechten Mythos:

 

„Kaum ein General sei so von der Wichtigkeit des Propagandaeinsatzes durchdrungen wie Rommel. Eben daran zeige sich auch, welch ein ‚moderner General‘ er doch sei, sagte Goebbels zufrieden während eines Abendessens mit Hitler in der Reichskanzlei am 22.Juni 1942.“ (Sternal 2016, S.12 – zitiert nach Reuth).

 

Mit dem Mythos Rommel, mit der Schaffung des „idealen Soldaten“, war eine Heldenfigur erschaffen, die als unerschrockener Draufgänger und listiger Stratege, fortan die „deutschen Volksgenossen“ begeistern sollte. Aufgrund seiner militärischen Erfolge schrieb auch die Presse Großbritanniens oft voller Ehrfurchte und stilisierte Rommel zu einem „harten Gegner“. Das hielt an bis zu der entscheidenden Schlacht von El Alamein – einer Küstenstadt am Mittelmeer, zirka 100 Kilometer westlich von Alexandria – im Oktober 1942, dem der Rückzug über mehr als 1000 Kilometer bis in das viel weiter westlich liegende Tunis folgte.

Aus dieser Zeit stammt der Titel „Wüstenfuchs“. Gerade für die einfachen Soldaten schien Rommel „das leuchtende Vorbild“ schlechthin zu sein. Proske schreibt davon, dass sich „Erwin“ nicht zu fein gewesen sei, die einfachen Landser in vorderster Front zu besuchen – mit ihnen zu sprechen, ihr „Wir-Gefühl“ zu stärken. Dabei blieb aber eine große Diskrepanz zwischen den in der NS-Wochenschau gezeigten idealisierten Bildern, und der harten Realität im Wüstenkrieg (Proske 2010/2016, S.206 und 207).

Sternal beschäftigt sich derweil mit den Bedingungen für die Entstehung von Mythen. Ein politischer Mythos entstehe durch „Auslassungen, Einengungen und symbolische Zuspitzung“, indem man Teile des Geschehens „verdeckt, verschweigt, ignoriert“ und andere Momente besonders hervorhebt, ausstellt, inszeniert. Genau das scheint maßgeblich Anteil an der „Propagandafigur“ Rommel zu haben. Auch hier wird sein Gesprächspartner Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte 20.Juli, mehr als deutlich:

 

„Dieser Krieg, in dem der angebliche Saubermann Rommel agiert, rein militärisch agiert, war ein verbrecherischer Krieg. War ein Krieg der Weltanschauung. Ein Krieg des Völkermordes. Mit dem Ziel des Völkermordes, das war immer ein Ziel der Nationalsozialisten und daher kann dieser Mythos Rommel nur entstehen, wenn man von diesem Zusammenhang absieht. Davon lebt zu einem ganz erheblichen Teil die Erinnerung an Rommel. Man blendet bestimmte Erinnerungskontexte aus. Das ist problematisch.“ (Peter Steinbach; zitiert nach Sternal 2016, S.17)

Rommel - ein Nationalheros?

Gedenkstätte Erwin Rommel in Heidenheim. Foto: Stefan Jehle.

Ganz erheblichen Anteil an dem späteren Rommelbild im Nachkriegsdeutschland hatte sein ehemaliger Generalstabschef Hans Speidel – von Herkunft ein Schwabe, wie Rommel selbst – mit seinem Buch „Invasion 1944. Ein Beitrag zu Rommels und des Reiches Schicksal“. Speidel hatte 1947 ganz offen gesagt, er beabsichtige „aus Rommel den Nationalheros des deutschen Volkes zu machen“.

Die erste Biographie zu Rommel schrieb ausgerechnet der Brite Desmond Young im Jahr 1950, der 1966 verstorbene General hatte in der Wüste gegen Rommels Truppen gekämpft (wobei die Briten mit der Mystifizierung von Rommel – laut Proske – ganz offenkundig von eigenen Schwächen im Afrikafeldzug ablenken wollten).

Noch weiteren Auftrieb bekam die Popularisierung Rommels mit einem Film aus Hollywood. „The Desert Fox: The Story of Rommel“, mit James Mason in der Hauptrolle,  kam 1952 in die Kinos, und wurde zum Kassenschlager. 1950 hatte darüber hinaus Rommels Witwe, Lucie Rommel, die Memoiren des Weltkriegssoldaten veröffentlicht mit dem Titel „Krieg ohne Hass“. Damit war auch „eine positive Leitfigur“ in den Nachkriegswirren erschaffen und dankbar angenommen worden (Sternal 2016, S.18/19).

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Ausblicke

Wenn man auf das Leben des im Alter von 85 Jahren im Jahr 2013 verstorbenen ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel schaut, den einzigen Sohn des Feldmarschalls Erwin Rommel, kann man auf den ersten Blick vermuten – Sohn Manfred hat vom Ruhm des umstrittenen Vaters profitiert.

Als der CDU-Politiker 1974 erstmals als OB in Stuttgart kandidierte, war der Slogan – in schwäbischem Dialekt ausgedrückt – „dem Wüstenfuchs sein Jonger“, mehr als ein geflügeltes Wort. Manfred Rommel hat sich auch in seinen 1998/ 2001 erschienenen Memoiren nicht von seinem Vater distanziert. Vielleicht wollte, oder musste er das ja auch nicht, er – der später besonders liberal wirkende Politiker, der den Feldmarschall letztmals Oktober 1944, im Alter von knapp 16 Jahren, persönlich erlebte: als Erwin Rommel vor dem Freitod Abschied nahm von seiner Familie in Herrlingen bei Ulm.

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Zeit für eine Neubetrachtung

Manfred Rommel unterschied sich damit doch sehr deutlich von Albert Speer Junior, dem Sohn „von Hitlers Architekt“, dem einstigen Reichsrüstungsminister Albert Speer. Speer Junior, bei Kriegsende elf Jahre alt, hatte sich nach dem Krieg losgesagt und ist auf Distanz gegangen zu seinem Vater – der nach den Nürnberger Urteilen im Gefängnis von Spandau einsaß. In Interviews hatte Speer Junior immer wieder erzählt, dass er sein Leben lang auf die Verbrechen des Vaters angesprochen worden und dies für ihn nicht leicht gewesen sei. Wohl niemand kann für die Taten der Eltern verantwortlich gemacht werden, und  jeder trägt doch auch Verantwortung. Es bleibt Spekulation, ob Erwin Rommel (als einer von vielen Generälen) so wie Albert Speer Senior vor ein Kriegsgericht gekommen wäre: auch angesichts seiner gewachsenen Popularität gerade im angelsächsischen Raum. Er war jedenfalls, das ist verbürgt, im engsten Führungszirkel der nationalsozialistischen Diktatur beheimatet, und kann – auch als Nicht-Partei-Mitglied – als überzeugter Nazi gelten.

Es ist auch bei Erwin Rommel allerhöchste Zeit, den einstigen Feldmarschall aus dem „konstruierten Mythos“ der Nachkriegszeit (Sternal 2016, S.9) zu lösen und ihn in das Umfeld seiner Zeit einzuordnen.

Dazu gehört auch der Umgang mit den 1961 entstandenen Denkmälern – einer Gedenktafel an seinem zeitweiligen Wirkungsort Goslar (Sternal 2016, S.20) und dem Denkmal am Ortsrand seiner Geburtsstadt Heidenheim. Mit letzterem hatte sich 2010 und in den Folgejahren die Heidenheimer Geschichtswerkstatt befasst, und dessen Umgestaltung oder gar Entfernung gefordert (Sternal 2016, S.38). Eine 2011 angebrachte Informationstafel mit Erläuterungen – dem heutigen Zeitverständnis entsprechend – wurde „als peinliches Dokument geschichtlicher Ahnungslosigkeit“ im Jahr 2014 wieder entfernt. Über die Errichtung eines Mahnmals gegen Kriegsverbrechen bzw. für die Opfer der Gewaltherrschaft der NS-Diktatur wird in Heidenheim weiter diskutiert – aber ob es kommen wird, ist offen.

Neuere Forschungsergebnisse von Proske legen nahe, dass in Archiven von Tripolis (die aufgrund derzeit dort herrschender politischer Verhältnisse nicht zugänglich sind) noch weitere Erkenntnisse über mögliche Verstrickungen von Erwin Rommel in die NS-Vernichtungsmaschinerie „schlummern“ (Proske 2012/2017, S.153 f.). Neuere Initiativen der besagten Heidenheimer Geschichtswerkstatt legen auch nahe, dass im Norden von Afrika noch heute hunderttausende (vielleicht sogar Millionen) von Tellerminen im Wüsten-Boden vergraben liegen – eine Hinterlassenschaft von Rommels „Blitzkriegen“. Erwin Rommel hatte einst die von ihm selbst „Teufelsgärten“ genannten Minenfelder anlegen lassen: vermutlich zehntausende Ägypter haben, teils lange nach dem Krieg, durch die explosiven Hinterlassenschaften ihr Leben verloren – oder sind verstümmelt worden („Rommels explosives Erbe“, Artikel Süddeutsche Zeitung vom 20.Oktober 2017; ähnlich dazu auch ARD-Weltspiegel 26.August 2017).

Die Biographie des Historikers Peter Steinbach verdeutlicht einmal mehr, wie sehr Goebbels Propaganda Erwin Rommel zum „Vorbild des nationalsozialistischen Kämpfers“ machte und seine Charakterzüge, die sowohl durch Mut, aber auch durch Zweifel, durch Entschiedenheit und Depression, durch Distanz gegenüber dem Regime und Nähe zu Hitler geprägt waren. Bei den Gegnern galt er als „Wüstenfuchs“. Nach Kriegsende, so heißt es in Rezensionen zu dem Buch Steinbachs, sei dieses Bild gepflegt worden bis hin zu einem Mythos, der sich dann auch nutzen ließ, um nicht nur die NS-Zeit zu erklären, sondern auch das ambivalente Verhalten vieler Zeitgenossen „zu verklären und zu rechtfertigen“. Mehr denn je ist heute ein kritischer Blick auf die Wirkungsgeschichte eines deutschen Generals und Feldmarschalls gefragt: und ganz besonders natürlich beim bekanntesten deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

An dem „konstruierten Mythos“ der Nachkriegszeit gibt es noch einiges aufzuarbeiten.

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Über den Autor

 

Stefan Jehle ist freier Journaist aus Karlsruhe. 

 
 
 
 
 

Literatur

 

Daniel Sternal: Ein Mythos wankt: Neue Kontroverse um den Wüstenfuchs Erwin Rommel. 64 Seiten, Kugelberg Verlag Gerstetten, 2017/2017

Wolfgang Proske: Erwin Rommel – Ein Nachruf. Beitrag in der Reihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, herausgegeben von Wolfgang Proske; Band 1, NS-Belastete von der Ostalb, Kugelberg Verlag, Gerstetten, 2010/2016, S.189 f.

Wolfgang Proske: Zwei Rollen für Erwin Rommel beim Aufmarsch der Wehrmacht in Libyen und Ägypten, 1941 - 1943. Beitrag in der Reihe "Täter Helfer Trittbrettfahrer", herausgegeben von Wolfgang Proske; Band 3, NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg, Kugelberg Verlag, Gerstetten, 2012/2017,  S.153 f.

Manfred Rommel: Trotz allem heiter. Erinnerungen, 432 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, Stuttgart 1998/200

Peter Steinbach: Erwin Rommel. Ein deutscher Soldat, 150 Seiten. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, erscheint voraussichtlich Jahresanfang 2018 (Aus der Reihe Mensch - Zeit - Geschichte)

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des

Vernichtungskrieges 1941 - 1944. Ausstellungskatalog, 749 Seiten, Hamburger Edition; Hamburg 2002

 
 
 
 

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